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Landrat Streit blickt auf ein Jahr Corona im Eifelkreis zurück

Interview Joachim Streit : „Da merkte ich, es muss jetzt was passieren“

Von beängstigenden Bildern und unangenehmen Wahrheiten: Landrat Joachim Streit blickt auf ein Jahr Corona zurück.

Die Corona-Pandemie hat das Leben der Menschen radikal verändert. Vorbereitet war darauf keiner, umgehen musste damit jeder. Auch der Landrat, der im Eifelkreis als Krisenmanager an der Spitze steht. Mit uns hat Joachim Streit über Freude, Wut, Entbehrungen und Überraschungen gesprochen:

Sie haben sehr früh im Eifelkreis dazu geraten, größere Veranstaltungen abzusagen. Wann war für Sie klar, dass es nicht wie gewohnt weitergehen kann?

Streit: Ich haben die Nachrichtenlage zu allem rund um das Virus seit Dezember und Januar sehr intensiv verfolgt. Dann war ich am 29. Februar auf den runden Geburtstag eines guten Freundes eingeladen. Da merkte ich, dass ich anfange, mich unbehaglich in dicht gedrängten Menschenmengen zu fühlen. Am Folgetag wurde im Haus Beda eine Ausstellung eröffnet, und ich habe mich kaum noch in dem großen Saal aufgehalten. Da merkte ich, das funktioniert so nicht mehr, es muss was passieren, und habe zur Absage von Veranstaltungen geraten.

Zwei Wochen, bevor das auf Bundesebene zum Thema wurde. Sie haben dafür auch jede Menge Kritik einstecken müssen.

Streit: Ja, das ging von höhnischem Gelächter bis hin zu Rücktrittsforderungen. Aber gerade in einer solchen Situation hilft nur Transparenz. Dafür braucht es den Mut, die Wahrheit auszusprechen und auch unangenehme Entscheidungen zu treffen und die Stärke, die Kritik auszuhalten.

Was ist aktuell eine solch unangenehme Wahrheit, die Sie den Eifelern nur ungern sagen?

Streit: Wir sind im Pandemiegeschehen noch in der zweiten Welle und es rollt bereits die dritte an. Die Frage ist, wie bekommen wir die abgeschwächt. Es ist noch keine entspannte Situation. Dessen müssen wir uns bewusst sein.

Was ist über ein Jahr Pandemie Ihre größte Fehleinschätzung?

Streit: Ich war mir sicher, dass wir im Mai schon eine zweite Welle bekommen. Da hat mich die Sorge umgetrieben, was passiert, wenn wir die Schulen wieder öffnen. Aber da lag ich falsch. Der Lockdown hat rückblickend offenbar sehr gut gewirkt, und das Virus war vielleicht auch noch nicht so aggressiv wie die Mutationen. Die zweite Welle kam dann im Herbst.

Was hat Sie wütend gemacht?

Streit: Mit Blick auf große illegale Partys, wie sie mitten im Lockdown mit mehr als 100 Leuten an der Sauer gefeiert wurden, bin ich schon wütend. Durch die staatliche Schließung der Geschäfte stehen Existenzen auf dem Spiel und auf der anderen Seite dann eine solche Ignoranz, mit den Inzidenzwerten zu spielen, die wieder einen längeren Lockdown bedingen. Wütend macht mich auch, dass die Geschäftsleute, die diesen Beitrag für die Gesundheit aller leisten, nicht entsprechend entschädigt werden.

Was hat Ihnen Angst bereitet?

Streit: Diese Bilder aus Bergamo, wo das Virus so verheerend gewütet hat, und dann unsere Situation hier in der Grenzregion, wo nicht klar war, ob das über Straßburg und Luxemburg sich auf diese massive Weise in den Eifelkreis ausbreitet. Aber dann hat Luxemburg so enorm getestet und damit einen wichtigen Beitrag zur Sicherheit geleistet.

Sie haben sich für die Grenzöffnung zu Luxemburg stark gemacht.

Streit: Ja. Viele arbeiten im Nachbarland, haben dort Verwandte. Das Schlimmste: In Berlin hatte man nicht bedacht, dass Wunden aus der Nazi-Zeit aufbrechen können, wenn uniformierte und bewaffnete Militärs plötzlich an der Grenze stehen. Da wurde aufmarschiert, als gelte es, gefährliche Terroristen zu verfolgen, dabei ging es um die Eindämmung eines Virus. Das war alles andere als sensibel. Da hätte ich mir gewünscht, dass sich die Bundeskanzlerin persönlich entschuldigt.

Was hat Sie überrascht?

Streit: Die Welle der Hilfsbereitschaft in der Eifel hat mich wahnsinnig gefreut. Aber wirklich überrascht war ich davon nicht. So ist er halt, der Eifeler. In der Pandemie wurde auch deutlich, wie wichtig solche Hilfsstrukturen von Ehrenamtlichen wie das Rote Kreuz sind. Die, die sonst gar nicht so im öffentlichen Bewusstsein sind, sind zur Stelle, wenn sie gebraucht werden. Das ist toll, diese Hilfsbereitschaft und Einsatzfreude zu erleben. Überrascht war ich, als ich das erste Mal diese lange Schlange von Menschen gesehen habe, die sich testen lassen wollten, als wir die Sichtungsstelle aufgebaut hatten. Das hätte ich nicht gedacht, dass es so viele sind. Das war der Moment, da wurden die Zahlen über Infizierte für mich greifbar.

Was ist für Sie persönlich die größte Entbehrung?

Streit: Meine Mutter nicht umarmen zu können. Das fehlt mir sehr. Für mich ist es ein Widerspruch, von anderen zu fordern, sich einzuschränken, damit man sich sicher fühlt, selbst aber für sich herauszunehmen, dass Ausnahmen möglich sind.