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Meister der Reduktion: Ein Dokumentarfilmer besonderer Güte

Menschen in der Eifel : Der Filmemacher Dietrich Schubert wird 80

Meister der Reduktion: Der Filmemacher Dietrich Schubert, vielfach ausgezeichnet und Eifeler seit mehr als 40 Jahren, wird heute 80.

Das Werk des Filmemachers Dietrich Schubert ist umfangreich, aber wir wollen uns hier auf eine kleine, kaum bedeutsame und dennoch beispielhafte Szene konzentrieren. Zumal sie eine der, ernsthaft, spannendsten in der deutschen Filmgeschichte ist: Sie stammt aus „Ein trefflich rauh Land“, seiner Dokumentation von 1986 über ein Jahr in der Schnee-Eifel.

Wir sehen eine Schnecke am Straßenrand. Sie macht sich in aller Schneckenruhe auf den Weg zur anderen, unendlich fernen Seite. Das könnte öde werden, denkt man. Wäre da nicht die Kuhherde im Hintergrund. Die Kühe kommen näher. Das kann nicht gutgehen, denkt man, jedenfalls nicht für die Schnecke.

Dietrich Schubert mit einigen seiner Filmrollen in Kronenburg. Foto: Fritz-Peter Linden

Die komplette Herde trabt über sie hinweg. Und die Schnecke, es ist nicht zu glauben, kommt durch. Eine Heldengeschichte, wortlos erzählt in zwei Minuten. Und nein, die Szene ist nicht manipuliert.

Es ist einer dieser Momente, für die Dokumentaristen leben. Und er zeigt, wie Schubert, auf dessen Konto rund 70 Filme gehen, arbeitet: Abwarten, hinschauen, aufnehmen. Die Spannung muss nicht mit dramaturgischen Mitteln und technischen Kniffen herbeigezwungen werden. Und das Alltägliche wird zum Abenteuer.

„Man muss der Wirklichkeit Raum geben“, hat Schubert einmal zum TV gesagt. „Wer zu sehr am Konzept klebt, bekommt viele Dinge einfach nicht mit.“

Als der Trans-Europa-Express einmal in Kronenburg hielt: Grimme-Preisträger Dietrich Schubert wohnt im alten Bahnhof des Eifeldorfs. Foto: Fritz-Peter Linden

70 Filme, wie gesagt. Manchmal sind die Titel länger als der gesprochene Kommentar. Und immerhin 18 davon drehte er in der – und über die – Eifel: Sie sei tatsächlich, sagt er, eine der drei thematischen Ebenen geworden, die sein Werk hauptsächlich ausmachten. Eine weitere: Nationalsozialismus und Faschismus. Auch darüber machte er einen Film in der Region, 1991, unter dem Titel „Nicht verzeichnete Fluchtbewegungen oder Wie die Juden in der Westeifel in Freiheit kamen“.

Der Faschismus, er keimt wieder kräftig in diesen Zeiten – und erschrecke ihn, wie er bekennt: „Es hat da ja immer irgendwelche Strömungen gegeben“, sagt Schubert. „Aber wenn ich jetzt die Demos gegen Corona sehe, wo massenhaft Leute mitlaufen, sich vereinnahmen lassen und mit denen zusammen marschieren – schon wird mir wieder angst und bange.“

Grimme-Preisträger Dietrich Schubert wird 80 Jahre alt. Foto: Fritz-Peter Linden

Und die dritte Ebene? Die Wüste. Dorthin verzog er sich zuletzt 2011 für mehrere Wochen. Allein – wieder wartete er, ob etwas passiert. Und brachte starke Bilder mit. Wie auch 2007, als sich die Schuberts zusammen nach Tunesien aufmachten und die Reise ausschließlich in 360-Grad-Schwenks mit der Kamera erzählten. „Und dann begegnet dir in der Wüste von Tunesien ein riesiger deutscher Soldatenfriedhof“, sagt er. Eigentlich seien immer „irgendwelche Vorfahren schon dagewesen und haben Krieg gemacht“.

Anruf bei Norbert Scheuer, dem Schriftsteller und Freund: Dietrich Schubert, sagt der, „ist für mich ein Phänomen. Und ein großer Glücksfall für die Eifel.“

Denn dort, im alten Bahnhof am Dorfrand von Kronenburg im Oberen Kylltal, leben Schubert und seine Frau Katharina, ebenfalls preisgekrönte Autorin, Regisseurin und an vielen von Schuberts Filmen wesentlich beteiligt, seit mehr als 40 Jahren. Züge rollen schon lange nicht mehr an, schon gar nicht der Trans-Europa-Express, der einmal bei einer Sonderfahrt dort stoppte – Schubert hat noch das Foto davon. Stattdessen passieren jetzt Radfahrer die alte Station.

„Wer sonst“, sagt Scheuer, „hat die Geschichte der Eifel so festgehalten?“ Und so heftige Diskussionen ausgelöst? Nicht allen gefiel, dass die Eifel so trefflich rauh gezeigt wurde. Bei einer Vorführung, erzählt Schubert, hätten sich die Besucher gewundert, dass er und seine Frau ohne Polizeischutz gekommen seien. Die anschließende Diskussion sei dann aber richtig gut geworden. Wie sagte er vor ein paar Jahren? „Ich will mich mit den Menschen dieser Region auseinandersetzen, aber nicht die üblichen Werbefilme machen.“

Das erkannte auch die Konejung-Stiftung, die den Schuberts dafür 2008 den gleichnamigen Preis verlieh. Aus der Begründung: „Jenseits von weichzeichnerischer Tourismuswerbung und einlullender Regional-Idylle haben die beiden Dokumentarfilmer seit mehr als 25 Jahren der Eifel in filmischer Form ein Gesicht gegeben.“

Schubert wollte auch Scheuers ersten Roman „Der Steinesammler“ verfilmen, das Drehbuch war bereits geschrieben. Aber trotz zugesagten Fördergelds reichte es am Ende nicht für die Finanzierung. Stattdessen wurden sie Freunde. Vielleicht auch, weil es in ihrer Arbeit Ähnlichkeiten gibt: „Reduziert, mit ganz sparsamen Mitteln“, sagt Scheuer, arbeite der Dokumentarist. Er zeige nur, „was gezeigt werden muss“.

Schuberts letzter Film liegt acht Jahre zurück, heute fotografiert er nur noch und kehrt so zurück zum gelernten Beruf (siehe „Zur Person“). Auch wenn er nicht mehr dreht, die Filme halten stand: „Je älter sie werden“, sagt Norbert Scheuer, „desto aktueller werden sie.“

Das Publikum scheint es ähnlich zu sehen, wann immer Schubert einen seiner Filme – viele erhält man auch auf DVD – zeigt, sind die Säle voll. Und derzeit so gut besetzt, wie sie unter Coronabedingungen eben sein können.

An diesem Mittwoch wird Dietrich Schubert 80 Jahre alt. Ohne Party: „Wir verdrücken uns nach Belgien. Mit Maske und Abstand irgendwas zu feiern, hat ja keinen Sinn, darauf haben wir keine Lust.“

Trotzdem: Glückwunsch. Auch der Eifel, zu diesem Glücksfall.