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Mit 86 Jahren hat Ruth Hannover viel Spaß im Chat

Mit 86 Jahren hat Ruth Hannover viel Spaß im Chat

Wer Ruth Hannover mit ihrem Smartphone sieht, glaubt es kaum: Die Frau ist 86 Jahre alt und simst und chattet munter drauf los. Die digitale Welt gibt ihr ein Stück Lebensfreude, sagt die Triererin.

Trier. "Du kannst nichts kaputt machen!" Begleitet von diesem Satz ihres Schwiegersohns zog in Ruth Hannovers Leben vergangenes Jahr die digitale Revolution ein. Die 86-Jährige hat von ihrer Familie ein Smartphone geschenkt bekommen - fertig eingerichtet mit übersichtlichem Desktop.
Keine Angst vor "dem Ding"


Angst hatte die adrette Weißhaarige nicht vor "dem Ding", wie sie sagt. Ein bisschen was ließ sie sich erklären, manches auch mehrfach und eroberte so Schritt für Schritt die neue, fremde Welt von SMS und Internet. "Ich habe erst mit kleinen Buchstaben angefangen und dann gemerkt, es gibt ja auch die großen … Ich kann nicht viel, aber das reicht. Und es macht mir unheimlich viel Spaß. Das gibt mir Lebensfreude und viel Abwechslung."
Bei Google sucht sie nach Kreuzworträtsellösungen oder auch mal nach einem guten Lokal. Auf YouTube hört sie die Musik ihrer Jugend wie Bill Ramsey und Chris Howland. Sie macht Fotos mit dem Smartphone und verschickt sie. "Wenn andere das gemacht haben, dachte ich immer: Das kannst du im Leben nicht. Aber dann ging es", sagt die gebürtige Hessin, die seit Jahrzehnten in Trier lebt, und scheint selbst ein wenig erstaunt zu sein.
Doch nicht immer macht die Technik, was ihre Besitzerin will. Da bleibt Ruth Hannover locker. "Mal klappt es, mal klappt es nicht. Mal drücke ich zu lange, mal zu kurz." Sie lacht herzlich, zur Startseite findet sie immer wieder zurück.
Lachen muss die 86-Jährige auch häufig, wenn sie mit ihrer Familie, also den beiden Töchtern samt Ehemännern sowie fünf Enkeln mit Partnern, im Chatroom palavert. 14 Leute treffen sich da im geschlossenen virtuellen Raum und schreiben sich für alle Gruppenmitglieder direkt sichtbar kleine Textnachrichten oder schicken sich Fotos. Die Themen? "Wir machen Quatsch", sagt Ruth Hannover. Da zeigt die Enkelin beispielsweise per Foto, was sie gekocht hat und macht den anderen die Nase lang. Hannover: "Manchmal muss ich am Abend den Ton ausschalten, sonst höre ich die ganze Zeit Klack - Klack, wie es mit den Nachrichten hin und her geht." Per SMS, also mit Kurznachrichten, tauscht die Seniorin sich aber auch über ernstere Themen aus. Staubsauger zum Beispiel. Der alte von Ruth Hannover funktioniert zwar noch, aber er wird ihr langsam zu schwer.
Die Beine machen auch nicht mehr so richtig mit; Treppen steigen mit Arthrose ist ein langwieriges Geschäft. Auch die Finger sind davon betroffen. Das erschwert es gelegentlich, das richtige Symbol auf dem Touchscreen zu erwischen. Das blieb der Familie, die sich regelmäßig zum Brunchen und auch sonst häufig trifft, nicht verborgen. Also bekam Oma ein Tablet geschenkt. Und weil bei einer der Töchter gerade der Bretagne-Urlaub anstand, nahmen sie und ihr Mann eine Webcam mit nach Frankreich, die mit Omas kleinem Computer verbunden ist. Ein Klick und Ruth Hannover schaut auf den bretonischen Vorgarten. Ein Anruf genügt, und die Urlauber hüpfen zur Demonstration vor die Kamera und winken. Ruth Hannover lacht.
Auch sonst ist die weißhaarige Frau mit der flotten Frisur äußerst lebenslustig. Sie geht ins Theater, ins Kino, zur Altstadtfesteröffnung, macht Tagesausflüge oder sitzt gerne mal bei Calchera und genießt einen Aperol Spritz.
Häufig Gespräche mit Touristen



Dort kommt sie häufig ins Gespräch - meistens mit Touristen. "Die Trierer in meinem Alter gehen nicht mehr raus", sagt die 86-Jährige mit Bedauern. Die wenigen Menschen, die sie noch kennt, wollen nichts mehr unternehmen. Die anderen sind nicht mehr da. Im vergangenen Jahr ist ihr Mann gestorben, 62 Jahre war sie mit ihm verheiratet. "Der Kegelclub, die Rommérunde - da lebt niemand mehr", sagt Ruth Hannover und ergänzt: "Es ist nicht einfach im Alter, man muss sich die Freuden suchen." Auch wenn sie sich nach Gleichgesinnten für Unternehmungen sehnt, diese Kunst scheint sie zu beherrschen. mai