Mythos Ahrstrecke

Ein neues Buch von Manfred Jehnen beleuchtet die Geschichte einer mittlerweile fast vergessenen Bahnstrecke, die früher Jünkerath und Hillesheim mit Dümpelfeld verband. Das Ergebnis seiner Arbeit wird am Sonntag, 16. September, im Bahnhof Jünkerath vorgestellt.

Jünkerath. Vor 100 Jahren, am 30. Juni 1912, wurde die Bahnstrecke von Dümpelfeld nach Lissendorf feierlich eröffnet. Mittlerweile sind die Gleise schon lange verschwunden, nur noch das geübte Auge erkennt den ehemaligen Trassenverlauf in der Landschaft - unterstützt von verbliebenen Bauwerken aus der Eisenbahnzeit. Vieles von dem Wissen um die Bahnstrecke droht verloren zu gehen, da immer mehr Zeitzeugen sterben.
Doch pünktlich zum Jahrestag der Streckeneröffnung hat Manfred Jehnen von den Eisenbahnfreunden Jünkerath ein 272 Seiten starkes Buch verfasst, in dem er ausführlich auf Geschichte und Geschichten der Strecke eingeht. Vor zweieinhalb Jahren habe er begonnen, das vorhandene Material zu sichten und neue Informationen zusammenzutragen. Als erstes Ergebnis entstand im vergangenen Jahr das Begleitheft zur Ausstellung im kleinen Eisenbahnmuseum in Jünkerath.
Besonders beeindruckt haben ihn die vielen Reaktionen auf seine Zeitzeugen-Aufrufe. "Das war sehr schön zu erleben, wie viele sich da gemeldet haben und etwa noch Fotos von der Strecke hatten", sagt Jehnen. Beispielsweise der Zeitzeuge Oswald Mauel, der zu Kriegszeiten bei der Bahn war und oft auf der Strecke fuhr. "Es ist wichtig, dass man solche Leute noch hat", sagt Jehnen. "Die größten Schätze liegen oft im Schrank." Nicht zuletzt deshalb seien aus den ursprünglich geplanten 240 Seiten am Ende doch 272 geworden. Schon jetzt ist das Interesse an dem Buch groß, sagt Wolfgang Kreckler, der Vorsitzende der Eisenbahnfreunde. "In Insiderkreisen ist die Ahrstrecke ein Mythos." Daher gebe es bereits viele Vorbestellungen aus ganz Deutschland. Insgesamt sollen zunächst 500 Bücher gedruckt werden. Doch was macht die Besonderheit der Strecke aus? "Vor allem das Ausbauniveau", sagt Jehnen. "Das ist eher untypisch, sie ist ausgebaut wie eine Hauptbahn, zweigleisig mit großzügigen Kurvenradien." Denn vor allem militärische Gründe gaben den Ausschlag für den Anfang des 20. Jahrhunderts einsetzenden verstärkten Eisenbahnbau in der Eifel. Es galt, die Truppen möglichst schnell an die französische und belgische Grenze verlegen zu können, um gemäß dem Schlieffenplan in dem erwarteten Krieg gegen Russland und Frankreich zunächst den westlichen und dann den östlichen Nachbarn besiegen zu können. Ein weiteres Indiz dafür ist, dass die Bahnhöfe zumeist außerhalb der Orte lagen.
"Der geschichtliche Hintergrund des Baus wird sehr nachvollziehbar dargestellt", sagt Kreckler, der das Buch gegengelesen hat. "So kann man verstehen, warum die Bahn genau so gebaut worden ist." ch
"100 Jahre Dümpelfeld - Lissendorf - Jünkerath" von Manfred Jehnen hat 272 Seiten und kostet 29,50 Euro. Es wird am Sonntag, 16. September, um 15 Uhr im Bahnhofsgebäude Jünkerath vorgestellt.
Extra

Die Ahrtalstrecke von Dümpelfeld (Kreis Ahrweiler) nach Jünkerath wurde im Juni 1912 eröffnet. Der Bau der etwa 48 Kilometer langen Strecke hatte drei Jahre vorher begonnen. Der Wunsch nach einer Bahnanbindung war aber deutlich älter: Bereits 1885 hatte der Bürgermeister von Hillesheim eine Denkschrift vorgelegt und einen Anschluss seiner Gemeinde an die Eisenbahn gefordert. Doch erst im November 1905 beauftragte die Eisenbahndirektion Köln die allgemeinen Vorarbeiten für die Strecke. Die Kosten beliefen sich auf geschätzte 13 Millionen Mark. Das Ende der Strecke kam Anfang der 1970er Jahre: Der Personenverkehr wurde im Juni 1973 eingestellt, der Güterverkehr von Dümpelfeld nach Hillesheim im September des gleichen Jahres. Im Anschluss wurde die Strecke abgebaut. Der Abschnitt von Hillesheim nach Lissendorf wurde 1982 ebenfalls stillgelegt. ch