1. Region
  2. Bitburg & Prüm

Nach Mord an Tankstelle: Verkäuferin spricht über Corona-Leugner

Corona-Leugner und Impfgegner : Nach Tankstellen-Mord: Die Sorgen und Ängste einer Kassiererin in der Eifel

Nach dem Mord an einem Tankstellen-Kassierer in Idar-Oberstein geht bei Berufskollegen die Angst um. Eine Verkäuferin aus der Eifel erzählt, wie sie sich fühlt, wenn sie mit Corona-Leugnern und Impfgegnern konfrontiert wird.

Als Ilse Weber gegen 6 Uhr aufschließt, hat sie ein mulmiges Gefühl in der Magengegend. Es ist früher Morgen und der Himmel noch dunkel über der Tankstelle in der Eifel. Sie ist allein, wie immer am Beginn der Schicht. Doch an diesem Arbeitstag fühlt sich alles anders an als sonst. Da ist auf einmal diese Unsicherheit. Was wäre, wenn?

Der erste Kunde stapft an den Zapfsäulen vorbei, die Maske hängt unter der Nase. „Bitte zieh sie hoch“, denkt Weber, die an diesem Morgen beileibe nicht die Nerven hätte, den Mann deswegen zurechtzuweisen. Doch zum Glück richtet der Herr den Mundschutz selbst, bevor die automatischen Türen sich öffnen. Er kauft was, geht wieder. Die Angst bleibt. Dabei macht Weber den Job seit Jahren: „Und früher hab ich mich dabei nie unwohl gefühlt.“

Geändert hat sich das am 18. September, als ein Kunde einen Berufskollegen in einer Tankstelle in Idar-Oberstein erschießt (der TV berichtete). Er habe mit dem Mord an dem 20-Jährigen „ein Zeichen setzen“ wollen, wird der inzwischen gefasste Täter später sagen, gegen die Corona-Maßnahmen. Ein Kopfschuss als Antwort auf die Weisung, er möge sich bitte eine Maske anziehen.

„Das hat mich so mitgenommen“, sagt Weber: „Dass da jemand sterben musste wegen eines Stückchens Stoff.“ Und man wisse ja nicht, wie viele Menschen es gebe, die zu so einer Tat fähig sind. Ob der nächste, der durchdreht, vielleicht einer ihrer Kunden ist?

Das ist auch der Grund, warum Weber ihren echten Namen nicht in der Zeitung lesen will. Und auch, wo in der Eifel sich ihr Arbeitsplatz befindet, erwähnen wir auf ihren Wunsch hin nicht. Denn die Verkäuferin will nicht noch mehr Ärger mit Corona-Leugnern, als sie ohnehin schon im Alltag hat.

Tatsächlich stellen auch Sicherheitsbehörden eine zunehmende Radikalisierung der sogenannten Querdenker-Szene fest. Angriffe auf Mitarbeiter im ÖPNV, im Einzelhandel und auf Ehrenamtliche hätten deutlich zugenommen, warnt dieser Tage nicht nur der rheinland-pfälzische Landtagspräsident Hendrik Hering (SPD).

Doch das Thema hat noch einen anderen Aspekt, auf den Herbert Rabl vom Tankstellen-Interessenverband in einem Gespräch mit der Zeitung „Welt“ hingewiesen hat: „Mit den Corona-Regeln wälzt die Politik polizeiliche Aufgaben auf Unternehmen ab. Der Tankstellenbedienstete wird zum Polizisten.“ Ist da was dran? Lässt die Politik Menschen wie Verkäuferinnen, Busfahrer oder Schaffner alleine bei der Durchsetzung des Infektionsschutzes?

Auch der Kassiererin aus der Eifel schlägt jedenfalls wöchentlich Aggression entgegen, wie sie sagt. Im Schnitt einer von zehn Kunden mache ihr inzwischen Probleme. Zwar sei die Atmosphäre in der Tankstelle bereits seit Beginn der Pandemie und der Einschränkungen angespannt gewesen. Doch mittlerweile werde sie immer öfter mit Corona-Leugnern und Impfgegnern konfrontiert, die Maßnahmen wie etwa die Maskenpflicht ablehnten und auf Ärger aus seien.

Wenn die Kassiererin zum Beispiel darauf hinweise, den Mundschutz aufzusetzen, werde schon mal rumgebrüllt. Auch Beschimpfungen gehörten zum Alltag. Ein Kunde habe sogar mal eine Colaflasche nach ihr geworfen. „Zum Glück“, sagt sie, „war die Scheibe dazwischen. Sonst hätte die mich getroffen.“

Was Weber erlebt, ist ein tiefer Fall. Wurden Verkäuferinnen im ersten Lockdown als Heldinnen der Krise gefeiert, sind sie für einige mittlerweile zu Hassfiguren geworden. Wer die Regeln zum Schutz vor Infektionen durchsetzt, muss mit Widerstand rechnen. Im Netz gibt es sogar Gruppen von Corona-Leugnern, die den Mörder von Idar-Oberstein für seine Tat feiern.

„Das ist für mich völlig unverständlich“, sagt Ilse Weber, die selbst sehr vorsichtig im Umgang mit dem Virus ist. Trotz doppelter Impfung trage sie weiterhin neuneinhalb Stunden Maske auf der Arbeit und lasse sich weiterhin regelmäßig testen: „Sicher ist sicher.“

Auch bei der Einhaltung der Regeln in der Tankstelle sei sie bisher immer konsequent und resolut aufgetreten. „Doch das Risiko gehe ich nicht mehr ein“, erklärt Weber: „Ich bestehe nicht mehr auf den Mundschutz, wenn mir einer schon aggressiv rüberkommt.“ Dem Kollegen aus Idar-Oberstein hätten der Alarm-Knopf und die Videoüberwachung in der Tankstelle ja auch nichts genützt.

Haben auch Sie in der Arbeit oder im Privaten schon Erfahrungen mit aggressiven Corona-Leugnern gemacht? Dann schildern Sie uns doch Ihre Erfahrungen unter E-Mail: eifel@volksfreund.de