Berufswelten: „Nachwuchs ist das höchste Gut“

Berufswelten : „Nachwuchs ist das höchste Gut“

Moralische, geistige und körperliche Höchstleistung: Altenpflege ist ein herausfordernder Beruf. Was treibt Auszubildende in diesen Job?

Deutschland altert. 3,4 Millionen Pflegebedürftige gibt es in Deutschland, Tendenz steigend. Ambulante Pflegedienste und stationäre Einrichtungen sind hier zur Stelle, um den Bedürftigen unter die Arme zu greifen. Doch der Fachkräftemangel in dieser Branche ist allgegenwärtig, auch in der Region, wo viele lieber in Luxemburg arbeiten gehen, weil dort die Bezahlung um ein Vielfaches besser ist.

Ein Knochenjob für die Altenpfleger: Im Frühdienst geht es morgens um 6 Uhr los mit der Grundpflege. Die Bewohner werden gewaschen, für das Frühstück fertig gemacht, erhalten ihre Medikamente. Je nach Pflegegrad muss auch mal mehr gemacht werden. Doch die Pflege hört nicht mit der Grundpflege auf, Duschen und Zimmerreinigung stehen ebenso auf dem Programm. Und auch die soziale Komponente darf an der Stelle nicht außer Acht gelassen werden: Oft sind die Pflegefachkräfte die ersten Personen, die die Bewohner morgens sehen – da ist es auch ganz wichtig, miteinander zu kommunizieren und zuzuhören während der Arbeit.

Zwei Auszubildende in der neu gegründeten Bitburger Altenpflegeschule mit Praxisblöcken im Haus Birkenhof sind Tatjana Hartwig (37) und Jasmin Wagner (42). „Durch die Kinder hatte ich nicht die Zeit für eine Ausbildung und habe viel gejobbt“, erzählt Hartwig. Seit 1998 lebt die vierfache Mutter in Deutschland.

Für andere Arbeitgeber könnte das Alter und auch der Nachwuchs ein Ausschlusskriterium sein, doch hier hat man sie erst als Praktikantin und inzwischen als Auszubildende genommen. Jetzt ist sie gemeinsam mit Jasmin Wagner Klassenbeste in der Berufsschule. „Natürlich ist man da stolz drauf, aber es ist kein Grund zum Angeben. Es zeigt uns eher, dass wir mit der Berufswahl richtig liegen.“ Beide haben sich sehr bewusst für diesen Job entschieden.

Hartwig erzählt, dass sie erst vor wenigen Jahren durch pflegebedürftige Angehörige an das Thema herangeführt wurde und Kurse für den richtigen Umgang mit diesen Menschen beim Deutschen Roten Kreuz (DRK) besuchte: „Da wusste ich: Das will ich machen.“ Jetzt biete sich die Gelegenheit für eine Ausbildung. „Besser spät als nie“, sagt sie lachend.

Bei Jasmin Wagner scheint es in der Familie zu liegen. Nicht nur ihre Mutter und Schwester sind in der Pflege tätig, auch ihre Kinder, die langsam erwachsen werden, möchten in diesen Beruf. „Seit ich 18 bin, habe ich als Hilfskraft in der Pflege gearbeitet.“ Jetzt gibt es die Möglichkeit für die Ausbildung zur Fachkraft und sie hat sie ergriffen. Ein Schritt, den sie nicht bereut.

Beide haben gerade das erste Ausbildungsjahr abgeschlossen. Einer ihrer Klassenkameraden ist Mamoun AlQuntar. Der 19-Jährige kommt aus Syrien und ist vor drei Jahren nach Deutschland gekommen.

Lieber wäre er Krankenpfleger geworden, denn in Syrien hätten ihm die alten Menschen oft Angst gemacht. Doch die Angst hat sich gelegt, spätestens seit seinem ersten Praktikum im Maternus Pflegeheim. „Damals hatte ich Probleme, die Menschen zu verstehen. Mein Deutsch war noch nicht so gut und viele sprechen nur platt“, sagt er mit einem Grinsen. Nach knapp einem Jahr habe sich aber die Sprachbarriere gelegt. Heute macht ihm der Job Spaß. „Wenn die Leute sich auf einen freuen, dann gibt einem das viel.“ Die Ausbildungsbetreuerin, Kerstin Hansen, ergänzt: „Am Anfang war Mamoun noch ziemlich schüchtern, aber jetzt blüht er hier richtig auf.“

Sowohl Hansen als auch der Leiter des Bitburger Birkenhofs, Dominik Cartus, wissen, dass es eine Grundvoraussetzung für den Job gibt: Empathie.

Im Birkenhof suche man sich die Azubis über Praktika genau aus. „Die Noten, Herkunft, Geschlecht, familiärer Hintergrund, Aussehen – an vorderster Stelle muss die Arbeitseinstellung und die Sympathie stimmen“, sagt Cartus. Für ihn ist der Nachwuchs das höchste Gut. „Wir müssen auch auf sie zugehen und intensiv Werbung etwa in den Schulen machen.“ Bei Nachmittagen mit Senioren können Schüler erste Berührungsängste schon überwinden. „Ich habe hier immer einen dicken Stapel Bewerbungen liegen.“ 17 Auszubildende sind in Bitburg gerade beschäftigt. Insgesamt arbeiten hier 94 Menschen – in der Pflege, der Betreuung, der Küche oder Administration – bei 105 Bewohnern. Das mag viel klingen, ist aber trotzdem oft zu wenig.

Tatjana Hartwig und Jasmin Wagner haben ihren Traumjob gefunden. Foto: Julia Nemesheimer
Altenpfleger ist ein Knochenjob, der viele Fähigkeiten fordert, allem voran: Empathie. Foto: dpa/Christoph Schmidt

In Gerolstein fangen zum August sieben neue Azubis an und zwei FSJler beginnen ihr Freiwilliges Soziales Jahr. Alle haben sehr gute Übernahmechancen. Berufssuchenden sagt Kerstin Hansen: „Ja, der Job ist anstrengend, aber die Medien zeichnen auch oft ein sehr negatives Bild. Meine Empfehlung: Es zum Beispiel bei einem Praktikum einfach mal selbst ausprobieren.“

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