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Neue Sorge ums belgische Atomkraftwerk

Neue Sorge ums belgische Atomkraftwerk

Die jüngsten Meldungen aus dem Atomkraftwerk Tihange im belgischen Huy, rund 90 Kilometer Luftlinie von Prüm entfernt, haben die SPD in der Verbandsgemeinde wieder auf den Plan gerufen: Die Genossen wollen wissen, wie es mit dem Katastrophenschutz bei einem größeren Störfall aussieht.

Prüm. Tihange macht wieder Schlagzeilen: Das 37 Jahre alte Atomkraftwerk in Huy bei Lüttich soll nun doch nicht, wie von der belgischen Regierung angekündigt, 2015 vom Netz genommen werden: Vor wenigen Wochen erfolgte der Beschluss, die Anlage mit drei Reaktoren bis 2025 weiterzubetreiben.
Eine Reihe von Störfällen


Fast gleichzeitig wurde bekannt, dass seit einigen Jahren aus einem Kühlbecken für Brennelemente radioaktives Wasser austritt, ohne dass man das Leck bisher gefunden habe - die vorerst jüngste in einer Reihe von Nachrichten über Störfälle und technische Probleme.
Während die Betreiber, der Konzern Electrabel, und die Atomaufsicht im Nachbarland darin kein Risiko sehen, zeigen sich Umweltschützer und Atomkraftgegner besorgt - wie auch die SPD im Verbandsgemeinderat Prüm, nicht zuletzt infolge der Reaktorkatastrophe im japanischen Fukushima. Bereits im vergangenen Dezember stellte Barbara Hiltawski daher im Rat die Frage nach dem Katastrophenschutzplan bei einem größeren Unglück im belgischen Kraftwerk.
Die Antwort von Bürgermeister Aloysius Söhngen, dass die VG-Verwaltung dafür nicht zuständig sei und solche Fragen an die Aufsichts- und Dienstleistungsdirektion (ADD) in Trier zu richten seien, befriedigte Hiltawski nicht. Umso größer, sagt sie zum TV, sei ihre Sorge nach den neuen Meldungen über Tihange. Dort sind jedoch im Plan der ADD auch nach Bekanntwerden der verlängerten Laufzeit keine Änderungen vorgesehen, anders als rund um das französische Kraftwerk Cattenom: "Als Ergebnis von Fukushima haben wir gemeinsam mit der Kreisverwaltung Trier-Saarburg die Evakuierungsplanung für Cattenom auf 25 Kilometer ausgedehnt", teilt ADD-Pressesprecherin Eveline Dziendziol auf TV-Anfrage mit. Damit seien bei einem Unfall im Reaktor einige Orte in der VG Saarburg betroffen, die Kreisverwaltung habe das bereits in ihren Planungen berücksichtigt.
Ob sich jedoch verängstigte Bürger im Ernstfall an diese Grenzlinie halten, bleibt zu bezweifeln. Daher, sagt Eveline Dziendziol, sei es "nicht auszuschließen, dass - ebenso wie in Japan - Evakuierungsmaßnahmen auch in größerer Entfernung als 25 Kilometer Entfernung notwendig sind".
Aber da geht es um Cattenom. Wie bereits berichtet, hätte ein Großunfall im belgischen Kraftwerk mit einem Austreten der radioaktiven Spaltprodukte Caesium 137 und Jod 131 (sie gerieten auch in Fukushima und Tschernobyl in die Umwelt) verheerende Auswirkungen auf die Region: Einer Simulation der Wiener Universität für Bodenkultur zufolge könnten schlimmstenfalls die Nordeifel und der Prümer Raum zum "langfristig unbewohnbaren Gebiet" werden.
Kein Evakuierungsplan


Dennoch ist hier keine Evakuierung vorgesehen. Der Katastrophenschutzplan, den die Kreisverwaltung dem TV in Auszügen übermittelt hat, sieht lediglich die Verteilung von Tabletten an die Bürger vor, um eine erhöhte Aufnahme radioaktiven Jods über die Schilddrüse zu blockieren. Entscheidend sei dann der Zeitpunkt der Einnahme, sagt Eveline Dziendziol: Nimmt man sie zu früh, geht ihre Wirkung verloren, bevor die radioaktive Wolke sich nähert. Es gelte abzuwarten, bis die Behörden grünes Licht geben.
Gegen Caesium 137 hilft kein Medikament, stattdessen müssen die Bürger im schlimmsten Fall die kontaminierten Gebiete verlassen - für lange Zeit: Während das Jod in etwa acht Tagen zerfällt, hat Caesium 137 eine Halbwertszeit von 30 Jahren.Extra

Eine Änderung im Katastrophenschutzplan der ADD ist nach der Fukushima-Katastrophe (März 2011) erfolgt: die für einen Großunfall überarbeitete Einteilung der sogenannten Planungszonen. Neben der Zentralzone unmittelbar um einen Reaktor (Umkreis: zwei Kilometer) und den weiter außerhalb gelegenen Mittel- und Außenzonen (10 und 25 Kilometer, bis dahin wird evakuiert) gibt es seitdem eine vierte, die sogenannte Fernzone. Diese liegt im Abstand von 25 bis 100 Kilometern rund um den betroffenen Reaktor. Im Fall von Tihange sind damit auch die westlichen Gebiete der Eifel erfasst, mit Orten in den Verbandsgemeinden Arzfeld, Prüm und Obere Kyll - und dort würden dann auch Jodtabletten ausgegeben. Erste Zielgruppe sind Kinder und Jugendliche bis zum Alter von 18 Jahren und Schwangere. Die Tabletten werden aus mehreren Großlagern an lokale "Hauptabgabeplätze" (in der Eifel: Gerolstein) gebracht, von dort zu "lokalen Abholplätzen" transportiert und anschließend von den Feuerwehren in die einzelnen Gemeinden gefahren. Von der Entscheidung, die Tabletten auszuliefern, bis zu dem Augenblick, in dem die Bürger sie erhalten, sollen maximal zwölf Stunden vergehen. fpl