Nicht alles, was glänzt, ist ein Meteorit

Geschichte : Bruchstück: Nicht alles, was glänzt, ist ein (Bitburger) Meteorit

2017 war es eine Sensation: Ein Mann hatte offenbar ein Bruchstück des Bitburger Eisenmeteoriten gefunden.  Nun hat ein Wissenschaftler festgestellt, dass der Stein nicht aus dem All kommt. Doch nicht jeder glaubt ihm.

Bei einer Fahrradtour im nordrhein-westfälischen Wülferath macht Yasar Kes eine Entdeckung. Am Boden fällt dem Stuttgarter Heilpraktiker ein sonderbarer, blitzener Stein  auf. Er steigt ab und buddelt. Nach und nach legt der Hobby-Geologe einen 150 Kilo schweren Brocken frei. Er sieht merkwürdig aus: An einigen Stellen ist das Metall glatt, weist aber auch Dellen, Kanten und Löcher auf.

Der Stein lässt Kes nicht mehr los. Er recherchiert und wird fündig. In einem Artikel in der Zeitschrift „Beiträge zur Geschichte des Bitburger Landes“ von 1994 liest er das erste Mal vom Eisenmeteoriten von Bitburg. Der war nicht irgendein Steinchen, nein, sondern ein wahrer Koloss: Noch heute gilt der Brocken als der größte, der jemals in Deutschland eingeschlagen ist. Das hat ihm sogar einen Eintrag im Guiness-Buch der Rekorde verschafft.

Kes kann sein Glück kaum fassen. Er kontaktiert Lothar Monshausen, Autor des Textes und Mitglied des Geschichtlichen Arbeitskreises Bitburger Land. „Mir kam die Sache damals schon komisch vor“, sagt der Bitburger, der sich mit Meteoriten auskennt: „Wie soll das Bruchstück von Bitburg in die Nähe von Wuppertal gelangt sein?“

Es ist nur eine Frage, die zu diesem Zeitpunkt im Jahr 2017 nicht beantwortet ist. Auch eine Untersuchung des vermeintlichen Meteorits durch Wissenschaftler der Universität Tübingen steht aus. Kes lässt mit dem Wasserstrahler trotzdem ein Stück aus dem Stein herausschneiden und schenkt es der Stadt Bitburg mit großem Tam-Tam (der TV berichtete).

Bis heute steht das Bruchstück auf dem Schreibtisch im Büro von Bürgermeister Joachim Kandels. Erst seit Kurzem weiß der Stadtchef, dass er nicht echt ist. Wegwerfen wolle man den Stein trotzdem nicht, sagt Verwaltungssprecher Werner Krämer: „ Wir stellen aber jetzt auch kein Schild auf, um darauf hinzuweisen.“

Zerstört hat den Wunschtraum vom Eisenmeteoriten eine E-Mail, die Kandels vor einigen Tagen erhalten hat. Sie stammt von Udo Neumann, einem Petrologen (das heißt Steinkundigen) von der Universität Tübingen. Ende 2018 hat er die Untersuchung des Brockens abgeschlossen. Das ernüchternde Ergebnis: Der von Kes gefundene Trümmer stammt wohl nicht aus dem All. „Es ist ausgeschlossen, dass das ein Meteorit ist“, sagt Neumann. Mit einer Mikrosonde hätten Wissenschaftler das Eisen geprüft und dabei festgestellt, dass kaum Nickel in dem vermeintlichen Kometen enthalten ist. Eisenmeteoriten bestehen aber immer zu etwa 5 bis 20 Gewichtsprozent aus dem Metall – so auch der echte Bitburger Himmelsstein.

Den hatten die Schwaben als Vergleichsobjekt. Denn ein Bruchstück ist im Besitz der Universität Tübingen. Weitere Teile liegen im Naturkundemuseum der Humboldt-Uni in Berlin und im naturhistorischen Museum in Wien (siehe Info). Wo die restlichen Teile sich befinden, bleibt ein Rätsel.

Auch Kes konnte es nicht lösen, und das sei für ihn eine Enttäuschung, sagt er. Er halte aber weiterhin daran fest, dass es sich bei seinem Fund um einen Meteoriten handelt. Dass hätte ein Händler aus Bochum ihm bestätigt. Die wissenschaftliche Analyse von Neumann zweifelt er also an.

Für Neumann ist der Brocken nämlich nicht mehr als eine „künstliche Masse“ aus Eisen und Mangan. Der Wissenschaftler vermutet, dass es sich um ein misslungenes Produkt der Firma Thyssen-Krupp handelt. Naheliegend, glaubt er: Denn das Unternehmen habe einst nahe des Fundortes in Wülferath einen Kalksteinbruch betrieben.

Die Enttäuschung über das Ergebnis seiner Untersuchung ist für Neumann übrigens nicht so niederschmetternd wie für Kes. Und schon gar keine Überraschung: Es sei nicht ungewöhnlich, dass sich vermeintliche geologische Schätze als gewöhnlich oder menschengemacht herausstellten.

Seit 1988 arbeite er in Tübingen, und es vergehe kein Jahr, ohne, dass zwei bis drei Personen auftauchten, die einen Fund mitbrächten: „Einen echten Meteoriten hatte in all der Zeit keiner dabei.“ Oft sei bei den Findern „der Wunsch der Vater des Gedanken.“

Auch bei der Stadtverwaltung Bitburg hatte man sich gewünscht, dass das Bruchstück echt sei, sagt Sprecher Werner Krämer: „Es ist aber besser, dass wir’s jetzt wissen.“ Im Gegensatz zu Kes vertraue man im Rathaus auf das Urteil des Tübinger Geologen.

Mehr von Volksfreund