Geschichte „Es muss nicht alles perfekt sein“
Prüm · Der ehemalige Abtprimas des Benediktinerordens, Notker Wolf, appeliert in Prüm zur Gelassenheit: Angst vor dem Fremden sei kein Grund zur Panik.
Überfremdung, Altersarmut, Kriminalität: Es gibt viele Dinge, die manche Menschen aktuell in Deutschland ängstigen. „Diese Ängste, wir müssen sie ernst nehmen, kommen von den Ungewissheiten. Wir Deutsche wollen gegen alles abgesichert sein. Es ist geradezu ein Wahn. Wir wollen keine Risiken eingehen und fürchten uns vor Dingen, die nicht abwägbar sind“, sagt der ehemalige Abtprimas des Benediktinerordens Notker Wolf (siehe Info). Gebannt lauschen knapp 150 Besucher seinen Worten. Eingeladen hat der Geschichtsverein Prümer Land. Wolf spricht in der Reihe Brennpunkt Geschichte über „Schluss mit der Angst – Deutschland schafft sich nicht ab.“ Es scheine in der Natur der Deutschen zu liegen, auf Nummer sicher zu gehen, alles durchzuplanen und im Griff haben zu wollen, kämen Unwägbarkeiten ins Spiel, verzweifele man: „Wir haben immer den Eindruck, dass wir an einem Ziel, das wir erreicht haben, ewig festhalten müssen - damit sich eben nichts verändert. Aber das Leben ist Veränderung - das ist schon immer so gewesen“, sagt er. Was sich aber verändert habe, sei der Umgang mit dem Glauben. Vergangene Generationen seien mit Gottvertrauen auf Herausforderungen zugegangen: „Die Dimensionen des Glaubens sind den Leuten abhanden gekommen. Ich nenne es die Verweltlichung der Christen.“
Der Mut zum Leben, das Vertrauen in andere Menschen, die Geborgenheit in Gott seien verschwunden. Dabei sei der Glauben früherer Menschen von einem wichtigen Wort Christi geprägt: „Fürchtet euch nicht.“ Und das sei grundlegend. „Darauf müssen wir vertrauen.“ Das Gespür dafür, dass die Schöpfung und mit ihr jeder Mensch ein Geschenk ist, sei abhanden gekommen.
Angesichts der vermeintlich kritischen Situation, die von der Einwanderung vieler Flüchtlinge ausgelöst wurde, vergesse man, dass Migration stets zur Menschheit dazu gehört habe. „Denken Sie ans 19. Jahrhundert, in dem viele Menschen aus Ihrer Gegend nach Amerika auswanderten, weil sie sich hier nicht mehr ernähren konnten. Heute würde man sie wohl als Wirtschaftsflüchtlinge diffamieren“, sagt Wolf. „Oder denken Sie an die Heimatvertriebenen nach dem Zweiten Weltkrieg. Es waren nicht eine Million Flüchtlinge, sondern zehn Million - sie kamen und waren nicht gerade sofort beliebt. Heute gehören sie dazu.“ Man habe es damals geschafft und werde es auch wieder können. „Es gibt nur einen Weg, alle zusammenzubringen. Wir müssen den Dialog finden und lernen, andere Meinungen zu akzeptieren.“