Ohne Uniform, aber mit offenem Ohr

Ohne Uniform, aber mit offenem Ohr

Erwin Schwarz kümmert sich um Fälle, in denen Jugendliche, Kinder, Heranwachsene involviert sind. Erkenntnis aus der jüngeren Vergangenheit: Die Drogenkriminalität hat ein hohes Niveau erreicht.

Prüm. Das Büro von Erwin Schwarz ist frisch gestrichen - beige die eine, hellbraun die andere Seite. "Das ist freundlicher", sagt der Jugendsachbearbeiter der Polizei-Inspektion Prüm. Wenig freundlich ist dagegen die Auslage in den beiden Vitrinen: Zahlreiche Schusswaffen, Schlagstöcke, Klappmesser, Würgehölzer und Wasserpfeifen stehen in den Regalen. Eine "bunte" Sammlung verbotener Stücke, die von der Polizei bei ihren Einsätzen sichergestellt wurden.Erwin Schwarz ist zuständig für den Altkreis Prüm und die Obere Kyll, 44 000 Einwohner, 70 Kilometer Grenze. Rund 200 Ermittlungsverfahren bearbeitet er im Jahr, unterstützt von seinen Kollegen. 30 Prozent davon fallen auf Betäubungsmittelkriminalität (Drogen), 30 Prozent auf Gewaltdelikte und der Rest auf Sexualdelikte, Diebstähle und Nötigungen.

Seit fünf Jahren kümmert der Familienvater sich hauptsächlich um Jugendkriminalität. Im Dienst der Polizei ist er schon 30 Jahre. "Obwohl bei den Gewaltdelikten ein rückläufiger Trend zu beobachten ist, bewegen wir uns auf hohem Niveau", sagt der Polizist. "In der Eifel sind alle Drogenarten sehr hoch vertreten", weiß der Experte. Ein Grund mit dafür, viel Zeit in die Präventionsarbeit zu stecken.

Neben dem Innendienst ist Schwarz viel in Schulen unterwegs, spricht auf Elternabenden und in Schulklassen. "Kinder und Jugendliche werden auf jeden Fall irgendwann mal mit Drogen konfrontiert", sagt er. Und Josef Junk, Leiter der PI Prüm, bestätigt: "Wir nehmen bei Verkehrskontrollen jetzt mehr Blutproben wegen Drogen als wegen Alkohol." Die Nähe zu den Niederlanden (Drogenroute A 60), aber auch gesellschaftliche Veränderungen seien die Ursache, dass dieses Problem in der Eifel groß ist, sagt Junk.

Unsitte: Jugendliche filmen Gewalttaten mit dem Handy

Fahren unter Drogeneinfluss ist gesellschaftlich nicht so verpönt wie unter Alkohol. In jedem Boulevard-Magazin im Fernsehen wird gezeigt, welcher Prominente wieder Drogen genommen hat, von Tabu-Thema kann keine Rede sein. Den Jugendlichen wird suggeriert, dass es normal sei, Drogen zu nehmen.

Neben der Strafverfolgung und der Prävention sieht Schwarz seine Aufgabe auch darin, erzieherisch zu wirken. "Diversion" heißt der Fachbegriff, was so viel bedeutet wie "Herumleiten um die Strafe". Am Morgen weiß er nicht, was ihn am Tag erwartet. Beschäftigt ihn am Montag noch schwerer Raub und Körperverletzung, kann es Dienstag schon das zerkratzte Auto des Nachbarn sein.

Oder eine verwüstete Wohnung, wie neulich, als drei Kinder bei einer arbeitslosen Frau eingebrochen sind, das Haus verwüstet, Hakenkreuze gesprüht und Sonnenmilch verschüttet haben. Außerdem nahmen sie Dinge mit und zerstörten Figuren. Die Kinder, alle unter 14 Jahre alt, sind nicht strafmündig. In diesem Fall fuhr Erwin Schwarz zur Familie hin und sprach mit den Kindern. Das Diebesgut wurde zu rückgegeben, der Schaden durch die Haftpflicht reguliert, das Jugendamt eingeschaltet.

Wegen der Diskretion trägt Schwarz keine Uniform. Auch sein Wagen ist zivil. Von den Straftätern wird er akzeptiert. "Die merken, dass sie von uns nicht über den Tisch gezogen werden. Manche sind auch froh, dass sie mal ernst genommen werden", sagt der Beamte. "Mit der Klientel, die wir haben, kommen wir noch gut klar", setzt Junk hinzu. Die Jugendlichen seien auch nicht schlimmer als früher. Die Gesellschaft insgesamt habe sich jedoch sehr verändert, meint der Leiter der PI Prüm. "Heute werden mehr Dinge angezeigt als früher. Da hätten die Leute noch mehr miteinander geredet und vieles selbst geregelt."

Ein sensibles Thema sei Gewalt an Schulen. "Die hat es immer gegeben. Doch früher hat man aufgehört, wenn der andere am Boden lag, heute tritt man nach und drei stehen daneben und filmen das mit dem Handy", ärgert sich Junk. Früher haben die Leute auch mal eingegriffen, heute schauen alle lieber weg. "Und welche Vorbilder haben Jugendliche denn heute noch?", fragt Schwarz.

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