Ourtal kontra Großrotoren

Winterspelt/Burg-Reuland · In der ostbelgischen Gemeinde Burg-Reuland wollen Investoren sechs Windkraftanlagen bauen lassen. Die Pläne für die 200 Meter hohen Rotoren aber stoßen auf Widerstand - auf deutscher wie auf belgischer Seite der Grenze.

Winterspelt/Burg-Reuland. Windkraft-Stress, die Nächste: Diesmal auf dem Steinkopf, einem Höhenrücken bei Auel-Steffeshausen in der belgischen Gemeinde Burg-Reuland: Dort plant die Mobilae PGmbH aus dem ebenfalls belgischen Elsenborn, sechs Windräder zu errichten. 200 Meter hoch sollen die Anlagen werden.
Das ist sehr hoch, 40 Meter höher als die Spitzen des Kölner Doms. Und nicht nur auf belgischer Seite zu sehen und vermutlich zu hören: Deshalb regt sich der Widerstand nicht nur in den Gemeinden jenseits der Grenze, sondern auch hüben, vor allem im Winterspelter Ortsteil Heckhalenfeld, dem die Anlagen am nächsten kommen.Anlagen genau im Blickfeld


Dort wohnt auch Sylvia Reinsch: "Das regt uns alle furchtbar auf. Bei uns im Dorf wohnen Leute, die dann nicht mehr draußen sitzen können." Denn die Rotoren werden markant zu sehen sein. Und zu hören: "Die Windrichtung ist da genau Süd-Südwest. Und das kommt genau nach Heckhalenfeld rein."
Auf belgischer Seite haben sich viele Bürger bereits in einem Schreiben an die Verwaltung in Burg-Reuland gegen das Vorhaben ausgesprochen, weil dadurch, so eines von etlichen Argumenten, "das Landschaftsbild des unteren Ourtals und Dorfbilder nachhaltig und dramatisch zerstört" würden. Außerdem seien die Windräder eine Gefahr für zahlreiche Tiere: "Rotmilane, Fledermäuse und andere geschützte Arten sind akut bedroht."
Auch die Ortsgemeinde Winterspelt reiht sich bei den Gegnern ein: Zwar sei man grundsätzlich für den Ausbau der erneuerbaren Energie.
Die Akzeptanz, schreibt der Gemeinderat in einer Stellungnahme an die Verwaltung in Burg-Reuland, sei beim Bürger aber nur dann gegeben, wenn er "erkennt, dass damit insgesamt ein positiver Effekt in der Ökobilanz eintritt": So lange aber das Atomkraftwerk Thiange bei Lüttich weiter betrieben werde, sei ein solcher Effekt eben nicht erkennbar.
Außerdem sinke der Erholungswert des Ourtals, "die Folgen für den Tourismus in dieser einzigartigen Natur- und Kulturlandschaft sind nicht absehbar". Die Anlagen, sagt Ortsbürgermeister Hubert Tautges, "sind außergewöhnlich hoch. Und von überall zu sehen." Die Dörfer in der Nachbarschaft würden davon regelrecht umzingelt.
Grundsätzlich stehe er zwar auf dem Standpunkt "lieber 100 Windkraftanlagen als ein Atomkraftwerk." Hier aber könne man nicht tatenlos bleiben - zumal es in diesem Fall einen Unterschied zu Deutschland gebe, wo verstärkt auf Windkraft gesetzt wird, um Atommeiler abschalten zu können. In Belgien aber gebe es dieses Konzept nicht, und so könne "eine alte Gurke" wie Thiange "weiter vor sich hinbrüten".
Die Gemeinde Burg-Reuland erwartet etwa 100 000 Euro Einnahmen im Jahr aus Steuern und Pacht. Man werde aber, sagte Bürgermeister Joseph Maraite im Grenz-Echo, "die Akte mit der gebotenen Sorgfalt prüfen." Der Weg sei allerdings noch weit, "wir reden hier über ungelegte Eier".
Die Investoren haben bekundet, dass sie ihr Vorhaben zwar gern umsetzen wollen, zumal man Naturschutz-Aspekte berücksichtigen werde: So könnten die Anlagen angehalten werden, um Vögel und Fledermäuse zu schützen. Es sei aber nicht in ihrem Sinn, "es mit aller Macht" gegen den Willen der Bürger "durchzuboxen".
Am heutigen Dienstag endet die Einspruchsfrist, Burg-Reuland ist zuerst am Zug: Das Gemeindekollegium mit Bürgermeister und Schöffen werde am Dienstag, 14. Juli, die Widersprüche begutachten und danach an die zuständige Behörde in Lüttich senden, sagt Sachbearbeiter Michael Mettlen. Eine Entscheidung erwartet er frühestens im Oktober.Meinung

Hüben wie drüben
Es ist genau zehn Jahre her: Im Juli 2005 berichteten wir über den Widerstand auf deutscher wie auf belgischer Seite gegen die Windräder, die in der Ortsgemeinde Roth bei Prüm geplant waren. Und jetzt stehen sie dort. Nun also auf der anderen Seite der Grenze der Versuch, Geld zu verdienen und einer Gemeinde Einnahmen zu verschaffen. Mit sauberer Energiegewinnung, die aber zugleich das beeinträchtigt, was doch dadurch geschützt werden soll: die Umwelt. Es ist paradox: Die weithin sichtbaren Windräder sind ein viel kleineres Problem als der Atommüll, der Jahrzehnte bis Jahrmillionen gefährlich bleibt. Den aber sieht und hört man nicht. f.linden@volksfreund.de

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