Pendeln zwischen Polen und Deutschland

Waxweiler · Haushalts- und Pflegekräfte aus Osteuropa sind immer wichtiger bei der Versorgung von Senioren - auch in der Eifel. Im Dekanat St. Willibrord hat man nun polnische Frauen und deutsche Familien zum gemeinsamen Abend zusammengebracht - auch, um eine Grundsatzdiskussion anzuregen.

Waxweiler. So lange wie möglich im eigenen Heim leben - viele ältere Menschen können sich ein Leben in einer Pflegeeinrichtung nicht vorstellen. Haushalts- und Pflegekräfte aus Osteuropa sind dann oft die willkommene Rettung in der Not. "Dass diese Lösung im Alltag schon längst Realität ist, dürfte jedem - der sich mit dem Thema auch nur ein bisschen beschäftigt hat - klar sein", sagt Petra Schweisthal, Leiterin der Fachkonferenz "Caritas und Pastoral" im Dekanat St. Willibrord.
Vieles wird verdrängt



Allein über die Situation, in der die Pflegenden hier in der Eifel leben, würde oft nicht nachgedacht. Ihr rechtlicher Status sei viel zu oft fraglich. Dass sie Heimat und Familie hinter sich lassen, werde einfach verdrängt. Die Fachkonferenz hat jetzt osteuropäische Arbeitskräfte, Angehörige von pflegebedürftigen Menschen und Mitarbeiter zusammengebracht. "Einerseits um ihnen endlich mal zu danken, aber auch um das Miteinander unter ihnen zu stärken. Sie gehören eben genauso wie alle anderen auch zu unserem Leben in den Gemeinden dazu", sagt Petra Schweisthal.
Seit sieben Jahren pendelt beispielsweise Eva Nowak (Name von der Redaktion geändert) zwischen ihrer Heimat im westlichen Polen und ihrem zweiten Zuhause in Waxweiler hin und her. "Ich bleibe hier meist zweieinhalb Monate und besuche dann für einen Monat meine Familie", sagt die 58-Jährige. Dann gehe es wieder zurück in die Eifel zum "85-jährigen Chef". In der ersten Zeit sei es ihr noch leicht gefallen, langsam vermisse sie aber ihr Land und ihren Mann immer mehr. "Mittlerweile rufe ich ihn täglich an."
Ihr gehe es gut hier, die Eifel sei wunderschön, die Menschen sehr liebenswürdig, aber Eva Nowak hat beschlossen, dass ihr jetziger Chef ihr letzter sein soll. "Ich mag ihn wirklich sehr, mache mir in Polen auch immer Sorgen, ob es ihm gut geht, aber langsam beginne ich, mir Gedanken über mein eigenes Alter zu machen", sagt sie. Es sei nicht einfach, Kontakte zu pflegen, nicht leicht, so weit weg von zu Hause zu leben.
"Das Pendeln ist sehr typisch und macht es schwer hier ein normales Sozialleben zu führen. Wenn man mit einem alten und kranken Menschen zusammenlebt, dann ist es nicht leicht, Anschluss zu finden und zu halten. Die psychische Belastung ist groß", sagt Petra Schweisthal. Etwa 50 Besucherinnen folgten der Einladung zum deutsch-polnischen Gottesdienst und Begegnungsabend. "Auch, weil es für uns eine Gelegenheit ist, sich zu treffen", sagt Nowak.
Genaue Zahlen nicht bekannt


"Wir sind selber erstaunt, dass die Kirche so gut gefüllt war", sagt Monika Dondelinger, Fachbereichsleiterin Frauen und Familie der Caritas Westeifel. Niemand könne genau sagen, wie viele Frauen aus Osteuropa im Dekanat oder auch in der Eifel lebten: "Wir wissen es einfach nicht. Ich stellte selber schon oft diese Frage, beantwortet wurde sie mir aber noch nie", sagt Dondelinger. Auch das zeige, dass politisch beim Thema Pflegekräfte noch einiges geregelt werden müsse (siehe Extra).
Laut dem Bericht der Pflegestrukturplanung im Eifelkreis Bitburg-Prüm von 2014 haben Anfang 2012 im Kreis 2903 Personen Leistungen der Pflegeversicherung erhalten. Die Tendenz sei steigend. 626 pflegebedürftige Personen wurden stationär versorgt (21,6 Prozent), während 796 Personen (27,4 Prozent) zu Hause von ambulanten Pflegediensten betreut wurden - 1481 Senioren wurde also privat gepflegt. "Es ist kein Geheimnis, dass die Frauen bei uns arbeiten, uns helfen und hier auch sehr willkommen sind. Wirklich zuständig fühlt sich aber kaum jemand. Das Thema wird gern zur Seite geschoben, nach dem Motto: Irgendwie läuft ja alles", sagt Monika Dondelinger.
Extra

Der deutsch-polnische Abend der Fachkonferenz Caritas und Pastoral im Dekanat St. Willibrordsteht unter dem Motto "Weit weg ist näher, als du denkst", der gleichzeitig das Jahresthema 2014 des Caritasverbandes ist. Der kritisiert in einem Positionspapier, dass "die Betreuung von Angehörigen vorwiegend als Privatangelegenheit gesehen" werde. Dabei gebe es viel zu klären. Konkret wird gefordert: Haushaltskräfte aus Osteuropa arbeitsrechtlich abzusichern - inklusive angemessener Bezahlung, Sozial- und Krankenversicherung und fachlicher Unterstützung, beispielsweise durch Pflegeeinrichtungen oder Sozialstationen. Betont wird die Verschiebung von Problemen. In Deutschland verbessert sich zwar die Pflegesituation, in den Heimatstaaten tun sich aber neue Probleme durch die Pendelmigration auf. Die Caritas fordert, dass in den Herkunftsländern die daheimgebliebenen Angehörigen durch die jeweiligen Staaten besser unterstützt werden müssen: Die weitaus meisten Frauen ließen ihre Familien in der Heimat zurück, Kinder würden von Verwandten versorgt. Der Begriff "EU-Waise" sei zwar missverständlich, drücke aber die emotionale Lage der Kinder und Jugendlichen treffend aus. Durch die Auswanderung von Pflegekräften entstünden neue Lücken in der Seniorenversorgung in den Heimatländern der Frauen. aff/Quelle: <%LINK auto="true" href="http://www.caritas.de" class="more" text="www.caritas.de"%>