Plötzlich brannten der Stall und die Scheune

Plötzlich brannten der Stall und die Scheune

Um zwölf Uhr mittags am ersten Weihnachtstag 1944 hatte Herr Bertram aus Aachen, der Chefkoch der Kompanie, die seit Wochen das Erdgeschoss in unserem Haus zur Verpflegungsstätte gemacht hatte, ein köstliches Mahl für seine Soldaten - und natürlich auch für uns - zubereitet. Es roch nach Weihnacht. Die Soldaten waren gerade dabei, Essen zu empfangen, als die Luft von einem Dröhnen erfüllt wurde - und da fielen sie auch schon, die alles vernichtenden Bomben. Der Ruß und die herabfallenden Trümmer aus dem Schornstein hatten das Essen vernichtet. Dann ging alles sehr schnell: Meine Mutter packte einige Sachen ein, und meine kleine, vierjährige Schwester und ich stapften durch tiefen Schnee zum nahe gelegenen Bach, wo ich sie am Ufer zur Tarnung in weiße Tücher einhüllte, denn die Flieger griffen immer noch das Dorf an. Wo Herr Bertram und seine Soldaten geblieben sind - wir haben sie nie wieder gesehen.Mein damals zwölfjähriger Bruder war im Nachbarhaus den Christbaum bestaunen, als plötzlich der Stall und die Scheune dieses Hauses Feuer fingen. Wir machten uns große Sorgen! Bald jedoch kam der Bruder unversehrt zu uns gelaufen. Nun hatte unsere Mutter wieder alle Kinder zusammen. Abends machten wir mit viel Stroh ein Nachtlager im Stall, wo es warm war - das Vieh war ja zum Glück noch da. Im Schein der Taschenlampe beteten wir: "Lieber Gott, lass es das gewesen sein." Am zweiten Weihnachtstag kamen die Tiefflieger schon sehr früh und schossen auf alles, was sich bewegte - oder auch nicht, denn die Kleiderbündel, die wir zum Splittergraben mitnehmen wollten, unterwegs aber fallen ließen, um schneller zu sein, wurden total durchlöchert. Bis zum Splittergraben kamen wir aber gar nicht - zu nah waren die Flieger schon.Meine Mutter duckte sich mit uns Mädchen unter eine Hecke, und mein Bruder konnte sich gerade noch unter einen Baum kauern, bevor eine Bombe einschlug. Ein Splitter riss ein Stück aus dem Baum, unter dem mein Bruder hockte. Hätte er aufrecht gestanden - es hätte ihm den Kopf abgerissen.Als das Inferno vorbei war, bot uns ein Freund unserer Familie in seinem Haus Unterkunft. Das war unser Weihnachten 1944. STV-Leserin Gertrud Bures ist Hausfrau. Sie ist 74 Jahre alt und lebt noch heute in Büdesheim.

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