"Plötzlich lag sie da"

BITBURG. Rund 1200 Menschen mussten gestern in Bitburg nach dem Fund einer 2,5-Zentner-Bombe kurzzeitig umziehen. Die Entschärfung am Abend verlief problemlos.

"Plötzlich lag sie da", erzählt Baggerfahrer Manfred Vauth und nimmt einen tiefen Zug aus seiner Zigarette. "Sie" - das ist eine Fliegerbombe im Erdreich, schwer wie zwei Erwachsene. Seit Anfang der Woche war Vauth damit beschäftigt, eine Baugrube für ein Wohnhaus in der Bitburger Thilmanystraße auszuheben. Er lag im Zeitplan. Bis Mittwoch wollte Vauth fertig sein. Doch dann stieß er mit seiner Schaufel auf ein Stück Metall. "Ich habe mir anfangs nichts dabei gedacht", sagt er. Bis er sah, dass eine Bombe in der Grube lag. "Da habe ich direkt die Polizei benachrichtigt", erklärt Vauth. Das war um genau 9.43 Uhr."Anfangs war ich völlig cool, aber wenn ich jetzt hier so stehe, dann fange ich an zu überlegen, was alles hätte passieren können", sagt der Baggerfahrer. Mit Bomben hat Vauth bereits Erfahrung. Erst vor fünf Wochen war er bei Bauarbeiten in Luxemburg mit seinem Bagger auf eine Bombe gestoßen. Eine kleinere allerdings. Bei der Bombe in der Thilmanystraße handelt es sich um eine 2,5-Zentner-Bombe aus dem Zweiten Weltkrieg.

Erinnerungen an Weihnachten 1944

Die Baustelle ist mit einem rot-weißen Band abgesperrt, der gelbe Bagger parkt vor der Baugrube. Würden nicht zwei Polizeiwagen davor stehen, man bekäme den Eindruck, der Baggerfahrer würde nur eine kurze Pause einlegen. Mit der Zeit erregen die Polizisten das Interesse der Nachbarschaft. "Was ist denn hier los?", möchte eine Frau wissen, die ihre Einkäufe nach Hause trägt. Toni Caster aus der Stockstraße spaziert zufällig vorbei und erfährt von dem Bombenfund. Mit einem Mal fühlt er sich in seine eigene Kindheit während des Zweiten Weltkriegs zurückversetzt: "Ich habe das damals hautnah miterlebt, als die Bomben hier runtergingen. Das war an Weihnachten 1944." Tagelang habe er als 15-Jähriger mit seiner Familie im Keller gesessen und darauf gewartet, dass die Angriffe aufhören. Mittlerweile ist es 13 Uhr. Während die Bereitschaftspolizisten zusammen mit Peter Götz, Wehrleiter der Bitburger Feuerwehr, auf das Eintreffen von Horst Lenz, Leiter des Kampfmittelräumdienstes Rheinland-Pfalz, warten, werden verschiedene Szenarien durchgespielt. Welche Unterkünfte eignen sich als Sammelstellen für eine Evakuierung? Wäre eine Evakuierung an diesem Tag überhaupt noch zu machen? Schließlich liegt die Bombe gerade mal 90 Meter Luftlinie vom Bitburger Krankenhaus entfernt. Und das Räumen eines Krankenhauses kostet viel Zeit.

Dann kommen die Experten und stecken die Köpfe zusammen. "Es wird heute noch entschärft. In einem Radius von 300 Metern müssen wir evakuieren", verkündet Klaus Salzburger vom Ordnungsamt der Stadt Bitburg und zeigt auf eine Karte. Auch Kampfmittel-Experte Lenz, der sich das Überbleibsel aus dem Zweiten Weltkrieg genau angeschaut hat, ist mit dieser Vorkehrung einverstanden. Mittlerweile hat sich in der ganzen Stadt die Kunde von der Bombe und ihrer bevorstehenden Entschärfung herumgesprochen. Dennoch fahren Polizei und Feuerwehr durch die Straßen, die evakuiert werden sollen. Es gibt Lautsprecherdurchsagen, und Handzettel werden verteilt. Nach und nach verlassen rund 1200 Menschen ihr Zuhause.

Die Patienten des Krankenhauses dürfen jedoch drin bleiben. "Lediglich die Zimmer, die in Richtung Prälat-Benz-Straße rausgehen, müssen wegen Splittergefahr der Fenster geräumt werden. Die Patienten werden in den hinteren Bereich des Krankenhauses gebracht", erklärt Polizeihauptkommissar Klaus Schnarrbach.

Die Straßen rund um die Bombenfundstelle leeren sich. Die Sammelstelle in der Edith-Stein-Hauptschule füllt sich. Andere zieht es in die Kneipen. Die Polizisten laufen derweil durch die Straßen und überprüfen, ob die Anwohner ihre Wohnungen wirklich verlassen haben.

21 Uhr. Die Straßen rund um die Thilmanystraße sind fast menschenleer. Nur Horst Lenz und sein Team sind vor Ort. Mit ruhiger Hand entschärft er die Bombe. Routine für den Experten. Der Spuk ist zu Ende. Nach und nach kehren die Menschen in ihre Wohnungen zurück.

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