1. Region
  2. Bitburg & Prüm

Premiere Musical Tant Tilda von Dirk Klinkhammer in Bitburg (Eifel)

Die Eifel rockt : Revolution mit Kittelschürze – das Musical „Tant Tilda gett 90“ muss man gesehen haben!

Es ist lustig wie auch nachdenklich, sehr anrührend, absolut mitreißend. Und drin steckt eine richtig große Portion Eifel. Das Musical „Tant Tilda gett 90“ hat bei der Premiere in Bitburg das Publikum begeistert. Jetzt geht’s auf Tournee.

Sie lebt auf einem landwirtschaftlichen Hof im kleinen Eifelort Obersonnenscheid, den es auf keiner Karte gibt, sondern nur im Herzen. Es ist die Art von Eifelort und Eifelleben, wie es nur Eifelkinder kennen – und an vielen liebevollen Details der Inszenierung auch gleich wiedererkennen. Und, natürlich: Hier wird Dialekt gesprochen.

Mittendrin: Tant Tilda, die den Laden in Kittelschürze schmeißt. Eine bescheidene Frau, die sich zu ihrem Neunzigsten nichts sehnlicher wünscht als die förmliche Gratulation vom Bürgermeister. Die soll sie auch bekommen, doch bis dahin kommt es in ihrer Stube zu einigen Turbulenzen und Verwicklungen. Für das Publikum schnell klar: Mit Tant Tilda feiern zu dürfen, das ist wie heimkommen.

Noch bevor sich der Vorhang hebt, gibt es die erste Kostprobe davon, wie geballte Eifel-Power rockt. Dirk Klinkhammer lässt es mit 18 Musikern richtig krachen – alles waschechte Eifeler und zwei, drei, die das Potenzial haben, es noch zu werden. Klinkhammer hält die Truppe am Bass zusammen. Sein Spiel ist der Herzschlag des Stücks.

Während Mundartsängerin Sylvia Nels „Lasst euch unterhalten“ zur Melodie von Robbie Williams „Let me entertain you“ schmettert, entführt Stelzenläufer Christian Dirr das Publikum wie im Zirkus in eine andere Welt, eine altbekannte, längst vergessene. Die Welt von Tant Tilda.

Die tritt stilsicher in  Kittelschürze auf. „Eich sein su opgerecht“, sagt Tilda (hervorragend: Stephan Vanecek) im besten Obersonnenscheider Platt. Sie erwartet den Bürgermeister, der „halsabwärts“, wie Tilda ihm attestiert, durchaus „gut zu Fuß“ sei. Doch „en Geheischnis“, das will sie nicht mehr anfangen. Aber vielleicht ihre Nichte Lena (Katharina Scherer, absolut vielseitig in wechselnden Rollen) – abwarten.

Es klingelt, Gunsebart Keller vom „Freundlichen Eifelboten“ (urkomisch: Martin Geisen) entert die Stube – und sorgt für eine Reihe fröhlicher Missverständnisse voller Sprachwitz. Der Mann aus Gelsenkirchen versteht kein Platt, erkennt wohl aber die Reize von Nichte Lena. Nach anfänglicher Ziererei hat auch er schnell den Bogen mit „Friede, Freude, Eierlikörchen“ raus. So nehmen die Dinge ihren Lauf, Tant Tildas Neunzigster wird zum rauschenden Trip.

„Highway to Hell“ spielen zwei Drei-Käse-Hoch – Noah Kinnen und Anton Nober – als Vorwarnung für das, was noch kommen soll. Und, Ehrensache: Eine Gruppe der Integrativen Musik-AG vom Bitburger Haus der Jugend  schließt mit einem Appell für Frieden, Menschlichkeit und Brüderlichkeit an. Wie das passt? Muss man gesehen haben. Das Stück vereint Widersprüche und zeigt mit einem fantastischen Ensemble, dass das Ganze mehr ist als die Summe seiner Teile.

Die Zeit läuft: Tant Tilda muss in ihre „Sunndischs-Schürze“ und strippt zu „You can leave your hat on“ (stark: Steff Beckers Gesang) als Schattenriss hinter dem Vorhang. Nach so viel Offenheit erzählt sie dem Reporter ebenso frei aus ihrem Leben. Gereist sei sie noch nicht viel. „Ma mos och gor net weiht foahn, da ass ma schon wuanischt“ lautet Tildas Lebensweisheit. So geht es dem Publikum auch, das mitgerissen wird von den sich toll ergänzenden Sängerinnen Sylvia Nels, Judith Marien, Helena Irsch und Powerlady Sandra Klinkhammer.

Nach Klatsch und Tratsch mit Nachbarin Martha, die Neuigkeiten wie „Der Herr hat mir schon seinen Glockenturm gewiesen“ zum Besten gibt, kommt dann auch der Bürgermeister. Und zwar der – und die – echte. Bei der Bitburger Aufführung also Joachim Kandels und Kollegin Janine Fischer vom Bitburger Land. Die fügen sich nahtlos in das bunte Treiben, trinken Eierlikörchen und posen fürs Gratulationsbild im „Freundlichen Eifelboten“.

Klinkhammers Liebe zum Detail zeigt sich in vielen wiederkehrenden Gags: Musiker, die wie Liebhaber im Schrank verschwinden und von dort wieder auftauchen oder die wiederkehrende Frage, welches Kraut genau nun in den Geburtstagskeksen verbacken wurde. Natürlich spricht das Publikum schon bald bei „Friede, Freude, Eierlikörchen“ mit, wenn Tilda wieder einschenkt.

Still wird es dieses eine Mal, als Tilda von ihrer großen Liebe erzählt. Einem Amerikaner, der in den 1950er Jahren in der Eifel stationiert war, den sie aber nach kurzem Glück nie wieder sehen sollte. Diese Liebe trägt sie noch heute in ihrem Herzen, was bei ihrem Tanz zu „Waltzing Mathilda“ spürbar wird. Spätestens da sind alle Tilda-Fans. Weil: Sind wir nicht alle ein bisschen Tilda?

Was man von Tilda lernen kann? „Always look on the bright side of life“ und „All you need is love“ – die beiden letzten Titel einer fantastischen Revue, die mit Herzblut, Witz und richtig handgemachter Musik sowie einer geballten Portion Eifel überzeugt. Empfehlung: unbedingt ansehen!

Nächste Termine: Donnerstag, 4. August, Dorfplatz Arzfeld, Sonntag, 7. August, Grundschule Speicher, Dienstag, 9. August, Prümer-Sommer-Platz, Donnerstag, 11. August, Destination Nature Camp, Ernzen, jeweils 20 Uhr, Einlass ab 19 Uhr. Und vielleicht gibt es für die Tournee noch eine Verlängerung.

Hier geht es zur Bilderstrecke: Eifeler Musikrevue "Tant Tilda gett 90" - Teil 1