1. Region
  2. Bitburg & Prüm

Prozess am Bitburger Amtsgericht: Ein (Vor)Fall, zwei Wahrheiten

Prozess am Bitburger Amtsgericht: Ein (Vor)Fall, zwei Wahrheiten

Ein Hundehalter aus der Verbandsgemeinde Bitburger Land ist wegen fahrlässiger Körperverletzung verurteilt worden. Sein Hund soll eine Frau gebissen haben.

"Ich muss gar nichts! Ich muss mir hier Ihre Lügengeschichten anhören. Ihre Unverschämtheiten können Sie draußen irgendwo verbreiten, aber nicht hier im Sitzungssaal!", platzt es aus Richter Udo May heraus, als die Zeugin ihn auffordert, doch selbst bei der Haftpflichtversicherung nachzufragen, warum diese die Kosten für einen Hundebiss übernommen habe, den es nach ihrer Aussage nie gegeben hat. Ihr Mann sitzt wegen fahrlässiger Körperverletzung auf der Anklagebank des Amtsgerichts Bitburg.

Der Vorwurf: An einem Samstag im August soll der Hund des 27-Jährigen aus der Verbandsgemeinde Bitburger Land einer Frau in die Wade gebissen haben. Das Problem: Der Angeklagte und die betroffenen Zeugen erzählen zwei grundverschiedene Geschichten.

Die Version des Angeklagten: Am 27. August 2016 feiern er und seine Frau den ersten Geburtstag ihres Sohnes. Sie sitzen mit Verwandten auf der Terrasse ihres Hauses und trinken Kaffee. Irgendwann geht die Frau des Angeklagten in ihre Scheune auf der anderen Straßenseite, um etwas in den Kühlschrank zu bringen oder zu holen, so genau weiß sie das heute nicht mehr. Der Hund folgt ihr dorthin. Plötzlich fängt er an zu bellen und läuft hinaus. Als sie ihm hinterherläuft, fährt gerade ein Motorroller vor und hält am Straßenrand vor der Scheune. Fahrer und Beifahrerin kennt sie. Sie sind die Besitzer einer Wiese, die der Angeklagte und seine Frau gepachtet haben.
Die Beifahrerin tritt nach dem Hund und schreit, er habe sie gebissen. Zu sehen ist nichts außer einer Art Leberfleck oder Bluterguss am Bein. Der Angeklagte kommt zum Roller gelaufen. Auch er kann keinen Biss entdecken, fragt aber, ob er einen Krankenwagen rufen soll. "Nein", wehrt das Ehepaar ab. Wenn doch etwas sei, würden sie zum Arzt fahren. Der Angeklagte bittet sie, ihm Bescheid zu geben, falls die Frau doch verletzt sei. Er spricht noch kurz mit dem Verpächter über die Wiese, dann fahren dieser und seine Frau weiter. Zwei Wochen später habe die Polizei vor der Tür gestanden und ihn wegen fahrlässiger Körperverletzung vernommen. Soweit die Version des Angeklagten und seiner Ehefrau.

Die Version der Zeugen klingt anders: Am 27. August fahren diese mit ihrem Motorroller zur Wiese, die sie dem Angeklagten verpachtet haben. Sie wollen nach dem Rechten sehen, weil der Angeklagte sich ihrer Meinung nach nicht gut um das Grundstück kümmert. Auf dem Rückweg fahren sie beim Haus des Angeklagten vorbei, der mit seiner Familie auf der Terrasse sitzt. Sie halten mitten auf der Straße an, um mit ihm zu sprechen. Sofort kommen zwei Hunde von der Terrasse aus auf sie zugeschossen, einer läuft schnurstracks um den Roller herum und verbeißt sich in die Wade der Beifahrerin. Die Frau des Angeklagten kommt von der Terrasse gelaufen, zerrt den Hund weg und sperrt ihn in die Scheune. Der Angeklagte selbst schreit nur von der Terrasse aus: "Die Hunde sind versichert!".
Der Rollerfahrer fährt sofort los, um seine Frau ins Krankenhaus zu bringen. Sie hat eine blutende Bisswunde, die sich einige Tage später entzündet und operiert werden muss. Der Abdruck der Zähne ist deutlich zu sehen. Soweit die Version der Zeugen.

Die Beweisführung: Diese wird durch ärztliche Bescheinigungen aus dem Krankenhaus und vom Hausarzt gestützt, in denen eine Bisswunde mit Hämatomabkapselung diagnostiziert wird. Die Bescheinigungen und dass die Haftpflichtversicherung den Schaden, der dem Opfer entstanden ist, gezahlt hat, sprechen nach Ansicht des Richters für die Version der Zeugen. Daran ändert auch die Beteuerung des Angeklagten, der Hund habe noch nie etwas getan, sein kleiner Sohn könne sich sogar gefahrlos auf das Tier setzen, nichts. Auch dass der Angeklagte einen Vernehmungstermin bei der Polizei vergessen hat, dass er vorbelastet ist und dass seine Frau nicht vorher bei der Polizei eine Aussage gemacht hat, spricht laut May nicht für ihn.

Das Urteil: Der Richter verurteilt den Angeklagten wegen fahrlässiger Körperverletzung zu 50 Tagessätzen à 20 Euro. "Sie haben die Pflicht, Ihren Hund außerhalb des Grundstücks anzuleinen oder dafür zu sorgen, dass er das Grundstück nicht verlässt", ermahnt er den jungen Mann, "da muss man als Hundehalter einfach ein Auge drauf haben." Weil Staatsanwaltschaft und Angeklagter auf Rechtsmittel verzichten, ist das Urteil rechtskräftig.