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Prozess in Bitburg: „Eine völlig sinnlose Geschichte“

Prozess : Prozess in Bitburg: „Eine völlig sinnlose Geschichte“

Weil er nicht abgeholt wurde, ging ein Mann auf seinen Bekannten los und versuchte, Geld von ihm zu erpressen. Dafür musste er sich vor Gericht verantworten.

Drei Jahre auf Bewährung und 2400 Euro Entschädigungszahlung an das Opfer – das ist das Urteil nach einem fast vierstündigen Schöffenprozess in einem Fall, der vor dem Amtsgericht Bitburg und Richter Udo May verhandelt wurde und für einige (sprachliche) Verwirrungen sorgt.

Der Fall Als der 36-jährige Angeklagte Ende Juni 2018 in Luxemburg Feierabend macht, geht er davon aus, dass sein Bekannter ihn abholt und nach Hause fährt. Doch der kommt nicht. Also läuft der gebürtige Pole, der seit elf Jahren in Deutschland lebt, nach Hause – sieben Stunden braucht er für die 25 Kilometer, sagt sein Anwalt. Einige Tage später, Anfang Juli, ist er dann bei einem Freund zu Besuch, mit dem er Alkohol trinkt – nach eigener Aussage eine Flasche Wodka und Bier. Auf dem Nachhauseweg kommt er an dem Haus seines Opfers vorbei. Noch immer sauer darüber, dass er nicht abgeholt wurde, geht er in die unverschlossene Wohnung des 40-jährigen Mannes. Dort würgt er ihn, schlägt ihm ins Gesicht und bedroht ihn mit einem Teppichmesser. Der Grund: Er will 50 Euro für ein Taxi von ihm haben, das ihm sein Opfer aber nicht auszahlen kann. Mit dem Versprechen, ihm das Geld aus dem Auto zu holen, flieht der Angegriffene aus der Wohnung. Der 36-jährige Angreifer jedoch läuft ihm mit dem Messer hinterher und schneidet ihm eine Straße weiter den Weg ab. Sein Opfer flieht weiter und kann schließlich bei einer Frau Unterschlupf finden, die ihn in ihr Haus lässt.

Der Zeuge Eingeschüchtert und noch immer erschrocken über das Geschehene zeigt sich der 40-jähre Mann aus Guatemala. Er berichtet mit Hilfe seiner Dolmetscherin von dem Tag des Angriffs: Als er überfallen wurde, sei er draußen vor dem Haus gewesen und habe sein Auto geputzt, sagt er.

Er sei ins Haus gegangen, um das Fußballspiel Kolumbien gegen England zu schauen. Dann sei plötzlich der Angeklagte im Raum gewesen und habe ihm ins Gesicht geschlagen und ihn gewürgt. Auf die Frage, was er denn wolle, habe der Beschuldigte gesagt, dass er 50 Euro wolle, weil er ihn nicht in Luxemburg abgeholt habe. Er wollte ihn wegstoßen, dann habe der mutmaßliche Täter ihm das Teppichmesser an den Hals gehalten. „In dem Moment dachte ich, dass ich sterbe“, sagt er. Erst als er eingewilligt habe, ihm das verlangte Geld zu holen, habe sein Angreifer lockergelassen.

Nachdem er geflohen war und später aus dem Krankenhaus entlassen wurde, habe er zu Hause sein Auto beschädigt vorgefunden. Das nötige Ersatzteil wurde ihm vom Vater des Angeklagten gekauft – was vom Beschuldigten im Prozess auf Nachfrage des Richters auch bestätigt wird.

Der Zeuge erzählt, dass er seit dem Vorfall in Furcht lebt. „Wir wohnen nahe beieinander. Ich habe Angst, aus dem Haus zu gehen, weil ich ihn dann vielleicht treffe“, sagt er. Er habe sogar überlegt, wegzuziehen, obwohl er keine Drohungen erhalten habe. Das Motiv für die Tat kann er nicht nachvollziehen: Dass er ihn abhole, hätte er zwar mit ihm ausgemacht, dann aber doch abgesagt: „Ich habe ihm gesagt, dass ich ihn nicht abholen kann.“

Die Anklage Auch die Staatsanwaltschaft sieht in der Sache einen „nichtigen Anlass“ für eine Gewalttat. Der Angeklagte habe keinerlei Anspruch auf das Taxi-Geld – da er nach eigener Aussage gelaufen war und gar kein Taxi gefahren ist. Hinzukomme, dass der Mann an Alkohol gewöhnt sei. Wodka und Bier hätten ihn zwar enthemmt, jedoch nicht daran gehindert, dem Zeugen nachzulaufen und ihn einzuholen.

Der Versuch der Tat sei fehlgeschlagen, sagt der Staatsanwalt und es handele sich um eine spontane Aktion, da der Angeklagte nicht geplant hatte, ihn zu überfallen. Zugute hielt er dem Polen außerdem, dass er vorher nicht gewaltbereit war und sich selbst beim Gesundheitsamt meldete, um regelmäßig auf Alkohol und Drogen überprüft zu werden.

Der Prozess Da beide an dem Fall Beteiligten, der Angeklagte und der Zeuge, jeweils eine Dolmetscherin dabei haben, gestaltet sich die Verhandlung schwierig. Der Angeklagte spricht polnisch, der Zeuge spanisch. Also müssen die Aussagen aller Anwesenden jeweils übersetzt werden, wodurch sich dsa Verfahren in die Länge zieht.

Das Urteil Schließlich kommt Richter Udo May aber doch zu einem Urteil. Es handele sich bei dem Fall um „eine völlig sinnlose Geschichte“, sagt er. Denn zwar sei der körperliche Schaden des Opfers überschaubar, allerdings sei die Angst, die der Geschädigte erleben musste, nicht spurlos an diesem vorbeigegangen. Der Mann denke darüber nach, wegzuziehen, lebe in Furcht.

Ein weiterer Grund, das Strafmaß nicht milde anzusetzen: Der Angeklagte war dem Opfer nachgelaufen. Obwohl so viel Alkohol im Spiel war, sei es ihm möglich gewesen, sein Opfer zu verfolgen und dessen Auto zu beschädigen.

Für den Mann spreche zwar, dass er keine Vorstrafen habe und nicht als Gewaltverbrecher bekannt sei. Auf der anderen Seite, habe er eine schwere Körperverletzung begangen, sein Opfer gewürgt und versucht mit einer „supergefährlichen Waffe“ zu verletzen. Da massive Gewalt angewendet worden war, seien drei Jahre auf Bewährung die erforderliche Strafe.