Prümer Pfeilsage: Der Engel, der den Kurs verlor

Prüm · Vorige Woche haben wir die Aktion der Prümer Initiative Frauenschuh im Zusammenhang mit der Pfeilsage angekündigt. Diese Sage wird aber in der Basilika ein wenig anders dargestellt, als sie sich der Legende nach zugetragen hat.

Prüm. Zur Kirmes am Wochenende will die Initiative Frauenschuh wieder jede Menge Gebäck zugunsten der Basilika unters Besuchervolk bringen. Diesmal haben sich die engagierten Damen neben den traditionellen Karolingerkringeln und Bertradatörtchen - herrliche Namen übrigens - außerdem den Abteistollen ausgedacht: Wer darin einen Pfeil findet, erhält ein kleines Geschenk (der TV berichtete).Ein armer, reicher Ritter


Die Aktion geht zurück auf die Prümer Pfeilsage: Dieser zufolge schoss der kinderlose Ritter Nithad von Laon einen Pfeil in die Luft und vermachte sein Erbe dem Kloster, auf dessen Gebiet dieser niedergehen würde.
Das Geschoss nahm Kurs auf Prüm, wurde von einem Engel geschnappt und dem damaligen Abt Ansbald mitten in die Messfeier hinein überbracht - so erbten die Prümer dann Nithads Vermögen. Ein Gemälde in der Basilika zeigt die Szene. Allerdings ist die Ankunft des Himmelsboten auch am Hochaltar der Prümer Basilika dargestellt, mit Skulpturen von Engel und Abt.
Und dort sieht das alles ein bisschen anders aus, wie Erich Reichertz dem TV steckte: Denn seit der Altar im Jahr 1983 restauriert wurde, fliegt der Engel nicht mehr von oben auf Ansbald zu - er hat stattdessen abgedreht und schwebt, den Pfeil in der Faust, himmelwärts. Das sehe nun so aus, sagt Reichertz, als blicke Abt Ansbald dem Geflügelten "verständnislos hinterher".War das Bistum schuld?


Wie kam das denn? Vielleicht, wird spekuliert, seien die Prümer ja zur Zeit der Altar-Restaurierung von höherer Stelle - sagen wir mal: Trier - dazu aufgefordert worden, die Szene zu ändern. Den Grund weiß keiner mehr, weder Erich Reichertz noch der Prümer Basilika-Engel Monika Rolef oder der frühere Pastor Robert Lürtzener. Vielleicht darf ja ein Engel nicht vom Himmel herabsteuern - falsche Richtung. Seit damals fliegt der Engel jedenfalls andersrum und sieht so aus, als nehme er den Pfeil einfach wieder mit.
Seltsam, das alles. Dann aber hat Monika Rolef doch noch einen Tipp - und der trägt den schönen Namen Vitus Wurmdobler. Der 69-Jährige ist nämlich der Mann, der vor 32 Jahren den Prümer Altar restaurierte. Er lebt und arbeitet mit seiner Frau Damaris im pfälzischen Erbes-Büdesheim. "Zuletzt habe ich fürs Bistum Trier den Domkreuzgang restauriert", sagt Wurmdobler im Telefonat mit dem TV. Und seine Frau habe vor kurzem in Sankt Matthias die Gnadenkapelle ausgemalt.Sage vor realem Hintergrund


Er erinnert sich an die Arbeit damals in Prüm. Und dass der Altar ja gar nicht für die Basilika gebaut worden sei: "Der kam aus Bad Kreuznach." Eine reiche Familie namens Poricelli habe ihn zunächst gekauft. Das Bistum Trier wiederum erfuhr davon, erwarb den Altar dann für die Basilika und beauftragte eine Koblenzer Firma mit dem Umbau für Prüm: "Das muss so um 1900 gewesen sein", sagt Wurmdobler. Und damals, vermutet der Restaurator, seien auch die Figuren links und rechts des Altars angeschafft worden - Abt Ansbald und die heilige Brigida. Über beiden schwebte da bereits je ein Engel. Und hier kommen wir der Lösung näher. Die Engel waren nämlich vorher schon da. Und müssen in der Haltung angebracht gewesen sein, die sie seit Wurmdoblers Restaurierung wieder haben - weil sie mit den beiden anderen Figuren gar nichts zu tun hatten. Vielmehr seien sie auf das Altarbild in der Mitte ausgerichtet gewesen.
Aber der Pfeil in der Hand des linken Engels? Den habe, vermutet der Restaurator, wohl vor mehr als 100 Jahren jemand diesem in die Hand gesteckt, um auf die Prümer Sage hinzuweisen. Kurz: Fall gelöst.
Die Sage vom Engel mit dem Pfeil ist übrigens mehr als nur Legende. Denn zumindest die Schenkung des Ritters, sagt Erich Reichertz, habe es wirklich gegeben: Im Goldenen Buch der Abtei Prüm bestätige eine Urkunde aus dem Zeitraum von 860 bis 886 die Schenkung des wohlhabenden Nithad und seiner Gattin an das Prümer Familienkloster der Karolinger.
Den Frauenschuh-Kuchenverkauf zur Salvator-Kirmes, die am Freitag um 17 Uhr mit Mathilde Weinandys Fassanstich auf dem Hahnplatz beginnt, wird das alles nicht beeinträchtigen: Er ist am Kirmessamstag, 15 bis 18 Uhr, und am Sonntag von 7.30 bis 12 Uhr vor der Basilika.