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Prümtalgemeinden: Starke Flut und Überschwemmungen

Katastrophe : Ratloser Blick in Richtung Flut

Bis in den späten Mittwochabend war die Lage in den Prümtalgemeinden zwischen Biersdorf und Irrel noch weitgehend entspannt. Dann kam die Flut. Und das gewaltiger denn je.

Donnerstagmorgen, kurz nach sechs. Josef Junkt läuft auf der Brücke über dem Wehr des Bitburger Stausees hin und her und ist fassungslos. „Das ist schlimmer als 2018“, sagt der Bürgermeister der VG Bitburger Land und zeigt dann ein paar Fotos auf seinem Smartphone, die einige Stunden zuvor auf dem Campingplatz in Oberweis gemacht wurden. Bilder der Verwüstung. Genau wie im Umfeld des Stausees.

Ein gerade angerückter Bagger zieht mit seinem Greifer Treibgut aus dem Wasser, das sich zwischen dem Ablauf des Stauseebeckens und der Brückenunterseite verkantet hat. Das Becken ist voller denn je. Seine ohnehin umstrittene Staufunktion hat das Gewässer am Ortsrand von Biersdorf bereits in der Nacht zum Donnerstag komplett eingebüßt.

Das hat sich gegen Mitternacht dann im weiteren Prümverlauf zunächst in Hermesdorf und dann in Wißmannsdorf bemerkbar gemacht. Dass in Wißmanndorf eine Brücke über die Prüm führt, kann man am Donnerstagmorgen nur erahnen. Ein Helfer der Wißmannsdorfer Feuerwehr sitzt sichtlich erschöpft auf einer Palette am Rand der Flut und blickt auf das Wasser.

Die Feuerwehr hat lange versucht, mit Sandsäcken dagegen anzukämpfen. Doch dann sei das Wasser so rasant gestiegen, dass sie es aufgegeben hätten, sagt einer der Feuerwehrmänner. Er und seine Kollegen nehmen es gelassen. Was anderes bleibt ihnen angesichts der Lage, auf die sie längst keinen Einfluss mehr haben, auch nicht übrig.

Ähnlich ist die Situation auch einen Ort weiter, in Brecht. Nach und nach sammeln sich dort die Menschen auf der Straße. Einige Frauen aus dem Dorf haben belegte Brote zubereitet. Für die Helfer. Kaffee ist allerdings Mangelware. Denn wie in vielen anderen Ortschaften des Eifelkreises ist auch in Brecht der Strom ausgefallen. Und ohne Strom auch kein heißer Kaffee. Gegen acht rückt ein Leiterwagen der Bitburger Feuerwehr an. In der Kapellen-, Haupt- und Bitburger Straße ragen Häuser wie Inseln aus dem Hochwasser. Und auf einer dieser Inseln hängt eine Familie fest, die nun mit Hilfe der Feuerwehr in Sicherheit gebracht werden soll. Die Drehleiter wird komplett ausgefahren und dient dann als Brücke. Nacheinander klettern die Anwohner des Hauses über die waagerecht ausgestreckte Leiter auf die andere Seite. Geschafft.

Dann weiter fluss­abwärts nach Oberweis. Der Pegel der Prüm ist dort inzwischen wieder leicht gesunken, doch ein Großteil des Campingplatzes ist nach wie vor komplett überflutet. Zwischen den Bäumen hängen Klumpen aus Wohnwagen. Es sind nicht die Caravans der Urlauber, sondern die der Dauercamper. Alle anderen haben rechtzeitig das Areal geräumt. Viele Urlauber sind bereits auf dem Heimweg, andere haben ihr Quartier auf dem Parkplatz neben dem Kindergarten aufgeschlagen. Bis dahin ist das Wasser nicht gekommen.

Dafür aber scheint es in Bettingen aus allen Richtungen zu kommen. In der Ortsmitte steht alles unter Wasser. Das gab es in den vergangenen Jahren des Öfteren. Doch das, was die Bettinger jetzt erleben, übertrifft alles.

Ein Baumstamm, der beinahe senkrecht aus dem Wasser ragt, markiert den Bereich, wo die Brücke normalerweise die Prüm überquert. Jetzt ist das Bauwerk lediglich ein Hindernis. Der Baumstamm hat sich im Geländer der Brücke verkeilt. Wenige Meter daneben ist das Wasser etwas ruhiger. Dort lagert sich ein kleiner Teil dessen ab, was das Hochwasser auf seinem Weg durch das Prümtal mit sich reißt: Kühlschränke, Gasflaschen und Kanister. Und alles, was sonst noch schwimmt.

Gut einen Kilometer weiter flussabwärts schwimmt ein Gastank in Richtung Wettlingen, wo einige Kälber vor dem Ertrinken gerettet werden konnten. In Decken eingehüllt liegen sie zitternd auf einer Wiese und werden mit Milch gefüttert. Das Rauschen des Wassers übertönt die Rufe der Rinder, die nicht weit entfernt in einem Stall bis zum Bauch im Wasser stehen und völlig ängstlich und verstört nach draußen blicken. Dazu der Schmerz, den die prall gefüllten Euter inzwischen verursachen dürften. Für Stunden sind die Kühe vom Rest des Dorfes abgeschnitten. Die erschöpften Tiere müssen durchhalten, bis sich die Lage wieder etwas entspannt hat.

In Peffingen konnten die Rinder von Andreas Abs zwar auch noch nicht gemolken werden, dafür aber stehen sie sicher und trocken auf einer Wiese oberhalb der Ortslage. Ansonsten aber ist die Situation ähnlich wie in den anderen Prümtalgemeinden: ein reißender Strom, der sich gnadenlos seinen Weg sucht. Und der innerhalb der vergangenen Stunden auch viele Siloballen aus Peffingen mitgerissen hat, die nun in Holsthum gegen das Geländer der dortigen Prümbrücke gepresst werden.

In sicherer Entfernung stehen viele Holsthumer Bürger und Mitglieder der Freiwilligen Feuerwehr auf der Straße. Darunter auch Stephan Niegisch. „Wir hatten bereits den gesamten Enzweg evakuiert“, sagt er. Bis zum späten Mittwochabend hätte man das noch als reine Vorsichtsmaßnahme einstufen können. Jetzt kann Niegisch nur noch darüber spekulieren, was vom Enzweg übrig sein wird, wenn das Wasser wieder weg ist. „Ich weiß nicht, ob das alle Häuser dort überleben werden“, sagt er.

Was nicht niet- und nagelfest ist, wird von der Flut mitgerissen, treibt von Holsthum durchs ebenfalls stark betroffene Prümzurlay und von dort weiter in Richtung Irrel. Die Zeiger der Kirchturmuhr stehen auf 4.37 Uhr. Genau dann kam der Stromausfall. Sieben Stunden später ist die Gemeinde noch immer ohne Strom. Sämtliche Geschäfte haben geschlossen. Und einige sind nicht nur zu, sondern auch bis zur Decke überflutet.

Irrel hat es heftig erwischt. Die Menschen, die dort am Ufer der Prüm leben, hatten in den vergangenen Jahren des Öfteren mit Hochwasser zu kämpfen. Zuletzt im Juni 2018. Und jetzt das. „So schlimm war es noch nie“, sagt der Irreler Werner Bares. Das untere Drittel der Hauptstraße steht im Wasser, ebenso wie der untere Abschnitt der Karthausstraße auf der anderen Seite der Prüm.

 In Wettlingen kümmern sich Anwohner um Kälbchen, die aus den Fluten gerettet werden konnten.
In Wettlingen kümmern sich Anwohner um Kälbchen, die aus den Fluten gerettet werden konnten. Foto: Uwe Hentschel
 Verzweifelte Blicke nicht nur von Kälbern: Diese Kühe in Wettlingen müssen durchhalten, bis der Pegel der Prüm wieder sinkt.
Verzweifelte Blicke nicht nur von Kälbern: Diese Kühe in Wettlingen müssen durchhalten, bis der Pegel der Prüm wieder sinkt. Foto: Uwe Hentschel
 In Irrel sind die Anwohner der Prüm einiges an Hochwasser gewohnt. Doch so extrem wie dieses Mal war es noch nie.
In Irrel sind die Anwohner der Prüm einiges an Hochwasser gewohnt. Doch so extrem wie dieses Mal war es noch nie. Foto: Uwe Hentschel
 Wie hier in Holsthum sind die Helfer nach ihrem Dauereinsatz an einem Punkt angelangt, wo sie nur noch zuschauen und abwarten können.
Wie hier in Holsthum sind die Helfer nach ihrem Dauereinsatz an einem Punkt angelangt, wo sie nur noch zuschauen und abwarten können. Foto: Uwe Hentschel
 Wie gefährlich das Treibgut ist, zeigt sich am Brückengeländer der neuen Prümbrücke in Bettingen.
Wie gefährlich das Treibgut ist, zeigt sich am Brückengeländer der neuen Prümbrücke in Bettingen. Foto: Uwe Hentschel

Wo die Brücke verläuft, die beide Straßen miteinander verbindet, erkennt man nur noch an den Dächern der beiden Fahrzeuge, die dort zwischen den beiden Geländern wie in einem Fangkorb festhängen. Mit ein paar Stunden Verzögerung sinkt auch in Irrel der Pegel ganz langsam. Und nach und nach offenbart sich damit das ganze Ausmaß der Verwüstung.