Reif für die Insel

Im Kollegenkreis oder im Freundeskreis ist zu hören: "Ja, ich bin urlaubsreif!" Die Arbeit des letzten Jahres war anstrengend und hat viel Kraft gekostet. Jetzt bin ich "reif für die Insel". Reif für die Wochen ohne Termine und berufliche Verpflichtungen.

Ich bin urlaubsreif, aber bin ich auch "reif für den Urlaub"? Beides hört sich sehr ähnlich an, und doch ist es ein Unterschied.

Es ist interessant, dass dieses kleine Wörtchen in der deutschen Sprache im doppelten Sinn verwendet wird. "Ich bin reif für die Insel", damit will man eigentlich sagen, dass man von allem die Nase gestrichen voll hat. Ursprünglich kommt das Wort aber aus der Natur. Wenn man von einer Frucht sagt, dass sie "reif" ist, dann meint man, dass man sie jetzt pflücken kann. Sie ist "ausgereift". Das Optimum ist erreicht. Eine gewisse "Reife" für etwas zu haben, bedeutet auch, dass man etwas kann oder dass man etwas erreicht hat, zum Beispiel bei der "Reifeprüfung" oder der "Lebensreife". Wenn einer "reif für die Insel" ist, dann will er weg und raus aus dem Alltag.

Die Kunst des "Urlaubmachens" ist eine etwas andere: Das ist nicht eine Flucht aus dem Alltag. Die Kunst, Urlaub zu machen, in einem solchen Sinne "reif" für den Urlaub zu sein, bedeutet: Ein Gegengewicht zum Alltag zu setzen, ohne damit den Alltag zu entwerten. Wer gut Urlaub machen will, muss mit seinem Alltag versöhnt sein. Und wer mit seinem Alltag und damit mit sich selbst und mit Gott nicht versöhnt ist, für den könnte dies die Chance sein, im Urlaub den Alltag in den Blick zu nehmen, um neu und anders damit umzugehen. ca/jöl

Manfred Sohns ist Dekanatsreferent im Dekanat St. Willibrord Westeifel, Prüm.