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Riesig groß und doch so fein

Riesig groß und doch so fein

Vor 110 Jahren kam im Prümer Paramentenverein die Idee auf, zum 50-jährigen Bestehen der Salvator-Gemeinde einen Chorteppich zu schenken. Ein Jahr später stickten bereits 30 Frauen an dem 50 Quadratmeter großen Mammutprojekt.

Prüm Jeder Schritt war einer zu viel, jeder Besucher, der den Chorteppich in der Sankt-Salvator-Basilika bis zu seiner Restaurierung 1996 betrat, war eine schwere Belastung für das wertvolle Stück. "Klar, der Teppich war dazu bestimmt, den Chorraum auszufüllen, doch die feinen Arbeiten litten zu sehr unter der Belastung ", sagt die Basilikaführerin Monika Rolef. Sei sei froh, dass das Kunstwerk heute an der Südwand der Kirche hänge und nicht mehr betreten werde: "Es ist eine einmalige, unersetzbare Arbeit. Sie auszulegen - wie ursprünglich ja gedacht - wäre aus heutiger Sicht kaum noch vorstellbar."
Nicht allein, weil das 50 Quadratmeter große Werk vermutlich vom Aachener Kirchenkünstler Franz Wirth stamme und der Teppich von außerordentlich hoher Qualität sei, sondern auch wegen seiner Verbindung zur Geschichte der Abteistadt.
"Man sieht es ihm nicht an, aber der Teppich wurde tatsächlich über zehn Jahre von 30 Prümer Frauen selber gestickt", sagt Rolef. Vor 110 Jahren, um das Jahr 1907 herum, müssen die ersten Ideen für das Mammutwerk entstanden sein. "Der Prümer Paramentenverein war ein Zusammenschluss von 300 Frauen aus der Region." Seit Gründung des Vereins 1868 arbeiteten die Frauen ehrenamtlich an der textilen Ausstattung der damaligen Pfarrkirche Sankt Salvator. "Sie stellten Messgewänder, Altardecken, Kelchtücher und Kanzeldeckchen her. Zum 50-jährigen Bestehen des Vereins wollte man der Kirche aber eine ganz besondere Arbeit schenken", sagt Monika Rolef. Etwa 1908 begannen die Frauen, im Kreuzstich 60 Tafeln herzustellen (siehe Extra). Im Trierer Böhmerkloster seien die zu einem großen Ganzen zusammengefügt worden, sagt Monika Rolef. Zum Teppich gehöre auch ein 22 Meter langer Läufer. "Der zeigt berühmte Persönlichkeiten der Prümer Geschichte. Er wird aber nur einmal im Jahr zu Fronleichnam ausgelegt."
Im Zentrum der Darstellungen stehe ein Paradies-Motiv: "Der Brunnen als Quell des Lebens, aus dem wiederum ein Baum wächst." Im Hintergrund sei das himmlische Jerusalem zu erkennen, rund um die Mitte werden verschiedene Motive des christlichen Glaubens gezeigt. "Der Teppich ist im Grunde ein großes Bilderbuch."
1918 wurde er feierlich der Gemeinde vorgestellt, ihn in Gänze zu "lesen", war da aber noch kaum möglich. "Er lag bis zum Zweiten Weltkrieg im Altarraum und wurde dann zusammengerollt, um ihn zu schützen." Erst der mittlerweile pensionierte Pfarrer Robert Lürtzener ließ das Prachtstück Anfang der 1970er wieder auslegen. Mitte der 1990er Jahre sei die Arbeit arg beschädigt gewesen, sagt Monika Rolef. "Pfarrer Lürtzener regte dann auch an, ihn aufzuarbeiten und schließlich sicher neben dem Altar aufzuhängen."700 JAHRE ALTE HANDWERKSTECHNIK


Extra

Im Spätmittelalter begannen höher gestellte Damen zu sticken. Filigrane Motive wurden auf einen Trägerstoff aus kleinen gestochenen Kreuzen zusammengefügt - manchmal grob, aber eben auch so fein, wie später beim Prümer Teppich. Die frühesten erhaltenen Beispiele werden auf das Jahr 1500 datiert.