Schein-Heilig

Es gibt sie wirklich! Diese Menschen, deren Nähe einem gut tut. Sie haben Verständnis, können sich einfühlen in die Sorgen und Nöte eines Menschen und finden ein passendes Wort. Gerade, aufrecht und unverbogen.



Sie wissen, dass es im Leben nicht immer geradeausgeht und können auch eine andere Meinung oder eine andere Haltung gelten lassen. Und wenn ihrer Meinung nach etwas nicht in Ordnung ist, so sagen sie das direkt. Aber jede Begegnung mit ihnen ist heilsam. Insofern sind sie Heilige, weil Heilende.

Und dann gibt es die, die nach dem Buchstaben des Gesetzes schauen. Die nicht das gute Miteinander, sondern das Leben nach Ordnungen anstreben. Denen jede Abweichung von der Regel, der Norm, ein Dorn im Auge ist. Sie stehen gerne als die da, die das Alte, das "Gute" und "Richtige" aufrechterhalten.

Sie können immer sagen: "Wir waren und sind gesetzestreu. Wir sind die "Guten!" Nach dem Buchstaben.

Aber sie verkennen, dass das Gesetz für den Menschen da ist - und nicht der Mensch für das Gesetz. Und schlimmer noch: Wenn ihnen etwas nicht passt, dann suchen sie nicht das Gespräch unter vier Augen, um Dinge zu klären.

Nein, sie richten sich sofort an die "zuständigen Instanzen". Selbstverständlich erfahren die Betroffenen, die den "Unmut der Gerechten" geweckt haben, nicht von den Wortführern, dass gegen sie Klage geführt wird.

Sei es, dass jemand an einer "falschen Stelle" im Gottesdienst etwas sagt, sei es, dass "keine angemessene Kleidung" getragen wird, sei es, dass sonst etwas "nicht in Ordnung" war.

Offen wird das nicht mit Betroffenen besprochen. Man könnte ja den Schein der Heiligkeit verlieren! So bleibt man lieber bedeckt und wahrt den Schein des frommen, aufrechten Christen.

Ich glaube an eine Kirche, in der so gelebt wird, wie Jesus es getan hat: Einander ins Auge zu sehen, Rede und Antwort zu stehen - ins Gespräch kommen. An Christen, die durch aufrechtes Tun und faires Miteinander überzeugen! Glauben im Alltag!

Pastoralreferent Johannes Eiswirth