"Schönstes Fest meiner Kindheit"

"Schönstes Fest meiner Kindheit"

Weihnachten 1944 war ich zehn Jahre alt. Der Krieg war in diesem Jahr für uns erstmals zu einer realen Bedrohung geworden. Wir lebten in ständiger Angst vor den zunehmenden Fliegerangriffen. Unser Haus war Opfer der Bomben geworden. Wir waren ausquartiert in die damalige Villa Grünbaum. Für mich und meine beiden älteren Schwestern Marlene und Sofie war die Vorfreude auf die Weihnachtsfeiertage eher gedämpft.An Heiligabend im Jahr 1944 brach erneut eine heftige Welle alliierter Angriffe über Daun herein. Die Heilige Nacht verbrachten wir mit den meisten unserer Nachbarn im Bunker auf dem Wehrbüsch. Einzig meine Mutter Johanna und meine Schwester Marlene waren allein zurück geblieben. Wie so oft haben wir gezittert, gewartet und gebetet. Im Takt hörten wir den Einschlag der Bomben und das Geräusch der Abwehrraketen über unserer Stadt. In dieser Nacht wurde im Bahnhof ein Zug unter Beschuss genommen, der weitere Soldaten an die Westfront senden sollte. Am Morgen des 25. Dezember machten wir uns auf den Heimweg. Unser vorübergehendes Heim war nicht wiederzuerkennen. Äußerlich als eines der wenigen Häuser in Daun noch unversehrt, erstrahlte es im Inneren im weihnachtlichen Glanz. Eine lange Tafel war gedeckt. Meine Mutter und meine Schwester hatten in dieser schrecklichen Nacht den schönsten aller Weihnachtsbäume für uns geschmückt. Wildschweinbratenduft und das Aroma von selbst gemachten Sahnebonbons und Bienenwachskerzen durchzog das Haus und vermischte sich mit dem Duft des Tannengrüns.An jenem Weihnachtsabend im Kriegsjahr 1944 hatten wir das größte und schönste Fest meiner Kindheit überhaupt. Familie, Nachbarn und Freunde versammelten sich bei uns zu einem üppigen Mahl unter dem Weihnachtsbaum. Alle Vorräte, die in den Kellern zu finden waren, wurden aufgetischt, damit sie den herannahenden Amerikanern nicht mehr in die Hände fallen konnten.Fast alle der damaligen Gäste leben inzwischen nicht mehr. Und doch sehe ich sie noch heute alle um den Tisch sitzen: Meine Eltern Johanna und Ludwig Jung, meine beiden Schwestern, Onkel Baptist (Baddy) Jung mit Familie, die Tanten Mia, Minna, Luise und Else, Familie Schneider mit den Kindern Jofie und Ilse, die Familie Mengelkoch, die Nettersheims und viele mehr. 26 Personen feierten und vergaßen für ein paar Stunden den Krieg.Ganz besonders gedenke ich zwei fremden deutschen Soldaten, die das Weihnachtsmahl mit uns teilten. 18-jährige Flüchtlinge jenes Zugs, dessen Fahrt an die Front aufgeschoben worden war. Sie mussten sich schon am nächsten Morgen auf die Weiterfahrt an die Front machen. Wir haben nie wieder von ihnen gehört. TV -Leserin Luise Weil , geborene Jung, ist Hausfrau und lebt in Daun. Sie wurde 1934 geboren.

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