"Schraip doch mahl"

BITBURG. Straßennamen, Wahlzettel, Verträge, Speisekarten: Geschriebenes bestimmt unser Leben. In unserer Gesellschaft gilt es als selbstverständlich, dass jeder lesen und schreiben kann. Ein Irrtum, denn in Deutschland gibt es etwa vier Millionen Menschen, die damit Schwierigkeiten haben.

Ein Notarbesuch wird fällig. Geduldig erklärt dieser seinem Klienten das aufgesetzte Schreiben. Danach unterschreibt der Mann das Schriftstück. Ganz klar sind ihm einige Passagen zwar nicht, aber jetzt bloß keine Blöße geben. Umgangssprachlich nennen wir das: "Ich versteh nur Bahnhof". Ähnliche Situationen hat jeder schon mal erlebt. Analphabeten erleben das täglich. Wobei der Begriff Analphabet schon diskriminierend ist. Total-Analphabeten gibt es in Deutschland heute nur sehr wenige. Es gibt aber geschätzte vier Millionen funktionale Analphabeten in Deutschland, was einem Anteil von 6,3 Prozent der Gesamtbevölkerung entspricht, schätzt der Bundesverband Alphabetisierung. Im Kreis Bitburg-Prüm sollen es etwa 4661 sein. Funktionale Analphabeten haben meist in der Schule lesen und schreiben gelernt, es aber wieder vergessen. Ihre Fähigkeiten reichen von stark lückenhaften Buchstabenkenntnissen bis zur Fähigkeit, einfache Texte zu lesen. In Bitburg gibt Ursula Leinen seit 2002 an der Volkshochschule Bitburg Kurse "Lesen und Schreiben für Erwachsene". Ein Kurs dauert 80 Stunden an 40 Terminen, gefördert vom Land Rheinland-Pfalz. Die Grundschullehrerin, die an der St. Barbara-Schule in Rittersdorf Kinder unterrichtet, wendet bei Erwachsenen ähnliche Methoden an. Nach etwa 45-minütiger Arbeit am Computer werden Lückentexte ausgefüllt, Texte gelesen, Übungsaufgaben gelöst. "Es gibt keinen Trick. Erwachsene müssen Lesen und Schreiben lernen wie Kinder", sagt sie. Um Erfolg zu haben, heißt es: "Üben, üben, üben." Es falle Erwachsenen natürlich schwerer als Kindern, sich Buchstaben und Wörter einzuprägen, beobachtet die Pädagogin. Viele hätten einen Acht-Stunden-Arbeitstag hinter sich und setzen sich dann in die Volkshochschule, um das zu machen, was ihnen am schwersten fällt: Lesen und Schreiben. Zwei, die sich ihrem Schicksal nicht länger ergeben wollen, sind Werner K. und Jürgen M. (Namen geändert) aus dem Kreis Bitburg-Prüm. Der 31-jährige Jürgen M. ging auf die Sonderschule und fand später eine Anstellung in einer Werkstatt. Dass er nicht gut lesen und schreiben kann, ist ihm peinlich. Weil er schon als Schüler und auch am Arbeitsplatz gehänselt wurde, möchte er nicht, dass die Leute wissen, dass er Schwierigkeiten hat. Wie viele andere Betroffene arbeitet er mit Tricks, um nicht aufzufallen. Komplizierte Formulare beispielsweise nimmt er mit nach Hause, und lässt sie von seiner Mutter ausfüllen. Von dem Kurs hat seine Mutter aus der Zeitung erfahren. Jürgen M. meldete sich an und arbeitet nun fleißig daran, seine Situation zu verbessern. "Mein größter Wunsch ist, den Führerschein zu machen", sagt er."Zum ersten Schritt braucht man Mut"

Den Führerschein hat Werner K. schon gemacht. Er war 32 Jahre alt. Zusammen mit anderen Prüflingen, die ebenfalls Schwierigkeiten mit dem Lesen der Prüfungsaufgaben hatten, wurden ihm in der theoretischen Prüfung die Aufgaben vorgelesen. "Ich hatte Null-Fehler", erinnert sich der heute 45-Jährige. Bis zur siebten Klasse besuchte er die Hauptschule. Werner K. kann zwar lesen, nach drei Sätzen ist jedoch die Konzentration ermüdet. Von seinen Klassenkameraden sei er damals gehänselt worden, erinnert er sich. Werner K. arbeitet in einer Metall verarbeitenden Firma. Der 45-Jährige würde sich gerne beruflich verändern. Beispielsweise mit einem Kleinbus Kurierfahrten übernehmen. Sein Gruppenleiter fand es gut, dass er sich zu diesem VHS-Kurs angemeldet hat, sagt Jürgen M. Einige hätten zu ihm gesagt: "Du hast Mut", erzählt er. Mut gehört dazu, um sich zu einem Lese- und Schreibkurs für Erwachsene anzumelden, weiß Ursula Leinen. Sie hofft, dass noch viele den Mut finden und sich bei der Volkshochschule für ihren Kurs anmelden, der bald wieder neu startet. Lesen und Schreiben lernen kann man auch noch als Erwachsener. Man muss nur "üben, üben, üben". Informationen über den Kurs "Lesen und Schreiben für Erwachsene": Volkshochschule Bitburg im Rathaus, Zimmer 113/114 oder unter 06561/6001-220 oder -225. Diskretion ist selbstverständlich.