1. Region
  2. Bitburg & Prüm

Schwarzer Mann, blaues Wunder

Schwarzer Mann, blaues Wunder

Sommerserie zu Eifel-Naturschätzen - Sonderfolge: Der Prümer TV-Redakteur wagt sich in die Waldeinsamkeit und erlebt ein paar mittlere Überraschungen.

Prüm/Sellerich Zu den Vorzügen, die es uns bringt, in der Eifel zu arbeiten, gehört … in der Eifel zu arbeiten.
Gerade heute: Es ist Dienstag und brüllend, wenn nicht sogar kreischend heiß. Zumindest für einen wie mich, der den Schatten schätzt und die Sonne schmäht.
Bloß nicht vor die Tür gehen. Oder vielleicht doch? Ja, denn die Gemahlin meldet sich: Der Deutsche Wetterdienst habe per App durchgegeben, bei dieser Hitze solle man sich möglichst oberhalb von 600 Metern aufhalten.
600 Meter? Kein Problem, der Schwarze Mann ist nah - also rein ins Auto, raus aus der Stadt und rüber in die Waldherrlichkeit der höchsten Erhebung des Prümer Lands. Bisschen da rumlaufen. Und vorsichtshalber ein Buch mitnehmen. Falls es langweilig wird.
Abbiegen am Forsthaus Schneifel - und überlegen: Wo will ich denn jetzt hin? Ah, schau: der Loipen-Parkplatz. Der ist doch prima. Auch wenn nichts gespurt ist, weil kein Schnee liegt, der am Schwarzen Mann übrigens weißer ist als irgendwo anders auf der Welt, ich schwöre.
Parken, Auto aus, raus. Und heißa: Die Prümer Touristiker haben ein Blättchen hinterlegt, auf dem man sich die ganzen Routen angucken kann, die hier durchs Gehölz verlaufen. Zielgenau wie ein Marschflugkörper finde ich die kürzeste: drei Kilometer, ein knappes Stündchen, für einen wie mich ist das eine Leistung.
Auf geht's also … und während ich die ersten Meter mache, sinniere ich darüber nach, welches zärtliche Verhältnis der Deutsche zu seinem Wald hat. Ich find's auch herrlich da, aber das ganze Gesummse ist mir dann doch ein bisschen viel.
Erste Feststellung: Hier wächst der Farn aber verdammt hoch. Zweite Feststellung: Das ist ungefähr das einzige, was ich ohne fremde Hilfe erkenne. Und sieht irgendwie geheimnisvoll aus - wer weiß, welche Tiere da so hausen und sich unter den Farnen tarnen.
Dreihundert Meter weiter, ich bin, der Karte folgend, rechts abgebogen und hoffe inständig, dass das auch die richtige Abzweigung war. Ich schaue zur Seite. Und da passiert auch schon das, womit ich nicht gerechnet hatte: Die Wald-Offenbarung. Das quasireligiöse Erlebnis. Ich sehe … Bäume. Und traumhaft grünen, braunen, bunten, bemoosten, befarnten, beblümten Waldboden, tief hinein reicht der Blick, während die Sonne durch das Grün hinab ein paar Lichtinseln tropfen lässt und um mich herum die Vögelein zirpen, zwitschern und tirilieren, dass die Heide wackelt. Zauberei! Fehlt nur die Fee, die mir drei Wünsche schenkt. Einer tät's auch schon (ich würd' mir hundert Wünsche wünschen, damit sollte dann das Wesentliche zwischen Weltfrieden, immensem Reichtum und Nie-wieder-was-von-Donald-Trump-hören zu regeln sein).
Die Fee bleibt im Farn, der heilige Moment aber wird ausgekostet. Bis mir klar wird, dass dieses Stück Wald auch deshalb so schön ist, weil es offenbar gepflegt wird. Der Mensch hat eingegriffen! Ist das jetzt gut oder schecht? Mir doch egal, ich schreib ja keine Waldbücher. Ich bin hier reiner Endverbraucher und darf deshalb in paradiesischer Ahnungslosigkeit weiterstiefeln.
Weiter also. Da steht eine Bank, die bestimmt nur noch da steht, weil sie so malerisch verrottet. Sitzen kann da keiner mehr, sieht aber super aus. Irgendwann komme ich wieder an die Straße, wechsel auf die andere Seite und laufe fröhlich fürbass, obwohl der erste Schweiß sich bildet und jetzt auch der Rücken, hinten unten rechts, irre wehtut. Nicht schlappmachen, bloß nicht daran denken, wie erbärmlich untrainiert man ist, weiter, immer weiter.
Ich komme an ein Kreuz. Es ist das Kettenkreuz, das aber eigentlich Kättchenkreuz heißen müsste. Denn es erinnert an ein Mädchen aus Schlausenbach, das der Sage zufolge mit einem der Dorfjungs gewettet hat, es traue sich in der Nacht allein und zu Fuß bis hier hinauf. "Es war damals", heißt es auf der kleinen Tafel neben dem Kreuz, "ein unheimlicher Ort mit düsteren Hecken und Sträuchern auf dem Grat der Schneifel". Und in diesen Hecken versteckten sich einige Schlausenbacher - um dem Kättchen Angst zu machen. Es gelang ihnen so gut, dass sie tot umfiel.
Ach, Kättchen. Es ist ein Kreuz mit den Kerlen, nicht wahr? Da kommt - pling - eine E-Mail. Von Josef Arens, dem Dorfboss von Heckhuscheid. Was da drin steht, ist klasse. Verrate ich aber erst am Samstag auf der letzten Eifelseite.
Und wieder weiter. Aber was ist das denn? Blau blinkt's von links … Blümchen? Mal rangehen … nein, die sehen aus wie Plastikkämme, die einer in die jungen Baumschösslinge geklemmt hat.
Das waren bestimmt die Forstleute. Also Mail an Peter Wind, den Prümer Oberförster. Der antwortet zügig, kundig und ausführlich: Die Minibäumchen seien junge Weißtannen - "die nahezu ideale Baumart für trockenere und wärmere Wetterverhältnisse, ökologisch der Fichte weit überlegen, ökonomisch durchaus vergleichbar." Aber eben auch: ein "Leckerbissen fürs Wild. Selbst auf der Schneifel, bei relativ niedrigem Schalenwildbestand (wenige Rehe und Hirsche), werden die Knospen regelmäßig abgeknabbert ...der Baum hat also kaum eine Chance zu wachsen. Dieses ,Plastikverhüterli' soll das Wild vom Knospenfressen abhalten."
Spitze, danke! Ergebnis: Das war jetzt richtig schön. Ich bin drei Kilometer in der dicksten Hitze gelaufen, ohne k.o. zu gehen, hab was gelernt und dabei auch noch Buchballast rumgeschleppt, in dem ich keine Zeile gelesen habe. Und eine Samstagskolumnenidee habe ich auch. Ich bin klätschnass geschwitzt und hochzufrieden.
Cool wär's natürlich gewesen, einem Eifelwolf zu begegnen, ich hätte erst ein Foto und mir dann in die Hosen gemacht. Ach, ich hab ja ein Foto - aber das war letztens bei Gerolstein, auf der Kasselburg. Da haben sie Wölfe. Und da kann man auch super hin, übrigens.Extra: MEHR ZUR WEIßTANNE

 Ein Wolf! Aber aus Gerolstein!
Ein Wolf! Aber aus Gerolstein! Foto: (e_pruem )
 Das Kettenkreuz …
Das Kettenkreuz … Foto: (e_pruem )
 … und die blauen Wildbiss-Verhüterli. TV-Fotos (4): Fritz-Peter Linden
… und die blauen Wildbiss-Verhüterli. TV-Fotos (4): Fritz-Peter Linden Foto: (e_pruem )


Peter Wind hat noch mehr zur Weißtanne geschrieben: Das sei, sagt er, "in vielerlei Hinsicht eine geniale Baumart, auch von den Naturschützern wertgeschätzt". Es sei das Ziel des Forstamts, den Baum "in der nächsten Waldgeneration wieder verstärkt in der Mischung mit der Fichte und der Buche in unseren Wäldern zu etablieren". Wobei diese Tanne in den ersten zehn bis 15 Jahren sehr langsam wachse. Die Weißtanne bilde eine Pfahlwurzel aus, die sehr tief in den Boden hinabgehe - "nicht so wie die Fichte, die sehr flach wurzelt, leider auch schnell umfällt und auch schnell Durst bekommt, wenn der Boden austrocknet". Dieses tiefe Wurzeln aber mache die Tanne "sehr klimastabil und sehr sturmfest".