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Schwerkrank ist nicht krank genug

Schwerkrank ist nicht krank genug

Olaf Maushake ist mehrfach beeinträchtigt: Seine Knochen sind krank, er ist gehbehindert, leidet unter epileptischen Anfällen und kann nicht mehr arbeiten. Muss er irgendwo hin, ist er auf Bus oder Bahn angewiesen. Eine Begleitperson, die ihm während eines Anfalls helfen könnte, muss er selbst bezahlen - ihm fehlt der Vermerk im Behindertenausweis, der ihm diese finanzielle Last abnähme.

Prüm. Wie oft muss ein Mensch von einem epileptischen Anfall heimgesucht werden, bis ihm Hilfe zur Seite gestellt wird? Bis er auf Reisen jemanden kostenfrei mitnehmen darf, der ihn im Notfall beschützt und mit einem Medikament versorgt? Bei Olaf Maushake kommt das drei- bis sechsmal im Jahr vor: "Wenn mein Körper sich unter Stress setzt, dann löst das einen Anfall aus. Das war schon in der Schule so", sagt der 35-Jährige dem TV. Maushake hat beim zuständigen Landesamt für Soziales, Jugend und Versorgung in Trier schon mehrfach einen Vermerk in seinem Behindertenausweis beantragt. Dieser würde ihn dazu berechtigen, eine solche Begleitperson kostenlos in Bus oder Bahn mitzunehmen. Aber das Amt hat ihm diesen Eintrag bisher nicht gewährt.Anfälle, Schmerzen, Operationen

Die Epilepsie ist nicht sein einziges Problem. Maushake hat in seinen bisher dreieinhalb Lebensjahrzehnten Krankheiten durchlitten, die für mehrere Patienten reichen: Seit seiner Jugend hat er die epileptischen Anfälle. Hinzu kommen ein angeborenes Hüftleiden, das ihm bereits zahlreiche Operationen eintrug, außerdem Osteoporose, er nimmt täglich starke Schmerzmittel. Zuletzt wurde er in Daun an einer Schulter operiert: Weil er so lange auf Krücken gehen musste, hatte sich das Kugelgelenk seines Armes aus der Schulterpfanne verschoben. Die nächste Operation steht bereits an. Diesmal in Köln, wieder an der Hüfte: "Wie es aussieht, muss die jetzt wieder aufgemacht werden. Weil da eine Knochensplitterung und eine Verkalkung ist." Seinen bisher letzten epileptischen Anfall hatte der 35-Jährige vor zwei Monaten - da befand er sich, zum Aufbau seiner Muskulatur, in einer Rehabilitationsklinik in Bad Säckingen. "Ich konnte das nur zwei Wochen mitmachen", erzählt er. Denn dann sei der Anfall gekommen. Danach "war meine komplette linke Seite taub. Weil ich halt auch noch Weichteilrheuma habe." Genügend Krankheiten also für einen Ausweis - Maushake ist mittlerweile zu 90 Prozent schwerbehindert. Nur der eine Vermerk "B", der für die Begleitperson, der fehlt. "Ich kenne vergleichbare Fälle, wo die Begleitperson eingetragen ist", sagt Bärbel Lenz von der Verbandsgemeinde Prüm, die Maushake als Erwerbsunfähigen betreut. "Ich bin 30 Jahre auf dem Sozialamt und habe schon viele Männer hier weinen sehen", sagt sie. Aber ein so verzweifelter Mensch wie Olaf Maushake sei ihr selten begegnet. Und der weiß bald nicht mehr weiter. Zumal ihm auch die Fahrer der Busse, die er benutzt, bereits gesagt hätten, "dass sie mich eigentlich nicht mitnehmen dürfen, weil ich ja einen Anfall kriegen könnte".Bärbel Lenz bescheinigt Maushake, überaus gewissenhaft zu sein: "Er ist wirklich bemüht, alles mehr als korrekt zu machen." Das bestätigt auch Johann Urfels, Konrektor der Prümer Astrid-Lindgren-Schule, der seinen ehemaligen Schüler immer wieder unterstützt: Maushake habe, solange es ging, immer gearbeitet, zuletzt im Krankenhaus Prüm in der Hauswirtschaft, wo er "sehr emsig" gewesen sei. Mittlerweile geht das alles nicht mehr. Maushake muss von 600 Euro Rente leben. Und von dem Geld auch seine Begleiter bezahlen, wenn er zu Kliniken oder Fachärzten fährt - das komme etwa zehn- bis zwölfmal im Jahr vor, sagt er.Neues Gutachten steht aus

Aber warum erhält er keinen Eintrag im Ausweis? Maushake sagt, seine Anfälle ("Wenn\'s kommt, dann richtig") seien zu selten. Das stimme, sagt der Referent für Feststellungsverfahren in Trier, Hans-Josef Feis. Das aber sei es nicht allein: "Wir müssen uns an die Fakten halten, die uns die Ärzte liefern. Und das sind Sachverständige, die mit den Richtlinien bestens vertraut sind." Weil Maushake einen erneuten Antrag gestellt habe, laufe das Verfahren noch, ein neues Gutachten von einem Neurologen stehe aus. Dass Maushakes Anträge bisher erfolglos geblieben seien, habe einen Grund: "Die Bewertung reicht vorläufig nicht aus." Denn es gibt Vorschriften, in denen Art, Schwere und Häufigkeit von epileptischen Anfällen dargelegt sind (siehe Extra). Und erst, wenn die Kriterien erfüllt seien, könne der Eintrag erfolgen. Olaf Maushake bleibt nur die Hoffnung, dass es diesmal so ist. Meinung

Ungesunde VorschriftenDie Verwaltungsbeamten sind im Fall von Olaf Maushake an Regeln gebunden in unserem an Regeln reichen Land. Und die sind so kompliziert, dass man sich fragt, wem sie helfen sollen. Bei Maushakes Leiden wüsste man gern, was noch alles passieren muss, damit er die nötige Unterstützung erhält. Man wünscht ihm sehr, dass sein Antrag diesmal anders beschieden wird. Und dass es nicht wieder heißt: Nicht krank genug. Nicht krank genug? Wer mit ihm tauschen möchte, der hebe die Hand. fp.linden@volksfreund.deExtra

Die Bewertung einer Behinderung und ihrer Folgen ist in den sogenannten Versorgungsmedizinischen Grundsätzen dargelegt. Sie sollen Gutachtern als Grundlage für ihre Entscheidungen dienen, zum Beispiel bei der Festlegung eines Behinderungsgrads und der sich daraus ergebenden Hilfen für die Betroffenen. Das Merkzeichen "G" steht, wie bei Olaf Maushake, dabei für eine "erhebliche Beeinträchtigung der Bewegungsfähigkeit im Straßenverkehr". Bei "hirnorganischen Anfällen", wie im Fall einer Epilepsie, "ist die Beurteilung von der Art und Häufigkeit der Anfälle sowie von der Tageszeit des Auftretens abhängig." Man findet die Regelungen im Internet unter <%LINK auto="true" href="http://www.versorgungsmedizinische-grundsaetze.de" class="more" text="www.versorgungsmedizinische-grundsaetze.de"%>. Beim Bundesministerium für Arbeit und Soziales kann man sich dazu eine Broschüre aus dem Internet laden. Adresse: <%LINK auto="true" href="http://www.bmas.de" class="more" text="www.bmas.de"%>. Unter "Themen" den Punkt "Soziale Sicherung" und dann "Versorgungsmedizin" anklicken. fpl