"Scotty, mach de Dier zo!"

"Scotty, mach de Dier zo!"

Heimat ist da, wo man verstanden wird - und sei es auf Eifeler Platt. Die Alten sprechen es noch, die Jüngeren verstehen es zumeist noch, für Kinder hingegen ist es oft wie eine Fremdsprache. Dieser Entwicklung stemmt sich Mundartdichterin Sylvia Nels aus Rittersdorf mit ihren Gedichten und Liedern entgegen. Der TV hat die Sängerin getroffen.

Rittersdorf/ oder besser Rikschdorf. Wer Sylvia Nels besuchen will, muss sich in der Eifel schon etwas auskennen oder ein gutes Navigationssystem haben. Die Rittersmill liegt verborgen und einsam in der Nähe von Rikschdorf. Hier hat sie eingeheiratet, ist "die Schnauer" (Schwiegertochter) im Haus und kriegt darum immer die Tasse mit der "Bleek" (Sprung), wie sie lachend erzählt, natürlich mit reichlich Dialekt, und den gibt es deshalb auch in diesem Text.
Gemütlich hat sie es hier: die "Quetschetoart op dem Desch" (Pflaumenkuchen auf dem Tisch), "Hond un Kaatz op der Couch" (Hund und Katze auf der Couch) und in der Ecke ein frisches Adventsgesteck. "Das steht noch da, weil das Fernsehen dieser Tage hier war und für die Vorweihnachtszeit gedreht hat", erzählt sie lachend. Sylvia Nels lacht gerne.
Dabei hat das Leben der 41-Jährigen gar nicht so lustig angefangen. Geboren "ous louter Topicht" (aus lauter Torheit) von ihren allzu jugendlichen Eltern, wie sie in einem ihrer Lieder singt, wuchs sie bei ihren Großeltern mit sechs Tanten und Onkel auf.
Eins ihrer Lieblingswörter



Sie alle sprachen in der Familie Eifeler Dialekt miteinander, nur sie nicht. Mit Klein-Sylvia wurde Hochdeutsch geredet. Später hat sie sich den Dialekt selber beigebracht und zu ihrer Leidenschaft gemacht. Heute muss sie manchmal regelrecht nach hochdeutschen Wörtern suchen. "Spingel: Wie heißt das nochmal auf Deutsch?" Spingel ist eine Sicherheitsnadel. Und beim Versuch, eines ihrer Lieblingswörter - "ümpisch" (klein, rund und handlich) - zu erklären, wird\'s richtig schwierig. Besser darlegen kann sie die Unterschiede zwischen den einzelnen Formen des Moselfränkischen.
Spricht Sylvia Nels von eppes, feerdich und Gowel, würden die Gerolsteiner übersetzen: jet, reed und Jaafel (etwas, fertig und Gabel). Ein Stück weiter nördlich beginnt dann schon die Sprache des Rheinlands.
All das, alte Worte und alte Werte, will sie mit ihren Gedichten und Liedern bewahren und weitergeben. Sogar auf Facebook schreibt sie Platt: "Das kann die NSA nicht entziffern. Aber die NSA hatten wir in der Eifel ja schon immer: De Nopor seijht alles" (der Nachbar sieht alles).
Sylvia Nels auch: Sie schaut in ihren Texten hinter die Fassade vom "aal Meierhous" oder beobachtet die alten Witwer Hanes, Pitter un Klos, die von ihren Kindern ins Altenheim abgeschoben werden sollen. Manches ist biographisch, manches Phantasie - alles aber immer auf Platt und dennoch nicht platt.
Stundenlang könnte Sylvia Nels über die sprachlichen Feinheiten des Eifeler Dialekts philsophieren. Genauso wie sie stundenlang auch an ihren Liedtexten und Gedichten feilt: Sie ist "kriddelisch" (genau). "Die Melodien fallen mir leicht. Die sind einfach da", erzählt sie. "Aber gute Wörter zu finden, das ist schwierig." Gerade auch, weil sie sich bewusst ist: "Wörter sind eine Waffe." Offenbar weiß sie sie gut einzusetzen. "Wenn ich ,Wie am ischten Daach\' oder ,Un menge Papp singe\'", erzählt sie, "dann haben die Zuhörer oft Tränen in den Augen. Die Heimatsprache erreicht sie in ihren Gefühlen." Und obwohl sie selbst sagt: "Nur wer richtig kreische kann, kann auch richtig laache", muss sie aufpassen, dass sie sich emotional nicht zu sehr mit hineinziehen lässt. "Man kann nämlich nur eins: singen oder kreische."
Dabei sind ihre Liedtexte nicht nur lustig und humorig, auch nachdenkliche Zeilen sind dabei. "Wofier get et dat Woart Liebe net op Platt?", fragt sie in einem ihrer Lieder und gibt auch die Erklärung dazu: "Es gibt im Platt Vokabeln für alle praktischen Bereiche, über die im Alltag gesprochen wird. Du kannst aber erst über Gefühle reden, wenn\'s dir warm ist und du satt und ausgeschlafen bist."
Das ist ihr auch im eigenen Leben wichtig. Ihre aktuelle CD heißt nicht umsonst "Gedama". Das Wort bedeutet: einen Gang zurückschalten, Dinge mit Ruhe und Besonnenheit angehen. Etwas, was Sylvia Nels manchmal selbst beherzigen muss: "Ich bin ein leidenschaftlicher Mensch. Da gibt\'s auch schon mal ein ,Diemer\'." Und zu so einem "Diemer" (Gewitter) gehören dann auch ihre Lieblingswörter "majusebetter" und "sagradjess".
Auf Platt in New York


Zwischen 50 und 80 Auftritte hat die Liedermacherin mit der Gitarre pro Jahr, vornehmlich im Eifel- und Moselraum, bei Konzerten, aber auch privaten Feiern. Ein besonderer Höhepunkt: ein Auftritt auf Ellis Island in New York 2007. Die damalige europäische Kulturhauptstadt Luxemburg präsentierte dort, wo alle Auswanderer erstmals amerikanischen Boden betreten hatten, eine Ausstellung über die Auswanderungswelle im 19. Jahrhundert. In ihrem Lied "Meng Freihät" besang Sylvia Nells "gnadenlos auf Platt", wie sie sagt, die Sehnsucht der Menschen nach Freiheit und Wohlstand, aber auch den Preis, den sie dafür bezahlen mussten. Die Amerikaner verstanden kein Wort - und doch alles. Nach dem Konzert habe eine Zuhörerin weinend gesagt: "Ich habe nichts verstanden. Aber es hat sich genauso angehört und ich habe genau das Gleiche gefühlt, wie wenn meine Oma von dieser Zeit erzählt hat."
Wem nun einige Wörter fremd geblieben sind, dem sei ein Konzert von Silvia Nels empfohlen, traditionell eröffnet mit einem kleinen musikalischen Sprachkurs. Darüber hinaus gibt es ein Textbuch Platt-Hochdeutsch "für Leute mit Migrationshintergrund", so sagt sie immer lachend. Und dass tatsächlich jeder Platt lernen kann, beweist Hund Scotty. Wenn\'s im Haus zieht, ruft Sylvia Nels: "Scotty, mach de Dier zo!" Scotty steht auf und stupst die Tür zu - Silvia Nels kann bei einer Tasse Kaffee sitzen bleiben. So geht gedama.
Nächster Auftritt: Samstag, 22. November, beim Eifeler Abend im Euvea in Neuerburg.
Extra

Wer noch keine Idee hat, was heute im Deppe landen soll - hier eine (gekürzte) Anregung von Silvia Nels: KNIEDELSDAACH Ese Papp woar net gruß, un hen woar och net reich, doch got äßen, dat woar him sein Hiemelreich. Un woar et Geld mol knapp, du zaubert de Papp, e gruß Deppen Kniedeln, un du gong et ab: Hett ass Kniedelsdach, hus de\\'t Feier ugemach. Hett ass Kniedelsdaach un de Papp de laacht. Hett ass Kniedelsdaach, dat gruß Deppen vollgemach. Hett ass Kniedelsdaach und dat hut geschmaacht. Stong de Schottel op dem Desch, du komm emma sei Spruch:"Seihs de misch noch?" "Jo" "Dann senn et da noch net genoch!" Die Schottel woar got voll, un rann mat der Boll. Un du gof gefuttert, bis die Beich ees geschwoll.