So geht Karneval

Die erste Prümer Rednersitzung ist gelaufen. Und wie: Es war ein Abend ohne Ausfälle und voller starker Nummern. Akteure, Organisatoren und Publikum wünschen sich eine Fortsetzung.

Prüm "Das schreit nach Wiederholung": Den Satz sagen - oder schreien - am Ende der ersten Prümer Rednersitzung nicht nur Berthold Thies, Präsident der Karnevalsgesellschaft, oder Besucherin Ilse Jacoby, beide übrigens exakt wortgleich. Nein: Man findet niemanden, dem das nicht außerordentlich gefallen hat, was da gerade in gut vier Stunden ohne Pause in der mit mehr als 300 Menschen bestens besetzten Karolingerhalle über die Bühne gegangen ist: eine nahezu reine Rednersitzung.
Bei der, oh Wunder, das Publikum, gut gemischt von Jung bis Alt, von der ersten bis zur letzten Nummer aufmerksam dabei ist. Und da dachten wir schon alle, so etwas geht nicht mehr. Doch, es geht: Wenn man alles (re-) aktiviert, was an personellen Bordmitteln vorhanden ist. Karnevalistische Zukäufe waren deshalb auch nicht nötig.
Das beginnt beim souverän-schnieken Moderator Johannes Reuschen, zugleich Gardist und ein Jeck, wie er schöner nicht im Buche stehen könnte. Er wünscht sich zur Begrüßung "ein wenigstens interessiertes Publikum". Kriegt er.
Er hat dann auch gleich seinen Vater Ekkehard eingespannt, damit der den Eisbrecher gibt. Läuft prima, mit einer schönen Nummer, in der Reuschen Senior den "Personality-Trainer des Elferrats" gibt. "Und glauben Sie mir: Da war Handlungsbedarf."
Wie groß der Bedarf an einer Rückkehr von Josef Hupperts in die Prümer Bütt war, zeigt sich direkt danach: Hupperts hat seine Figur von RTL-Radioreporter Jean-Pierre reanimiert. Und das, selbstverständlich durchgehend im letzebuergischen Dialekt, macht er so wunderbar, dass die Leute sich unter die Tische lachen. Greifen wir uns seinen bösesten Gag heraus: Wie grüßt der unter "terribbelem Mundgeruch" leidende Björn Höcke seinen Heilpraktiker? Genau: "Heil, Praktiker!"
Klar, die Prümer Garde darf nicht fehlen und liefert einen gewohnt souveränen Auftritt mit vollem Brimborium. Kommandant Dominik Hoffmann - auch das so ein schöner Moment - vergisst dabei aber nicht zu erwähnem, dass es Johannes Reuschen war, der sich für diese Sitzung stark gemacht hat: "Er ist der Initiator, er hat das Ganze gewuppt", und dafür verdiene Reuschen einen tollen Applaus. Das Publikum spendet gern. Auch weil jetzt schon klar ist, dass das von Reuschen anfangs als "Experiment" bezeichnete Projekt "Rednersitzung" aufs Schönste gelingt.
Weiter zur nächsten Nummer - Irmgard Theres-Leiwer, die als Prümer Rumpelstilzchen den Jahresrückblick liefert und am Ende den Saal zum Mitsingen bringt. "Ich hab den Prümer Hahnplatz nachts im Traum geseh'n, der war dank Böhmer schön ..."
Schön auch, wie sich Julia Peter ("Julchen") in ihren Auftritt reinsteigert - dabei geht es doch nur um ein vermisstes Hündchen, den Willi, der damals im Tierheim so engelsgleich guckte - "und wir Blöden sind drauf reingefallen".
Ein Häufchen Elend droht im Anschluss "Professor Dr. K. Neval" (Johannes Reuschen) zu werden: Der Gelehrte vom "Institut für zwischenmenschliche Brauchtumspflege" an der "Vincenz-Hansen-Universität Prüm" will doch nur einen fundierten Vortrag zum Thema "Die Büttenrede" halten. Und findet im zufällig reingeschneiten Fräulein Bäbchen (Marita Laures) seine Meisterin. Zum Schreien. Urteil: Top.
Ein Wiedersehen feiern die Prümer auch mit ihrer klassischen Karnevalsfigur: dem Lappenclown, in der abteistädtischen Variante Hanswurst geheißen: Eine 14-köpfige Gruppe hat sich neu gegründet, ins Kostüm geworfen und steht bereit, um an Rosenmontag für den Umzug die Straße zu kehren.
Zwischendrin jubelt das Publikum für zwei weitere Tänze von Funkengarde und Gardeballett, bevor es ein weiteres Wiedersehen feiert: mit Berthold Thies und Udo Baur, die noch einmal als "Jerüststangen-Pitter" und "Bohle-Jupp" das Prümer Geschehen auch aus handwerklicher Sicht kommentieren. Inklusive ihres Liedchens, das sie ungefähr 17-mal anstimmen, herrlich bekloppt.
Und wo wir bei Bekloppten sind: Donald J. Trump (Michael Funk) war auch da, mitsamt düster dreinblickendem Sicherheitsdienst, Melania (Viktoria Nahrings) und seinem sächsischen Dolmetscher (Nico Demuth), der die derben Sprüche des neuen US-Präsidenten in Dialekt und diplomatisch gewandete Harmlosigkeiten verwandelt, sehr lustig, wie auch die finale Musik-Nummer der "Freunde aus der Langemarck", bei der sich Spaß und Irrsinn ganz hervorragend zusammentun, um einen letzten Knaller rauszuhauen.
"War dat schön", sagen hinterher alle. Und nein, Professor K. Nevals Sorge, dass die Büttenrede "gänzlich von der karnevalistischen Bühne verschwindet", sie scheint, zumindest an diesem Abend und in Prüm, wie vom Hanswurst weggefegt. Zufriedener Ausmarsch aller Beteiligten zur Musik der - bei jeder Rede reaktionsschnellen - Kapelle von Günter Giefer.Meinung

Auf ein Neues!
Mit ihrer ersten amtlichen Rednersitzung haben die Prümer Narren und ihr Publikum gemeinsam bewiesen, dass es eben doch noch geht: Starke, liebevoll gemachte Beiträge, einer nach dem anderen, ohne primitive, Fremdscham-auslösende Zoten - und doch frech, fröhlich und im besten Sinn beknackt. Für ein Publikum, das den ganzen Abend lang aufmerksam an ihrer Seite war. Und das Schönste: Es waren alles Eigengewächse, die sich da oben hinstellten. Das werden sie wieder tun müssen, im nächsten Jahr. Die Nummer ist jetzt gesetzt. f.linden@volksfreund.de