"So wie eine unangenehme Erinnerung"

"So wie eine unangenehme Erinnerung"

SEIWERATH. Nach der erfolgreichen Serie, in der Zeitzeugen aus der Region Trier von den letzten Kriegsmonaten berichteten, hat der Trierische Volksfreund eine Neuauflage gestartet. Im Mittelpunkt stehen die Wirtschaftswunder-Jahre. Heute ein Bericht von Dagmar Seibel.

Heute musste ich zu meinem Leidwesen noch einmal am Nachmittag in die Schule fahren und den Zug nehmen, weil ich ein Buch vergessen hatte, das ich unbedingt brauchte. Gleich merkte ich: Am Nachmittag mit dem Zug zu fahren ist etwas ganz anderes als morgens. Um halb sieben an der Bahn, da sind wir Gymnasialschüler alle munter. Es herrscht Aufbruchsstimmung! Gut, manche sind noch etwas verschlafen, aber die meisten doch mächtig aufgekratzt. "Es geht wieder los, und der Morgen gehört uns" So fühlt man. Wie anders war es jetzt am Nachmittag. Es fiel mir manches ärgerlich auf, was ich am Morgen einfach übersehen hatte. Der kleine Bahnhof in Oppenheim wirkte schäbig und öde. Vielleicht lag es daran, dass ich ärgerlich war wegen der zusätzlichen Fahrt. Vielleicht geben sich die Dinge nachmittags anders. Wer weiß. Der Zug kam, und er fuhr mit mir los. Ich erreichte meine Schulstadt, und unter meiner Bank lag unversehrt und unschuldig mein Buch. Ich verstaute es in meiner Tasche. Ich eilte zurück zum Bahnhof aber da - nicht zu fassen, da wartete auf mich schon der "Opelzug" mit den Arbeitern aus dem Opel-Werk in Rüsselsheim. "Auch das noch, das hatte noch gefehlt!", dachte ich. Dieser Arbeiterzug ist immer sehr besetzt, und auch heute war er wieder sehr voll. Ich blieb an der gläsernen Verbindungstür zu einem Abteil stehen und sah, ob drinnen für mich ein Platz wäre. Ich entschied: " Nein". Viele der Männer schliefen, da wollte ich nicht stören. Oder sollte ich doch hineingehen? Nein, lieber nicht. Über den Köpfen der teils Dösenden, teils Schlafenden, lag es wie ein schwerer blauer Nebel. Welch Bild der Erschöpfung! Alle diese Männer hatten schwer gearbeitet. Sie wurden jetzt fortgefahren zu ihren Schlafstätten. "Sie würden morgen wieder herangekarrt werden", so dachte ich, um sich eine neue Müdigkeit einzufangen, "wo sie die alte noch nicht überwunden hatten". "Was habe ich es gut", schoss es mir unwillkürlich durch den Kopf. Ich betrachtete ihre Aktentaschen und Brotbeutel, die schlaff und leer zwischen ihren Füßen ein kümmerliches Dasein hatten. Die Taschen sagten alles. Sie waren wie ein Symbol für die müden Männer. Diese waren nicht mehr in der Lage, sich um die Taschen zu kümmern. Jene welkten und kümmerten ihnen um die Beine. "Oh Gott! Was ist das nur mit diesem Nachmittag und jetzt am Abend?" Ich und meine Schulkameraden, wir waren Leute des Morgens, Aufbruchsjünger! Aber diese da? Gewiss hatten auch sie sich ihre Zukunft einst in heiteren Farben ausgemalt. Das Schlimme war nur, dass sie jetzt in ihrer Zukunft gefangen waren. Dabei arbeiteten sie täglich. Aber es half ihnen nichts. Ich betrachtete ihre knotigen Hände mit einem Gefühl des Mitleids und der Beklemmung. Diese Hände waren grob geworden und schwielig von zu viel Arbeit. Was sie wohl in der Fabrik angefasst hatten? Hämmer wurden mit solchen Händen geschwungen, rostige Bleche getragen. Es wurde geschraubt und gefräst. Die Münder der Schlafenden standen offen. Es waren weiche Münder zwischen mageren Wangen. Aber die Hände waren hart. Oder doch nicht alle? Nein, nicht alle in der gleichen Weise. Ob sie noch ein Leben kannten, jenseits der Fron? Ich wandte mich ab, drehte ihnen allen den Rücken zu, ob aus Kummer oder Widerwillen, wusste ich nicht. "Ich will nicht so ein Leben haben wie diese da!", dachte ich, und ich brauchte es ja auch nicht, ich war doch eine von der lichten Fraktion und licht würde es weiter gehen für uns - die wir morgens in die Schule fuhren. Am nächsten Morgen, als ich wieder inmitten meiner Schulkameraden stand, als wir lachten und den üblichen Lärm machten, war mein Erlebnis vom Vortag schon etwas verblasst, so wie eine unangenehme Erinnerung, die man gehabt hatte. Dagmar Seibel ist Studienrätin im Ruhestand und wurde am 26.10.1936 geboren. Heute lebt sie in Seiwerath.

Mehr von Volksfreund