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Medizinische Versorgung: So will Medicus Ärzte aufs Land bringen

Medizinische Versorgung : So will Medicus Ärzte aufs Land bringen

Die Medicus eG startet diesen Monat mit dem Betrieb ihres ersten medizinischen Versorgungszentrums. Zudem werden in Dudeldorf, wo eine Praxis geschlossen hat, Sprechstunden für Kassenpatienten angeboten. Und die Genossenschaft hat noch mehr vor, um die ärztliche Versorgung auf dem Land zu sichern.

Auf einmal ist die Tür zu. Der Hausarzt schließt. Die Patienten stehen auf der Straße. Eine neue Praxis zu finden, ist selbst in der Kreisstadt nicht einfach. Viele Mediziner sind schon heute überlastet und können sich nicht um noch mehr Menschen kümmern. Ein Problem, das sich mit jedem weiteren alteingesessenem Arzt, der in den Ruhestand geht, verschärft.

Ein Drittel der Hausärzte im Eifelkreis Bitburg-Prüm ist älter als 60 Jahre. Nur etwa 15 Prozent sind 44 Jahre und jünger. Nimmt man zudem die Gruppe der 55- bis 59-Jährigen in den Blick, zeigt sich, dass bis 2023 fast die Hälfte der heute noch praktizierenden Allgemeinmediziner aufhört. Es besteht Handlungsbedarf, wenn die Eifel nicht abgehängt werden will. Das hat der Kreis mit Landrat Joachim Streit an der Spitze längst erkannt. Im Rahmen der Arbeit am Kreisentwicklungskonzept entstand 2015 die Idee, eine Ärzte-Genossenschaft zu gründen (siehe Info).

Erster Durchbruch: Nach Jahren des Ringens bekam die Medicus eG im Herbst 2018 die Zulassung, so genannte dezentrale Medizinische Versorgungszentren (MVZ) zu betreiben (der TV berichtete mehrfach). Dezentral bedeutet dabei, dass die Genossenschaft Zweigstellen in Praxen eröffnet, die nach dem Wechsel eines Kollegen in den Ruhestand leerstehen. Ziel ist es, mit vereinten Kräften die heutige Infrastruktur zu erhalten und auszubauen.

Auch der Bitburger Allgemeinmediziner Michael Jager, der die Medicus eG mit Kollegen aus dem ganzen Eifelkreise gegründet hat und sie als Vorstand leitet, denkt ans Aufhören. „Ich würde gerne meine Arbeitszeit etwas reduzieren, aber vor allem meine Nachfolge sichern“, sagt der 66-Jährige. Und genau dabei hilft die Ärzte-Genossenschaft.

Diese Woche hat die Medicus eG den Betrieb des ersten dezentralen MVZ aufgenommen. Und zwar die Praxis Jager in Bitburg. Der Weg: Die Medicus eG kauft die Praxis. Dafür haben die Genossen einen Kredit aufgenommen. Das Praxisteam um Jager, die Ärztin Ingrida Radisauskiene sowie die vier medizinischen Fachangestellten werden als Angestellte der Genossenschaft übernommen. Die Gewinne, die mit dem Betrieb der Praxis gemacht werden, gehen an die Medicus eG, die damit Kredite abbezahlen und Rücklagen bilden kann.

Ergebnis: Jager ist kein selbstständiger Unternehmer mehr, sondern kann als Angestellter etwas kürzer treten. Damit hat er genau das erreicht, was sich unter dem Stichwort „flexible Arbeitszeiten“ und der Möglichkeit zu Teilzeitarbeit heute viele junge Ärzte schon zu Beginn und nicht erst am Ende ihres Berufslebens wünschen. Dass dies auf dem Land kaum möglich war, weil die meisten Praxen Ein-Mann-Betriebe sind, zählt mit zu den Gründen, warum es junge Ärzte eher in die Gemeinschaftspraxen der Großstädte oder die Kliniken zieht. Dank der Medicus eG ist Teilzeitarbeit ohne unternehmerische Verantwortung nun auch als Landarzt möglich. Das ist der große Verdienst aller, die für diese Genossenschaft gekämpft haben.

Jager will mit seiner Praxis beispielhaft zeigen, wie eine geregelte Nachfolge mit Unterstützung der Medicus eG aussehen kann, wenn kein junger Kollege den Betrieb übernimmt. „Es ist ja alles schön und gut, dass wir die Zulassung bekommen haben. Aber es muss jetzt was passieren“, sagt Jager. In erster Linie geht es ihm um seine Patienten. Mehr als 1100 Menschen sind in der Praxis Jager in Behandlung. „Für die fühle ich mich verantwortlich. Ich will nicht, dass sie irgendwann vor einer verschlossenen Tür stehen.“

Das wollen Jager und die Medicus-Genossen auch in Dudeldorf vermeiden. In der Praxis Halberkann werden derzeit nur noch an zwei Tagen Sprechstunden für Privatpatienten angeboten. „Unser Ziel ist es, dass wir dort an drei Vormittagen der Woche wieder Sprechstunden für Kassenpatienten anbieten“, sagt Jager. Der Weg: Er und seine Kollegin Ingrida Radisauskiene werden im Wechsel nach Dudeldorf fahren. Wenn alles glatt läuft bereits ab Februar. Damit das kein Loch in die Bitburger Praxis reißt, wird dort aufgestockt.

„Mich hat eine Assistenzärztin aus einem Krankenhaus angesprochen, die mit dem Betrieb unzufrieden ist“, sagt Jager. Um als Quereinsteigerin die Facharztausbildung Allgemeinmedizin zu bekommen, müsse die Kollegin nun zwei praktische Jahre und eine Prüfung absolvieren. Sie wird in der Praxis Jager beginnen – ebenfalls als Angestellte der Medicus eG. Zudem bildet sich eine der medizinischen Fachangestellten fort, so dass sie als „Versorgungsassistentin in der Hausarztpraxis“ auch Hausbesuche machen kann. Die Eifeler Ärzte-Genossen hoffen, noch mehr Kollegen zu finden, die merken, dass ihnen der Klinikalltag doch nicht so gut gefällt und ein Wechsel auf die Hausarztseite in Frage kommt.

Das wäre gut. Denn Jahr für Jahr werden weitere Praxen schließen. „Auch zwei meiner Medicus-Kollegen wollen Ende 2019 aufhören“, sagt Jager, „Es brennt, es brennt an allen Ecken und Enden.“ Dreh- und Angelpunkt: Die Medicus eG braucht junge Ärzte, die bereit sind, in Voll- oder Teilzeit in der Eifel zu arbeiten. Auch ältere Kollegen kommen natürlich in Frage. Etwa solche, die wie Jager selbst, tageweise eine Praxis unterstützen. Aber vor allem braucht die Medicus eG junge Ärzte.

Um junge Mediziner für die Eifel zu begeistern, setzt Jager alles daran, eine Verbund-Weiterbildung für Allgemeinmedizin, wie es sie in Prüm und Wittlich gibt, in Zusammenarbeit mit dem Bitburger Krankenhaus zu verwirklichen. Dabei geht es um ein Komplett-Paket für die praktische Ausbildung angehender Ärzte. Die würden einige Stationen ihrer im Schnitt fünfjährigen Facharzt-Ausbildung im Krankenhaus machen und dann bei kooperierenden Allgemeinmedizinern in die Praxis gehen.

„Ich kann mir vorstellen, wenn Menschen die Eifel kennenlernen und erleben, dass man es hier ganz schön haben kann, gerne bleiben“, sagt Jager. Deshalb will er auch direkt an Universitäten werben, um Medizinstudenten dafür zu begeistern, ihr praktisches Jahr (PJ) in der Eifel zu machen. „Wir brauchen Prospekte und Flyer, in denen wir deutlich machen, dass man in der Eifel gut leben kann“, sagt Jager. Seiner Einschätzung nach, wissen nicht nur etliche Medizinstudenten nicht, wie vielfältig und bereichernd die Arbeit als Landarzt sein kann, sondern auch die Eifel gilt, so vermutet Jager, bei vielen noch als rauer Landstrich. Für ihn steht deshalb fest: „Wir müssen in unserem Werbematerial neben den Möglichkeiten zur Teilzeitarbeit auch das Positive der Eifel ganz allgemein herausstellen.“ Jager ist überzeugt: „Wenn das anläuft, entwickelt das eine Sogwirkung.“

Im nächsten Schritt überlegt die Medicus eG, die inzwischen bundesweit für Aufsehen sorgt, auch Facharztpraxen einzubeziehen. Im April stellt Jager das Medicus-Konzept bei einer Fachtagung der Gesundheitsnetzwerke in Berlin vor.