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Steine der 1981 abgerissenen Alten Union finden sich rund um Bitburg

Archiv November 2017 : Was von der Alten Union in Bitburg übrig blieb ...

1981 wird die „Alte Union“ abgerissen. Fragmente des Baus bleiben lange erhalten. Manche sind heute noch rund um Bitburg zu finden. Eine Spurensuche.

Durchs Fenster blicken die Heiligen auf ein Stück Geschichte. Die Figuren sind die Werke von Roger Dellere. Der Steinmetz hatte  einen Laden in der Erdorfer Straße. Zwischen den Grabsteinen, die auf dem Gelände lagern, fällt der Sandstein kaum auf. Schließlich erinnert das Fragment auch an etwas, was vor langer Zeit beerdigt wurde. Es ist eines der letzten Fragmente der „Alten Union“. Das Baujahr 1901 steht auf dem Sockel (siehe Info). Darüber wölbt sich ein Ornament, das einer Muschel ähnelt. Beim Abriss der Jugendstilvilla war dieser Scheitel einer der ersten Bauteile, die abgetragen wurden. Auf einem Foto von Stephan Garçon ist zu sehen, wie ein Arbeiter dort einen Haken anbringt.

Heute ist er eines der letzten Erinnerungsstücke an das historische Anwesen, das 80 Jahre lang in der Trierer Straße stand. Aber es gibt noch weitere. Sie verstecken sich irgendwo rund um Bitburg. Das war 1981 noch anders geplant. Aber von Anfang an:

 Dieser Schlussstein der "Alten Union" steht bei einem Steinmetz in der Erdorfer Straße. Weitere Stücke aus der Fassade finden sich in Privatgärten.
Dieser Schlussstein der "Alten Union" steht bei einem Steinmetz in der Erdorfer Straße. Weitere Stücke aus der Fassade finden sich in Privatgärten. Foto: Christian Altmayer

Verteidigt: Ein Transparent weht vom Dach der „Alten Union“. Auf dem Leinen stehen die Worte: „Dieses Haus ist instandbesetzt.“ Die Aktion reiht sich in eine Reihe von Besetzungen in deutschen Städten ein. Studenten nehmen leere Gebäude in Beschlag. Sie protestieren gegen die Wohnungsknappheit. Die vermeintliche Besetzung der „Alten Union“ hat aber andere Gründe.

1981 hat die Stadt Bitburg das Grundstück an die Landeszentralbank verkauft. Die will sich auf dem Gelände niederlassen. Für den neuen Sitz soll die „Alte Union“ Platz machen. Darüber ärgern sich vier Bitburger Jugendliche. Zusammen schmieden sie einen Plan zur Rettung des  Gebäudes. Sie klettern also aufs Dach und bringen das Banner an. Einer von ihnen sitzt heute im Stadtrat.

„Das war alles ein Fake“, sagt Stephan Garcon. Besetzt sei das Haus nämlich nie gewesen. Das Transparent sollte die Planer  von ihrem Vorhaben abbringen. Doch der Schuss ging nach hinten los.

Als die Bank von der vermeintlichen Besetzung erfährt, beschleunigt sie das Abrissverfahren. Und schon bald steht nichts mehr von der „Alten Union“. Die Ironie: Der Sitz der Landeszentralbank in der Trierer Straße wird nie gebaut.

Heute bedauert man bei der Verwaltung den Abriss des historischen Gebäudes. Das zeigen die Worte von Stadtsprecher Werner Krämer: „Es ist sehr bedauerlich, dass vor bald 40 Jahren das damals 80 Jahre alte Gebäude der Alten Union abgerissen wurde. Heute hätte man sicher anders entschieden.“

Vergessen: 30 Jahre lang steht das Gelände leer, wird als Parkplatz verwendet. Teile der Fassade lagern derweil auf dem städtischen Bauhof. 1981 hatte sich die Stadt verpflichtet, sie zu erhalten und gegebenenfalls wiederzuverwenden. Dieses Vorhaben wird erst mal nicht weiterverfolgt. Die Steine ziehen mit dem Bauhof 1990 in die Ottostraße, auf Merlick, um. Auf dem Weg geht ein großer Teil der Steine zu Bruch. Die Witterung und häufiges Umlagern tun ihr Übriges. Gerüchten zufolge wurden auch einige Gewände vom Bauhofsgelände gestohlen. Das kann Stadtsprecher Werner Krämer allerdings nicht bestätigen. Aus der jahrelangen Vergessenheit tauchen die Steine erst 2010 wieder auf. Der Bau der Galerie Pierre steht an. Die Idee: Man könne doch Teile der „Alten Union“ in den Neubau integrieren. Also werden die Fassadenteile, wie Werner Krämer sagt, „in akribischer Arbeit nochmals zusammengetragen“. Trümmer werden entsorgt.

Doch die Mühe bleibt umsonst. Denn die Architekten wissen nicht  recht, wie sie alte Steine und moderne Galerie zusammenbringen sollen. Auch der Plan, die Bruchstücke hinter dem Neubau auszustellen, wird später verworfen. Von da an fristen die Überbleibsel der Union wieder ein Schattendasein. Heute tauchen sie rund um Bitburg wieder auf. Wie kommt das?

Verkauft: Viel ist nicht mehr übrig von der „Alten Union“. Was noch auf dem Bauhof lagert, wird von der Stadt verkauft – so auch der Schlussstein. „So ist wenigstens sichergestellt, dass er erhalten bleibt“, meint Krämer.

Nur wenige hundert Euro bekommt die Verwaltung für die Reste der Villa. Inzwischen findet man sie auf Privatgrundstücken – zum Beispiel in Dudeldorf-Ordorf. Edith und Josef Pallien haben ein Fragment erworben.  Nun ziert es die Fassade des von ihnen sanierten Kutscherhauses. Größere Stücke sind wohl auf dem Gelände eines Schrebergartens am Ostring verbaut.

Stephan Garçon hätte sich „eine würdigere Aufbewahrung“ der Bruchstücke gewünscht – nicht nur wegen der alten Bausubstanz. Denn in dem Gebäude schlummerte eine weitere Geschichte: Das Haus ist nämlich von Jakob Juda gebaut und bewohnt worden: einem Weinhändler jüdischen Glaubens. Das macht die Fassadensteine zu Zeugnissen jüdischen Lebens in Bitburg. Die sind in der Bierstadt noch seltener zu finden als historische Gebäude. „Schon allein deswegen hätte man die Steine erhalten müssen“, meint Garçon.

Eine aktuelle Entscheidung des Stadtrates stimmte den Bitburger aber  versöhnlicher. In der jüngsten Sitzung beschloss das Gremium einstimmig, eine Stele zum Gedenken an die Opfer des Holocaust in der Bierstadt aufstellen zu lassen.  Bitburg habe nun einen anderen Weg gefunden, sich zu erinnern, sagt Garçon. Für ihn ist die Geschichte der Alten Union damit nach mehr als 30 Jahren endlich abgeschlossen.

Historische Fotos der „Alten Union“ gibt es online unter volksfreund.de

Hier geht es zur Bilderstrecke: Abriss der Alten Union 1981