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"Stinckende Tobacks-Menschen"

"Stinckende Tobacks-Menschen"

Rauchen galt früher immer wieder als schick - auch bei Frauen. Schon im 17. Jahrhundert berichten Quellen davon, dass in fast jedem Eifeler Haushalt "stinckende Tobacks-Menschen" lebten, "auch die Weiber" machten da mit.

Steineberg. Rauchen ist in - ist out! Rauchen ist verboten - ist teilweise erlaubt! Das Image des Rauchens hat sich immer wieder gewandelt. Und dabei kann das Rauchen auf eine lange geschichtliche Tradition zurückblicken. Und kann auch beweisen, dass es keineswegs ein Privileg der Männer war.
Dorf- geschichte(n)


Das beweist auch diese Bäuerin aus Steineberg auf dem Foto von 1941. Sie rauchte ihren ,,starken Tobak" in ihrer eigenen Pfeife. Dabei war das Pfeiferauchen durch Frauen absolut keine Seltenheit in der Eifel. Viele kannten pfeiferauchende Frauen, und die Heimatliteratur berichtet von ,,alten Weibern", die am Feuerherd saßen und die irdene Pfeife pafften, die meist das ,,Hänsjen" genannt wurde.
Das Rauchen von Tabak in Pfeifen - meistens aus Ton - setzte sich in allen gesellschaftlichen Schichten durch. Der Prediger Abraham a Santa Clara (1644-1709) konstatierte, dass "kein Haus zu finden sei, in dem nicht eine Menge der stinckenden Tobacks-Menschen zu finden seien. Nicht nur Männer, sondern auch die Weiber, die die Tabacks-Pfeiffe stets im Maul tragen und rauchen”. Auch einige reiche und einflussreiche Damen ließen es sich nicht verbieten. Die Marquise de Pompadour, Lieblingshure des französischen Königs Ludwig XV., war eine leidenschaftliche Raucherin und besaß mehr als 300 Pfeifen.
Erste Pfeife schmeckt scheußlich


Im 19. Jahrhundert eroberte die Zigarette die Domäne der Frauen. Das war nun schick und modebewusst. Anders hingegen in sozial schwachen Verhältnissen und im ländlichen Raum. Dort blieb das Rauchen einer Pfeife durch Frauen noch lange erhalten. Nahezu in alle Orten der Eifel sind Frauen bekannt, die liebend gerne Tonpfeifchen rauchten oder diese "Hänschen" gegen Entgelt für andere anrauchten. Das war nichts Außergewöhnliches. Gerade, wenn neue Pfeifen - erst recht Tonpfeifen - in Gebrauch genommen werden, schmecken die ersten zig Pfeifen scheußlich. Erst wenn die Pfeifen "eingeraucht" sind, wenn die Teerbestandteile des Tabaks die Pfeifenwand abgedichtet haben, kann das Pfeifenrauchen zum Genuss werden. Und für diese "Arbeit" suchte man sich "Einraucher", die dann zur Belohnung wenige Münzen oder ein Päckchen Tabak bekamen.
Die Frau auf dem Foto ist "Klannes Liss" (Elisabeth Rauen) aus Steineberg. Bescheiden und zufrieden steht sie neben einem einquartierten Soldaten vor ihrem Elternhaus. Als die Aufnahme entstand, war sie 44 Jahre alt. Aber sie sieht viel älter aus. Gezeichnet von Entbehrung und viel Arbeit. Klein, zart und schmächtig war sie, das Foto zeigt sie mit weißem schütteren Haar unter der wollenen Strickmütze. In ihrem Mund ein qualmendes Pfeifchen. "Das war ihre Leidenschaft", erinnert sich ihre Großnichte Gisela Umbach. "Wenn sie eine Pfeife rauchen konnte, ging es ihr einfach gut. Für jedes gute Wort oder jedes kleine Geschenk war sie froh und dankbar. Am meisten freute sie sich über ein Päckchen Tabak, denn sie war eine leidenschaftliche Raucherin, gleich ob Zigarren, Zigaretten oder Pfeife."
Tödlicher Unfall beim Tabakkauf


Das Leben von Liss war hart und entbehrungsreich. Sie war von Geburt an taub, konnte sich nur stammelnd und schwer verständlich ausdrücken. Sie blieb ledig und half ihren Schwestern in der Landwirtschaft. Und das Schicksal wollte es, dass ausgerechnet ein Päckchen Tabak ihr zum Verhängnis wurde. Nachdem sie es in der Dorfwirtschaft gekauft hatte, bemerkte sie beim Überqueren der Straße wegen ihrer Taubheit nicht den Lastwagen. Dieser erfasste sie und löschte am 18. Juni 1952 ihr Leben aus.