Tagesmutter in Bitburg: Auf ein Kind aufpassen für 4,05 Euro - jetzt gibt es eine Gehaltserhöhung

Tagesmutter in Bitburg: Auf ein Kind aufpassen für 4,05 Euro - jetzt gibt es eine Gehaltserhöhung

So viel war dem Kreis bislang die Arbeit einer Tagesmutter pro Stunde pro Kind wert. Jetzt hat der Jugendhilfeausschuss über eine Gehaltserhöhung verhandelt. Den Anstoß gab das Schreiben einer Bitburgerin.

Die Woche beginnt für Sylvia Koschnik-Bales mit einem 15-Stunden-Tag. Die Bitburgerin ist Tagesmutter und kümmert sich um drei Kinder. Das erste kommt um 5.15 Uhr, das nächste um halb acht und dann noch eines um 12 Uhr. Bis alle drei wieder aus dem Haus sind, ist es Abend.

Pro Stunde und pro Kind hat die alleinstehende Frau bislang 4,05 Euro verdient. Weniger bekommt eine Tagesmutter in keiner anderen Kommune. Von diesem Gehalt zu leben - Miete, Kleidung, Essen zu zahlen - sei "schwierig", sagt sie. Hinzu kommen Abgaben für Versicherungen, die Tagesmütter als Selbstständige aus eigener Tasche zahlen müssen. Seit 2013 habe es keine Tarif-Erhöhung gegeben, sagt Koschnik-Bales. Das heißt: bis jetzt. Dass es nun doch eine gab, das ist auch ihr Verdienst. Aber dazu später mehr.

Im Eifelkreis Bitburg-Prüm gibt es ungefähr sechzig bis siebzig Tagesmütter. Sie springen dann ein, wenn Kindergärten überfüllt sind oder geschlossen haben. Denn so verschieden wie die Leben und die Berufe sind, so verschieden sieht auch die Kinderbetreuung aus. Wohin mit dem Sohn, wenn die alleinerziehende Mutter die Nachtschicht übernimmt? Und was wird mit der Tochter an den Samstagen, an denen Vater jetzt auch an der Kasse steht? Die Frauen - der letzte Mann im Kreis hat in diesem Jahr aufgehört - passen nicht nur auf die Kinder auf. Sie kochen für sie, spielen mit ihnen, bringen sie zum Arzt.

Vermittelt werden sie seit 2012 von einer Beratungsstelle des Deutschen Roten Kreuzes. Den Kreis kosten die Tagesmütter jährlich 560 000 Euro. Und anscheinend ist die Verwaltung auch weiterhin gewillt, Geld für ihre Dienste ausgeben: In der jüngsten Sitzung des Jugendhilfeausschusses stimmten alle zu, dass die Vermittlungsstelle zumindest bis zum 31. Juli 2018 erhalten bleiben soll.

Denn der Bedarf an Kindertagespflege sei immer noch hoch - nicht nur spätabends und am Wochenende. Es gibt einfach nicht genug Kita-Plätze. Die Politik kümmert sich zwar um Abhilfe, aber das wird dauern: In Speicher soll eine neue Kindertagesstätte gebaut werden, in Irrel sind die Kleinen als Übergangslösung in Containern untergebracht. Und in Bitburg? Da sollte eine Kita auf dem Kasernengelände entstehen. Doch aus diesen Plänen wird vorerst nichts.

Tagesmütter werden also - zumindest im Augenblick - dringend gebraucht. Da waren sich alle einig. Nur darüber, wie viel sie künftig verdienen sollen, wurde diskutiert. Ausgangspunkt war ein Antrag, den die Tagesmütter selbst in das Gremium trugen. Dazu tat sich Sylvia Koschnik-Bales vor etwa fünf Wochen mit zwei ihrer Kolleginnen zusammen und setzte ein Schreiben auf.

Sie forderten eine Gehaltserhöhung. Was folgte, waren Verhandlungen mit dem Kreis. Man einigte sich auf 4,50 Euro pro Stunde, pro Kind. Das sind zwar zehn Prozent mehr als zuvor, aber im Vergleich mit den umliegenden Landkreisen immer noch wenig.

Der Bundesverband Kindertagespflege und das Deutsche Jugendinstitut (DJI) empfehlen gar eine Vergütung von 5,50 Euro. Das kam auch im Ausschuss zur Sprache und machte so manchen stutzig. "Warum halten wir uns nicht an diese Empfehlung?", fragt Roswitha Biwer, Bündnis 90 die Grünen, in die Runde. Einige teilen ihre Kritik: Die Arbeit der Tagesmütter müsse honoriert werden, 4,50 seien nicht genug. Es gibt aber auch Gegenstimmen. Die sagen zum Beispiel: Das Gehalt einer Tagesmutter müsse weiterhin spürbar unter dem einer Erzieherin liegen. Immerhin brauchen letztere eine langjährige Ausbildung. Tagesmütter absolvieren eine vierwöchige Fortbildung in Vollzeit. Über mehrere Monate werden sie in Blockseminaren ausgebildet.

Auch die Gegner einer weiteren Erhöhung verstehen die Tagesmütter um Sylvia Koschnik-Bales, wie sie sagen. Weswegen sie am Ende auch "sehr zufrieden" mit dem Ausgang der Abstimmung seien. Einstimmig mit einer Enthaltung (Roswitha Biwer) beschloss der Ausschuss, ihr Gehalt auf 4,50 Euro zu erhöhen. Und vielleicht ist das ja noch nicht das Ende der Debatte. Im Herbst - wenn die Fraktionen ein weiteres Mal zusammenkommen - wollen sie noch einmal darüber sprechen, was die Kinderbetreuung denn nun wert ist. Darauf hat man sich angesichts der Unstimmigkeiten geeinigt. Politiker Biwer erwägt, einen höheren Stundensatz ins Spiel zu bringen. Das würde Koschnik-Bales natürlich freuen. Sie ist aber erst mal froh, "dass der erste Schritt getan ist."KommentarMeinung

Es gibt nichts umsonstJeder muss von seiner Arbeit leben können, auch Tagesmütter. Die Gehaltserhöhung auf 4,50 Euro war der erste Schritt. Mehr aber auch nicht. Wer als Selbstständiger Renten -, Krankenversicherung und so weiter aus eigener Tasche zahlen muss, braucht mehr Geld. Dass viele Hausfrauen und Teilzeitkräfte den Job nur als Zubrot betrachten, kann hier kein Argument sein. Denn es gibt sie ja, die Vollzeit-Tagesmutter, die ihren Lebensunterhalt bestreiten muss. Wenn der Kreis nicht so viel Geld für die Frauen in die Hand nehmen will, bleibt ihm nur eine Möglichkeit: Er muss sich noch stärker um Kita-Plätze bemühen. Aber auch die gibt es nicht umsonst. c.altmayer@volksfreund.de