Tanz für einen

Es ist ein Tanz für einen. Ein erzwungenes Solo. 90 Tage allein, Langeweile, Warten und Sitzen. Der Syrer Maher Abdul Moaty hat einen Weg gefunden, damit umzugehen. Er tanzt.

Trier. Maher Abdul Moaty steht auf dem Kopf, langsam streckt er erst das linke Bein nach vorne und das rechte nach hinten. Dann umgekehrt. So langsam wird das Atmen schwerer. Der Tänzer macht nur ein paar Aufwärmübungen in seiner Wohnung in Trier. Zum eigentlichen Tanzen kann er in die Tufa, das Theater oder ins Walzwerk gehen. Mittlerweile. Vor einigen Monaten war seine Wohnung noch seine einzige Tanzfläche.

Moaty war zu einem Festival nach Mexiko geflogen, Hin- und Rückflug mit Zwischenstopp in Frankfurt. Auf dem Weg von Mexiko über Frankfurt zurück in den Libanon, wo der Tänzer aus Syrien bei der Tanzgruppe Caracalla arbeitete, setzte er sich in den Flughafen und wartete, bis sein Rückflug gestartet war. Dann ging er zur Polizei. Nicht mehr zurück in den Libanon, wo er Mitglied eines Ensembles war, oder in seine Heimat, in der Krieg herrscht, wo er einmal ein Tanzstudio besessen hat, wo seine Familie lebt. Drei Tage im Transit, zwei Tage in Hessen, danach drei Wochen Trier. Bis er sich endgültig in Trier niederlassen durfte, vergingen noch drei Monate in Höhr-Grenzhausen, einem 9000-Seelen-Ort im Westerwald, in der Nähe von Koblenz. Drei Monate, in denen Moaty bald wahnsinnig geworden ist.

Maher Abdul Moaty steht in der Küche seiner Wohnung am Rande von Triers Innenstadt. Von seinem kleinen Balkon aus schaut er auf Baumwipfel und Weinberge. Alles ist ruhig, die Sonne scheint, draußen summen Motorroller vorbei. Moaty macht Tee mit frischen Ingwerstückchen. Gerade hatte er eine Premiere mit der Tanzcompany The People United von und mit Hannah Ma. Davor: Premiere mit "Jesus Christ Superstar" im Walzwerk. Und davor: Premiere des Stückes "One Night Stand" seines syrischen Kollegen Saeed Hani in Kooperation mit dem Trierer Verein MenschmitMensch. Gerade laufen weitere Proben: Im Theater Trier zu "Cabaret" und "Wanderers", wieder ein Stück mit The People United. Maher Abdul Moaty ist ein vielbeschäftigter Tänzer, Langeweile kennt er nicht. Nicht mehr.

Er stellt Tee und zwei große Gläser randvoll mit Saft und kaltem Wasser auf den Couchtisch, daneben baut er ein Tablet auf und öffnet die Google-Translator-App. Nur für den Fall, dass ihm ein Wort fehlt. Die dritte Sprachstufe, B1, hat er schon. Mit guter Note. Er kann nun kleine Sätze bilden und sich grundlegend verständigen. Aber er will noch mehr, in Deutschland müsse alles perfekt sein, meint er.Die Porta in Damaskus


Moaty sucht nach Bildern im Internet. Bilder von einem Gebäude in Damaskus, einem alten Sandsteingebäude mit schweren massiven Mauern und herausgehauenen Fenstern. "Wir haben auch eine Porta Nigra", sagt er und deutet auf eine nächtliche Aufnahme des Bauwerks. Ein mit warmem, gelbem Licht beschienenes Sandsteintor vor einem dunklen Himmel.
Er zeigt Bilder von einem kleinen Fluss, der dicht an Häuserwänden entlangplätschert. Ein bisschen erinnert der Anblick an die Altstadt von Saarburg. Moatys Augen leuchten auf, er ist viel unterwegs und kennt die Stadt Trier und ihr Umland. Er schwingt sich auf sein Fahrrad, und wenn er nicht weiter weiß, steigt er ab und fragt Leute nach dem Weg. Das schätzt er sehr an Trier. Dieses Fragenkönnen. In Höhr-Grenzhausen ging das nicht.

Wenn Moaty von den Wochen in dem kleinen Westerwälder Ort erzählt, dann setzt er sich betont gerade hin, sein Blick geht ins Leere, seine Hände liegen auf den Knien. Das verbindet er mit dem Dorf in der Nähe von Koblenz. Nur sitzen und warten. Im Lidl einkaufen war der Höhepunkt des Tages, ein Sicherheitswachmann seine tägliche Begleitung entlang der Regale. Er habe eben einen Bart und sehe anders aus, vielleicht ist das in Deutschland so, überlegt Moaty, dass man Leute, die anders sind, beobachten muss. Der Wachmann habe ja nur seinen Job gemacht.

Immer wieder hatte es Momente in seinem Leben gegeben, in denen er Abstand vom Tanzen genommen hatte, freiwillig oder unfreiwillig. Zwei Jahre hat er an der Uni Wirtschaftswissenschaften studiert, heute weiß er nichts mehr aus diesem Studium. Er hat mit seinem Bruder zusammen in einem Geschäft für Reinigungsmittel gearbeitet, in dieser Zeit hat er Tanzvideos auf Youtube studiert und hinter der Theke des Ladens kleine Bewegungen geübt. Nachdem ein Tanzkollege in seinem eigenen Haus verbrannt worden war, ging Moaty zur Armee. Doch das Tanzen ließ ihn nicht los. Er kam zurück nach Damaskus und eröffnete sein Tanzstudio. Dann kam der Krieg. Krieg beginnt klein, erinnert er sich. Aber nach wenigen Monaten war es so gefährlich, dass er in Syrien manchmal in seinem Studio schlafen musste, der nächtliche Nachhauseweg war zu gefährlich. Nach sechs Monaten ging er in den Libanon. Dort hat er drei Jahre bei der Tanzgruppe Caracalla das Tanzen von der Pike auf gelernt. Vorher war es nur ein Hobby. Aber er kann nicht ohne Tanzen. Er muss tanzen.

In Höhr-Grenzhausen hat er auch getanzt. In seiner Wohnung, mit sich selbst. Drei Monate nur sitzen und warten konnte er nicht. Höhr-Grenzhausen ist ein schöner Ort, sagt Moaty. Aber ohne Leute, mit denen er sich unterhalten konnte, weil er die Sprache nicht kannte. Drei Monate nur zu Hause. Sitzen. Warten. Ob die Papiere in Ordnung sind, ob alles funktioniert, ob er bleiben kann oder zurück muss. In dem kleinen Ort hatte er oft Angst, dass es vielleicht fünf Jahre dauern könnte, bis etwas passiert. Fünf Jahre sitzen, warten. Moaty muss tanzen. Um sich zu bewegen, um die Langeweile zu vertreiben, um nicht einzurosten, um die Zeit totzuschlagen. Tanzen ist der rote Faden in seinem Leben.
In seiner Wohnung in Trier macht er Aufwärmübungen, bevor er zum Proben in die Tufa oder ins Theater geht. Er ist stolz auf seine Engagements hier, auf seine Leistungen. Gleichzeitig hat er oft Angst, dass den Leuten hier nicht gefallen könnte, wie er tanzt. Es sei eben eine ganz andere Kultur. Als er den ersten großen Applaus in Trier erhielt, wusste er, dass er angekommen war.

Wenn er im Weinberg steht und die Augen zukneift, ist es fast wie zu Hause. Die nächtlichen Lichter der Stadt, dazwischen immer wieder große erdige Flecken, alte Bauten, gelb angeleuchtet. Trier ist eben eine alte Stadt. Genau wie Damaskus.
Extra

5718. So viele Flüchtlinge leben derzeit in der Region. Für ihre "Fremde Heimat" haben die TV-Volontäre umfassende Daten über die Neuankömmlinge zwischen Konz, Trier, Bitburg, Daun und Wittlich ausgewertet. Sie haben viel Zeit mit Flüchtlingen verbracht - und mit denen, die ihnen helfen wollen. Herausgekommen sind Geschichten über Unterschiede und Gemeinsamkeiten zwischen der alten und der neuen Heimat, zwischen Christen und Muslimen. Geschichten über guten Willen und unerwartete Grenzen. Geschichten vom Warten und vom Ankommen.

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