Theaterstücke zum Thema Gewalt: Ist das nur gespielt oder vielleicht doch echt?

Schule : Theaterstück zum Thema Gewalt für Schüler in Neuerburg

Mit dieser Frage unfreiwillig konfrontiert wurden Schüler aus Neuerburg bei einer Veranstaltung zum Thema Gewalt.

„An dieser Stelle lösen wir das für alle auf“, sagt Nicole. „Wir sind Schauspieler, und das, was ihr eben gesehen habt, war alles nur gespielt.“ Ein Raunen geht durch die Aula der Realschule plus Neuerburg. Einige Schüler blicken sich ratlos an, andere sind schlichtweg erleichtert und wieder andere ringen mit ihren Gefühlen. Das, was die Zehntklässler in den vergangenen gut 60 Minuten erlebt haben, ging an die Nieren.

Auf der Bühne sitzen fünf Menschen, die alle in unterschiedlicher Weise mit dem Thema Gewalt in Berührung gekommen sind und nun davon erzählen. Es sind Opfer und Täter. Sie berichten von dem, was sie erlebt haben. Nicole beispielsweise hat eine Mitschülerin gemobbt. Und das nicht zu knapp. Das Mädchen ist aus dem Fenster gesprungen, hat sich das Leben genommen. Nicole jedoch sieht die Schuld nicht bei sich. Im Gegenteil: Sie ist sauer, zieht über die Mitschülerin her, macht Späßchen. Nicole nimmt an dieser Veranstaltung nicht freiwillig teil, wie sie betont.

Genauso wenig wie Klaus Lützek. Der junge Mann sieht in seiner Umgebung zu viele Ausländer, wo früher nur Deutsche waren, und sich selbst deshalb in der Verantwortung, dagegen etwas zu unternehmen. Lützek hat aufgeräumt, hat mit einem Baseballschläger  den asiatischen Besitzer eines Lebensmittelgeschäfts zusammengeschlagen. Ohne Anzeichen von Reue erzählt er davon.

Für Ümit ist das zu viel.  Wenige Minuten zuvor hat er mit brüchiger Stimme davon berichtet, wie sein Freund Yasar völlig grundlos nur aufgrund seines Aussehens von einem brauen Mob zusammengeschlagen wurde und seitdem querschnittsgelähmt ist. Nun muss sich Ümit mit einem strammen Nazi die Bühne teilen und anhören, was dieser von sich gibt. Ümit reicht’s. Er verlässt den Saal.

Und er ist nicht der einzige. Immer wieder stehen vereinzelt Schüler auf und gehen raus. Ein anderer Schüler versucht, mit Lützek ins Gespräch zu kommen, ihn davon zu überzeugen, dass sein Verhalten und seine Äußerungen völlig daneben sind. Doch Lützek zeigt sich davon unbeeindruckt.

Lützek heißt eigentlich Tobias und Nicoles richtiger Name ist Laura. Beide sind Schauspieler des Ensembles Theatertill und auf Initiative des  Regionalen Arbeitskreises Sucht- und Gewaltprävention Bitburg Prüm nach Neuerburg gekommen.

Es ist die vierte von insgesamt vier Veranstaltungen in Bitburg und Neuerburg. Und für die Schüler, die an dieser Veranstaltung teilnehmen, ist das eine Auseinandersetzung mit dem Thema Gewalt, die sie so noch nicht erlebt haben. Zumal das Ganze zwar gespielt ist, die Geschichten dahinter sich aber tatsächlich so oder zumindest ähnlich abgespielt haben. Entsprechend authentisch wirkt es auch.

Für Organisator Josef Fuchs vom Caritasverband Westeifel ist es ebenfalls eine stramme Veranstaltung. Er weiß zwar, dass alles nur gespielt ist, doch welche Reaktionen das bei den Schülern und auch den Lehrern auslöst, kann auch er im Vorfeld nicht einschätzen.

Tobias alias Klaus Lützek lebt an diesem Vormittag jedenfalls zeitweise recht gefährlich. Denn er spielt den Nazi derart überzeugend, dass er sich in der Aula nicht unbedingt Freunde macht. Er schäme sich für Menschen, die so seien wie Lützek und es falle ihm auch nicht leicht, diese Rolle zu spielen, erzählt Tobias den Schülern. „Wenn ich hier sitze und nur das dümmste Zeug von mir gebe, bekomme ich selbst Brechreiz.“

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