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Tierwohl auch ohne Biosiegel

Landwirtschaft : Tierwohl geht auch ohne Biosiegel

Nur Bio-Landwirtschaft ist gute Landwirtschaft – in den Köpfen mancher Verbraucher scheint sich das eingebrannt zu haben. Doch dass Tierwohl auch ohne Bio-Zertifikat geht, zeigen die Landwirte Werner und Frank Petry aus Körperich.

Mit großen Schritten stapft Werner Petry über seine Weide. „Komm‘, Betsy, komm‘!“, ruft er durch die Apfel- und Kirschbäume in die Ferne. Sein rot-gelb kariertes Hemd verschwindet hinter einem Hügel und taucht kurz darauf auf der nächsten grünen Welle wieder auf.

„Komm‘, Betsy, komm‘!“ Ein langgezogenes „Muuuh“ hallt als Echo zurück. Es dauert einen Moment, dann traben 15 cremefarbene Kühe auf den Landwirt zu, eine Handvoll Kälbchen galoppiert und buckelt hinterher. Im Schatten der Apfelbäume bleiben sie stehen.

140 dieser Charolais-Rinder leben auf dem Hofgut Petry in Niedergegen, das Werner Petry (Foto oben) gemeinsam mit seinem Sohn Frank betreibt. Die Landwirte halten Mutterkühe und mästen Schweine. Außerdem bauen sie Mais, Getreide und Raps an.

Ein Bio-Siegel hat das Hofgut nicht. Und das brauche er auch nicht, findet Werner Petry. Ein Grund, warum er keine Bio-Zertifizierung will: „Wir bräuchten Bio-Ferkel. An die kommt man nicht so leicht ran.“ Ein weiteres Argument dagegen liefert der Verbraucher: „Die Kunden wollen fettarmes Fleisch.“ Dazu bräuchten die Tiere viel Protein, das er auch in Form von Soja füttere. Doch das Bio-Soja – wie alle Bio-Futterarten – wäre deutlich teurer als konventionelles Soja.

Auch Sohn Frank hält ein Bio-Siegel nicht für wichtig. „In der Gesellschaft herrscht ein schwarz-weiß Denken“, meint er. „Viele Menschen denken, Bio-Landwirtschaft ist gut und konventionelle ist schlecht. Ich sehe das anders. Es gibt gute und schlechte Landwirtschaft und das hat mit Bio nichts zu tun.“ Was für ihn gute Landwirtschaft ausmacht? „Ich sage immer, man muss enkeltauglich wirtschaften, also nachhaltig. Dazu gehören eine vernünftige Fruchtfolge und vernünftige Tierhaltung. Das Wichtigste ist, dass die Tiere gesund sind, genug Platz haben und gutes Futter bekommen. Eben artgerecht gehalten werden.“

Als Direktvermarkter verkaufen die Petrys Fleisch bei sich im Hofladen, packen aber auch Wurst und Fleisch ab und beliefern damit den Edeka „nah und gut Theisen“ in Körperich. Geöffnet hat der Hofladen nur freitags und samstags. „Die Leute haben sich an die Zeiten gewöhnt und kaufen für die ganze Woche ein,“ sagt der Senior. Über Mund-zu-Mund-Werbung würden immer neue Kunden kommen. „Es spricht sich rum, dass das Fleisch aus unserem eigenen Betrieb kommt. Und die Leute können sehen, wie die Tiere hier leben.“ Jetzt im Sommer sei alles gefragt, was man auf den Grill packen kann, sagt sein Sohn. „Im Herbst kaufen die Leute mehr Rindfleisch.“

Mehr Zulauf wegen des Skandals rund um den Schlachthof Tönnies hätten sie nicht. Aber: „Zu Beginn der Corona-Zeit war die Nachfrage groß“, sagt Frank Petry. „Da haben sich die Leute mit Fleisch eingedeckt.“ Einen Trend bei ihren Kunden beobachten die Landwirte allerdings seit einigen Jahren: „Es kommen viel mehr junge Leute her“, sagt Werner Petry.

„Die Menschen fangen an, sich mehr für ihr Fleisch zu interessieren“, sagt Frank Petry. Der Junior hofft, dass der Fall Tönnies die Verbraucher weiter zum Nachdenken anregt. „Man sollte sich fragen: Woher kommt mein Fleisch? Wie wird es produziert? Das Fleisch, das Aldi und Lidl so günstig anbieten, muss halt auch günstig produziert worden sein.“ Und das gehe nun mal auf Kosten der Tiere und Menschen.

Bis vor ungefähr zehn Jahren hat Werner Petry noch selbst geschlachtet. Weil seitdem aber neue EU-Auflagen gelten, lässt er seine Tiere bei einem Schlachtbetrieb in der Region schlachten. „Vorher kennzeichnen wir alle Tiere, um die Rückverfolgbarkeit zu gewährleisten“, erklärt er. „Dann werden die kompletten Tiere wieder hierher geliefert und der Metzger zerlegt sie.“

Als mitverantwortlich für den Tönnies-Skandal sehen die Petrys die Auflagen und die Gebühren, die es kleinen Betrieben schwer machten, das Schlachten rentabel zu halten. „Auch als kleiner Schlachtbetrieb muss man dieselben Kriterien erfüllen wie ein großer“, sagt der Junior. „Das lohnt sich nicht.“ Sein Vater fügt hinzu: „Und wer will heute noch Metzger werden? Viele junge Menschen gehen lieber studieren als ein Handwerk zu lernen. Und in manchen Betrieben wird man nicht gut bezahlt.“

 Die französische Rinderrasse Charolais wird vor allem für die Fleischproduktion genutzt.
Die französische Rinderrasse Charolais wird vor allem für die Fleischproduktion genutzt. Foto: TV/Michaela Hellmann
   140 Charolais-Rinder hat Werner Petry. Seine Mutterkühe und Kälber stehen im Sommer auf der Weide.
140 Charolais-Rinder hat Werner Petry. Seine Mutterkühe und Kälber stehen im Sommer auf der Weide. Foto: TV/Michaela Hellmann

Dann würden günstige Osteuropäer eingekauft, die für weniger Geld arbeiten. Für ihn ist die Lösung eindeutig: „Tierwohl und die Leistung von Schlachtern und Landwirten müssen fair entlohnt werden. Und ich sehe auch die Verbraucher in der Pflicht, tatsächlich die Produkte zu kaufen, die ihre Ansprüche erfüllen.“