Tod im hohen Gras

BITBURG. Jahr für Jahr sterben tausende Jungtiere bei der ersten Grasernte im Frühjahr. Besonders blutig wird es, wenn die Rehe gleichzeitig ihre Jungen zur Welt bringen – so wie in diesem Jahr.

Sie ducken sich, um der drohenden Gefahr zu entgehen. Sie ducken sich immer tiefer, doch die scharfen Messer des Kreiselmähers kommen immer näher. Nach Angabe von Kurt Alexander Michael, Präsident des Landesjagdverbands aus Ließem, fallen in der Region Trier jedes Jahr bis zu 4000 Rehkitze der Frühjahrsmahd zum Opfer, wenn die Bauern den ersten Grasschnitt einholen. Aber es trifft auch andere Tiere wie Feldhasen, Fasane und Rebhühner. Deutschlandweit sind es rund 500 000 Wildtiere, darunter etwa 90 000 Rehkitze.Hauptsetzzeit hat gerade begonnen

Die Zahl schwankt von Jahr zu Jahr. Besonders gefährlich ist es, wenn das für den Grasschnitt günstige Wetter mit der Zeit zusammenfällt, in der die Rehe ihre Jungen zur Welt bringen. So scheint es auch in diesem Jahr zu sein. "Es wird wieder ein blutiges Jahr werden, weil viele Bauern im Moment noch Angst vor Regen haben und deshalb mit dem Mähen warten", prognostiziert Michael. Die Hauptsetzzeit ist nach dem 15. Mai, ideal ist es, wenn die Mahd vorher passiert ist. "Wenn wir früh mähen, haben wir keine Probleme", bestätigt Bernd Feltges, Kreisgeschäftsführer des Bauernverbands Daun. Das Problem ist, dass sich die jungen Rehe gut getarnt im hohen Gras verstecken und bei drohender Gefahr nicht weglaufen, sondern sich noch tiefer ins Gras ducken, für den Bauern auf seinem Mäher nicht zu erkennen. "Ganz verhindern kann man es nicht", sagt Bernhard Mölter, Jäger und Landwirt aus Liersdorf, "aber man kann zumindest etwas vorsorgen." Dazu können auf den Wiesen ein oder zwei Tage vor der Mahd Blinklampen oder raschelnde Tüten aufgestellt werden, so dass die Rehmütter ihre Jungen wegbringen. "Das Beste ist es aber, wenn der Jäger mit seinem Hund die Wiesen abgeht", sagt Mölter. Das ist aber oft ein Problem: Die Bauern haben bis zu 50 Hektar zu mähen, "das kann man nicht alles abgehen", sagt Feltges. Dazu kommt der Zeitdruck der Landwirte. "Aber kein Bauer fährt vorsätzlich ein Kitz tot, das gibt es nicht", sagt Feltges, "wir wollen alles tun, um das zu vermeiden". Nach einem Urteil des Landgerichts Trier aus dem vergangenen Jahr sind Bauern dem Jagdpächter sogar zu Schadensersatz verpflichtet, wenn sie fahrlässig Tiere töten. Landwirte müssen nach neuester Rechtsprechung Schutzmaßnahmen für das Jungwild ergreifen, wenn erfahrungsgemäß auf bestimmten Flächen mit Jungtieren zu rechnen ist. Manchmal fehlt es einfach an der Abstimmung zwischen Bauern und Jägern. "Wir als Jäger sehen oft die Bauern mähen und wir wissen nichts davon", sagt Mölter. Seiner Ansicht nach sind die Jäger in der Lage, die Wiesen rechtzeitig abzusuchen. Auch Michael appelliert an die Bauern, den Jägern zumindest Bescheid zu sagen. Außerdem helfe es, die Wiesen von innen nach außen zu mähen, so dass die Tiere flüchten könnten. Diese Mähtechnik rettet zwar nicht die Rehkitze, sondern andere gefährdete Tiere wie beispielsweise Hasen, Fasane und Rebhühner. In den vergangenen Jahren sind auch technische Lösungen getestet worden. Dazu werden auf den Kreiselmähern Infrarot- und Mikrowellen-Sensoren installiert, die versteckte Tiere aufspüren und die Bauern warnen. Doch nach Ansicht von Jägern und Landwirten sind diese Systeme noch nicht ausgereift.