Tote Hose in der Bierstadt?

Tote Hose in der Bierstadt?

Einst galt Bitburg als Rotlicht-Hochburg der Region. Doch drei von ehemals sieben Etablissements schlossen dieses Jahr. Das liege auch an der Vergnügungssteuer, sagen Nachtclub-Betreiber. Ein Blick hinter den Vorhang.

Bei der Einrichtung des Zimmers hat jemand den Begriff Rotlicht ganz genau genommen. Foto: (e_bit )

"Die goldenen Zeiten sind vorbei", sagt die Frau hinterm Tresen. Ihren Namen und den des Etablissements, in dem sie arbeitet, wollen wir an dieser Stelle nicht verraten. Wie viele im Rotlicht-Milieu fühlt sie sich nicht wohl dabei, ihn in der Zeitung zu lesen. Die Mittfünfzigerin nimmt einen langen Zug von ihrer Zigarette. Dann schwelgt sie weiter in Erinnerungen:

Vor fünfundzwanzig Jahren, da seien die Amis noch gekommen. Die US-Soldaten, die in der Mötscher Straße stationiert waren, ließen ihre Dollars in den Bitburger Nachtclubs, gaben ein Vermögen für die Zeit mit den Mädchen aus. Schampus sei in Strömen geflossen. Heute habe sie nur eine Cola verkauft. Aufs Zimmer mit den Damen wollte niemand. Es kämen ohnehin kaum noch Gäste, sagt sie: "In Bitburg ist tote Hose." Einer der zwei kleinen Hunde, die im Bordell herumlaufen, kläfft - wie zur Bestätigung. Sonst ist Ruhe im Puff. Sie wischt die Theke ab, poliert die Gläser. Es ist keiner da, den sie bedienen könnte.

Drinks mixen, Gläser vollschenken - eigentlich dachte sie, dass sie das hinter sich habe. Im Frühling betrieb sie noch ihr eigenes Etablissement: die Sansi-Bar. Doch die Einnahmen seien immer niedriger, die Ausgaben immer höher geworden. Ende März musste sie schließen und zurück hinter den Tresen. Auch das "Haus Venus" in der Albach und der Sauna-Club "Deja Vu" im Industriegebiet "Auf Merlick" sind inzwischen dicht.
Schuld daran sei auch die Vergnügungssteuer, die die Stadt 2011 eingeführt hat, beschwert sich die namenlose Bardame. Pro Quadratmeter, auf dem "Vergnügen stattfindet", musste sie dem Finanzamt 1,50 Euro im Monat zahlen. Bis zum 31. Dezember 2016 beschränkte sich das Vergnügen nur auf die Zimmer der Mädchen. Ab ersten Januar erweiterte die Stadt die Besteuerungsgrundlage auf die Schankfläche. Das führte fast zu einer Verdopplung des Steuersatzes: von 400 auf 720 Euro im Monat für die Sansi-Bar, rechnet sie vor. Noch heute habe sie Schulden bei der Stadt.

Die Sansi-Bar hingegen eröffnet heute nach fünfmonatiger Pause wieder - mit neuem Konzept und neuer Chefin. Eine halb nackte Frau steht im Foyer. Sie fährt sich durch die Haare, als würde sie sich waschen. Die Statue bewacht den Eingang zur Sansi-Bar. Weiß und glatt sieht sie aus - wie eine griechische Göttin. Dahinter, im Schankraum, tanzen Farben im Schummerlicht. Ein Strahler projiziert sie an die Wände, wo auch ein Schriftzug prangt: "Carpe Diem", steht dort über der Bar, "nutze den Tag" - gemeint ist wohl eher die Nacht.
Wofür man die in dem Club in der Mötscher Straße so nutzen kann, sieht man im nächsten Raum: Eine Metallstange steht auf einem Podest. Hier sollen sich ab heute Abend Mädchen rekeln. Eine Treppe führt hinauf in die Zimmer der "Sexarbeiterinnen", wie die Damen genannt werden wollen.
In die neue Einrichtung hat jemand investiert. Hier glaubt noch wer an das älteste Gewerbe der Welt. Und das sind die Richters. Die Bitburger Familie ist schon lange im Geschäft, seit gut 21 Jahren Besitzer der Sansi-Bar. Sie hatte den Club seinerzeit an unsere Bardame verpachtet. Heute wird er wieder eröffnen - trotz der widrigen Umstände.
Es helfe nichts der Vergangenheit nachzutrauern, sagt Stefan Richter, Vater eines Sohnes, der auch in der Bar mit anpackt. Die goldenen Zeiten seien aber in der Tat vorbei, die Konkurrenz zwischen den Nachtclubs: schärfer denn je. Das liege vor allem an der Vergnügungssteuer, die der 53-Jährige, "eine Riesenschweinerei", nennt.

Um angesichts dieser "Ausbeutung" noch Gewinn zu machen, müssten Betreiber und Mädchen die Öffnungszeiten bis in den Morgen ausdehnen, die Preise für Zimmer und Getränke senken. "Die halbe Stunde lag früher bei 100 Euro", sagt er. Heute könne man nicht mehr als 80 oder 70 Euro verlangen.
Diente die Steuer also dazu, dem Rotlicht-Milieu in Bitburg zu schaden? Sind die Bordelle nicht länger erwünscht in der Bierstadt? Wir haben im Rathaus nachgefragt. Dort teilt Werner Krämer mit: Es sei nicht die Aufgabe der Verwaltung, "eine moralische Beurteilung zu rechtmäßig betriebenen Einrichtungen abzugeben." Allerdings räumt er ein, die Gemeinde hätte mit der Erhöhung "ordnungspolitische Ziele" verfolgt. Aha, ordnungspolitische Ziele, also. Und welche wären das?
"Die Eindämmung der Prostitution", bestätigt Krämer dann doch auf Nachhaken des TV. Er nennt aber auch einen weiteren Grund: Geld. Krämer formuliert es so: Es gelte "Erträge zu erzielen, um die Finanzierung öffentlicher Aufgaben sicherzustellen." 40?000 Euro will die Stadt in diesem Jahr allein durch die Besteuerung des horizontalen Gewerbes einnehmen. Aber ist im Rotlicht überhaupt noch was zu holen? "Wir kommen über die Runden", sagt Richter: "Aber das Geschäft hat sich verändert. Wer sich nicht bewegt, stirbt."
Dass sein Geschäft so bald stirbt, glaubt er allerdings nicht. Er wisse um das Potenzial seiner Sansi-Bar und die Erfahrung seiner neuen Pächterin Radoslava Holona. Denn auch sie kennt das Gewerbe, betreibt sie doch seit Jahren den "Goldenen Stern" und die "Red Rose Bar". In ihrem neuesten Club hat sie einiges vor.
Die Mädchen sollen nicht nur hübsch aussehen und an ihrem Sekt nippen. Sie sollen singen, tanzen und sich im wahrsten Sinne des Wortes bei der Stange halten können - "ein einzigartiges Angebot in Bitburg", verspricht sie. Daher auch der neue Name: "Cabaret Sansi-Bar". Außerdem sollen Sonderangebote die Gäste werben: Wer eine volle Stunde bucht, bekommt ein Freigetränk. Ansonsten ist der Spaß schon mal für 50 Euro zu haben.

"So was gab es zu meiner Zeit nicht", sagt Richter: "Wir müssen jetzt aber Neues bieten, um neue Gäste zu gewinnen." Vor allem auf junge Kunden ziele das Konzept ab, eine Zielgruppe, die die Bars offenbar zu verlieren drohen.

Das heiße aber nicht, dass man jetzt im Stile eines großen Bordells á la Pearls oder Eros Center arbeiten wolle. Ein Bordell, also ein Laufhaus, soll die Sansi-Bar ja schon gar nicht sein. "Die Eifeler wollen etwas anderes", ist sich Richter sicher, "eine familiäre, warme Atmosphäre." Kommentar: Es geht nur um's Geld Anfang des Jahres kommt die Stadt Bitburg also auf die Idee die Vergnügungssteuer in der Stadt zu erhöhen. Der Grund, angeblich: die Eindämmung der Prostitution. Angesichts der Laissez-faire-Haltung der vergangenen Jahre könnte man das für einen schlechten Scherz halten. Seit jeher haben die Bitburger die Bordelle machen lassen. Sperrbezirke gab es praktisch keine, Konzessionen wurden stets erteilt. Und es ist ja nicht so, als ob die Stadt nicht am horizontalen Gewerbe verdient hätte.

Heute will sie nur ein größeres Stück vom Kuchen. Aber der ist längst nicht mehr so groß.
Die neue Steuer setzt die Etablissements unter Druck. Einige schließen, der Rest liefert sich einen Konkurrenzkampf, unter dem auch die Sexarbeiterinnen zu leiden haben. Die müssen ihre Dienste zu niedrigeren Preisen anbieten. Die Regelung geht also letztlich zulasten derer, die es zu schützen vorgibt. Sie sind anderer Meinung? Dann schreiben Sie mir doch eine E-Mail unter: c.altmayer@volksfreund.de