Trierer Historiker bauen Römerschiff nach

Trierer Historiker bauen Römerschiff nach

Wie global war der antike Seehandel? Die Trierer Universität und Hochschule suchen bei diesem einzigartigen Projekt gemeinsam nach Antworten.

In einer geräumigen, aber schlichten Halle auf dem Parkplatz der Universität Trier wird Geschichte geschrieben. Ganz stimmt diese Aussage nicht, werden die Protagonisten des einzigartigen Projekts vielleicht anmerken. "Unser Projekt hat große Bedeutung für die Handelsgeschichte", sagt Professor Christoph Schäfer. Je nachdem, wie sich der Segelfrachter Laurons 2 bei seinen mit modernster Technik vermessenen Fahrten verhalten wird, müsse aber die Geschichte neu geschrieben werden.

Das Projekt Der mächtige Balken für den Kiel liegt bereits seit einigen Tagen bereit. Die Doktoranden Arne Döpke und Sascha Weiler haben auch die halbkreisförmigen Segmente (Mallen) bereits fertig gebaut, die als Schablonen für die exakte Beplankung unverzichtbar sind. 16 Meter lang, fünf Meter breit und vier Meter hoch wird der Rumpf der ersten originalgetreuen Rekonstruktion eines römischen Frachtschiffes sein. Das Holz dafür - zehn Eichen für das Spantgerippe, 13 Kiefern für Plankenholz und zwei Weißtannen für Mast und Rah - wurde vor einem Jahr im Trierer Stadtwald geschlagen und zum Trocknen auf dem Uni-Campus gelagert. In der eigens errichteten Halle wird daraus in den kommenden 15 Monaten die "Laurons 2" entstehen. Mit diesem Schiff sollen das Potenzial und die Intensität des römischen Seehandels praxisnah wie nie zuvor erforscht werden.
"Wenn wir im Oberwasser der Moselschleuse Trier messen können, wie sich das Schiff beim Kreuzen gegen den Wind verhält, können wir daraus die exakten Fahrzeiten dieser und anderer Handelsschiffe in der Antike berechnen", ist Projektleiter Christoph Schäfer überzeugt. Der Althistoriker ist selbst begeisterter Segler und hat in Regensburg, Hamburg und Germersheim bereits drei römische Schiffe des Typs Lusoria gebaut und vermessen. "Das waren Kriegsschiffe", erläutert Schäfer, der sich selbst zu den Modernisten seines Fachs zählt und somit die experimentelle Archäologie schätzt.

Die Kooperationen Die Erfahrungen und Kontakte aus diesen drei Projekten kommen der Rekonstruktion des antiken Küstenseglers nun zugute. So werden die Leistungen des Schiffes am Ende zum Beispiel mit einem elektronischen Messsystem erfasst, das bereits für den America's Cup entwickelt und von Astrophysikern der Universität Hamburg und des Massachusetts Institute of Technology in Kooperation mit der Hochschule Trier an die speziellen Eigenschaften römischer Schiffe angepasst wurde.
Die realen Testfahrten werden auch zeigen, ob die von der Hochschule erstellten Computersimulationen tatsächlich so zutreffen. Denn das von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) mit mehr als 300 000 Euro geförderte Projekt beinhaltet auch eine Kooperation im Rahmen der Wissenschaftsallianz Trier. Im Mittelpunkt der engen Zusammenarbeit zwischen dem Fachbereich Technik/Maschinenbau und Fahrzeugtechnik der Hochschule und dem Fach Alte Geschichte der Universität werden die Möglichkeiten und Grenzen der digitalen Rekonstruktion untersucht.
Unter der Leitung von Hochschuldozent Michael Hoffmann haben Maschinenbaustudenten bereits realitätsnahe Modelle des Schiffs erstellt. Sie sind auch Grundlage für den originalgetreuen Nachbau. Denn obwohl das bei Marseille in Südfrankreich gefundene Laurons-Wrack als am besten erhaltener Überrest eines römischen Frachtschiffs gilt, reichen die Teile alleine nicht für eine komplette Rekonstruktion ohne künstliche Simulation. "Für unsere Studenten ist eine solche projektbasierte Lehre eine motivierende Sache", ist Michael Hoffmann überzeugt. "Maschinenbau und Archäologie bieten hier eine interessante Kombination." Eine ähnliche Zusammenarbeit habe es bereits in den Jahren 2013/2014 bei den Untersuchungen zu dem römischen Patrouillenschiff Lusoria Rhenania gegeben.

Die Realität Kleinere Modelle des Frachtschiffes Laurons, von dem vermutlich Hunderte auf dem Mittelmeer unterwegs waren, um Lebensmittel wie Olivenöl in großen Amphoren zu den Truppen des römischen Heeres und den Städten des expandierenden Reiches zu transportierten, werden auch im 3-D-Druckverfahren entstehen. Zudem geht es darum, neueste Technologien aus der virtuellen Realität und der erweiteren Realität (Augmented Reality) einzusetzen. Ähnlich wie beim Spiel Pokemon soll das römische Schiff per Smartphone oder Datenbrillen in einem realen Umfeld sichtbar werden.
Wenn heute in der Halle auf dem Uniparkplatz die Präsidenten der Hochschule und der Universität mit der Kiellegung den offiziellen Startschuss für die erste Rekonstruktion eines römischen Handelsschiffs geben, wird die Laurons also zumindest virtuell schon einmal vor den Augen der Gäste entstehen. Bis zur realen Schiffstaufe auf der Mosel werden allerdings noch viele Monate vergehen. "Vielleicht schaffen wir es bis zum Spätsommer 2018", hofft Christoph Schäfer.
Mit den modernen Maschinen, die von dem Trierer Unternehmen Hees&Peters kostenlos zur Verfügung gestellt werden, könnte das machbar sein. Schäfer ist für diese Unterstützung ebenso dankbar wie für die Überlassung der Bäume durch die Stadt Trier und das Konstruktionsholz durch Holzland Leyendecker. Denn das Geld der DFG reiche leider nicht aus, um das Projekt zu finanzieren. Dass die knapp 30 an dem Schiffsbau beteiligten Studenten der Universität Trier ebenso kostenlos helfen wie die Gaststudenten der Uni Marburg bei ihrem sechswöchigen Schiffsbau-Praktikum sei auch deshalb eine Notwendigkeit.
Wie leistungsfähig waren die römischen Frachtschiffe auf den Meeren und Flüssen? Antworten auf diese Frage soll die Laurons 2 bringen. Möglicherweise wird dann ein bedeutendes Kapitel Handelsgeschichte neu geschrieben. Für Christoph Schäfer wäre das ein Traum. Gibt es noch einen? Der Historiker lacht. "Ja, eine Testfahrt mit dem Schiff im Mittelmeer."
Ein Video und Computersimulationen zum Projekt Laurons 2 finden Sie unter www.volksfreund.de/extraExtra: EIN SCHIFFSWRACK ALS EINZIGE VORLAGE FÜR DEN BAU

Foto: (h_st )
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Schriftliche Aufzeichnungen darüber, wie in der Antike Schiffe konstruiert und gebaut wurden, gibt es nicht. Als Vorlage für die auch in der Ausführung möglichst detailgenaue Rekonstruktion des 16 Meter langen römischen Frachtschiffs dient deshalb besonders das Wrack des vor etwa 1700 Jahren im Hafen von Laurons in der Nähe von Marseille in Südfrankreich gesunkenen Küstenseglers Laurons 2. Es gilt als das am besten erhaltene Schiffswrack aus dieser Zeit. Gebaut wird die Rekonstruktion unter Anleitung des erfahrenen Bootsbaumeisters Matthias Helterhoff aus Usedom. Er kommt alle vier Wochen für eine Woche nach Trier und gibt den Studenten und freiwilligen Helfern Anweisungen und Hilfestellungen. Die Doktoranden Arne Döpke und Sascha Weiler koordinieren die Abläufe in der extra für den Bootsbau auf dem Uniparkplatz errichteten Halle. Für die Verbindung des Spantengerippes und der Holzplanken werden vor allem Holzschlösser und Holzdübel verwendet. Die benötigten Nägel werden ebenfalls nach römischem Vorbild geschmiedet.