TV-Sommerserie Nachtschicht: Wo die Freiheit aufhört

Unterwegs : TV-Sommerserie Nachtschicht: Wo die Freiheit aufhört

Nachts werden Rasthöfe zu Treffpunkten für Lastwagenfahrer. Während andere in Betten kriechen, legen sie sich zum Schlafen in Kabinen. Die sind gleichzeitig Wohnzimmer und Arbeitsplatz für Tausende, die mehr Zeit auf der Straße verbringen als zu Hause. 

Auf und ab, auf und ab. Ein älterer Herr wippt in seinem Gartenstuhl. Der Bierbauch lugt aus dem T-Shirt hervor, eine Dose Billigpils steht vor den Füßen. Wenn ein Passant vorbeigeht, kneift er die Augen zusammen, als würde ihn die Sonne blenden. Dabei hat die sich längst verzogen. Weißes Licht spenden auf dem Parkplatz nur die Scheinwerfer der Lastwagen. In den meisten Kabinen ist es gegen 22 Uhr dunkel. Die einen haben Decken über die Fenster gehängt, den anderen kann man beim Schlafen zusehen.

In dem 40-Tonner neben dem Alten brennt noch eine Lampe. Am Steuer sitzt ein junger Mann mit freiem Oberkörper. Schweiß perlt auf der Haut. Es ist dieser Tage unheimlich heiß. Selbst spät abends sind es über 25 Grad: Keine angenehme Temperatur, um im Auto zu übernachten.  Der Jüngere setzt die Dose an, der Alte setzt die Dose an. Es trennen sie nur wenige Meter und die Stahlwand der Kabine – und doch trinkt jeder für sich allein.

Überhaupt scheinen die Fahrer keine Gesellschaft zu suchen. Gespräche beobachtet man auf dem Parkplatz am Rasthof „Zur Schneifel“ in Olzheim selten. Kein Wunder: Können sich die Männer und Frauen oft schlecht miteinander verständigen. Kaum jemand spricht Englisch, geschweige denn die Sprache des anderen. Letzte Woche sind diese Fremden in Estland, Italien und Rumänien losgefahren, in Bulgarien, Frankreich und Polen. Anscheinend hat der Zufall sie für eine Nacht in einem Eifelort zusammengewürfelt. Dabei war der nur scheinbar im Spiel. Denn Olzheim ist beliebt.

Der Ort bei Prüm zählt zwar nur rund 550 Einwohner, liegt aber günstig für den Schwerlastverkehr. Wer Richtung Köln, Belgien oder Holland will, kommt über die Bundesstraße 51 fast zwangsläufig hier vorbei.

Der Veteran Stigg Rasmussen wollte nicht hierher. Das Ziel des Dänen war es, es an diesem Tag nach Köln zu schaffen. Doch er musste eine Pause machen. So will es das Gesetz. Macht aber nichts. Bezahlt werde er auch fürs Warten, sagt der 48-Jährige. Das Ausruhen auf dem Rastplatz ist für ihn Arbeitszeit. Denn er muss sie fern der Heimat verbringen. So bleibe ihm aber  wenigstens Zeit, seinen Truck zu pflegen.

Es zischt. Rasmussen sprüht die Wand des LKW ein. Das Putzmittel riecht nach Zitrone, überdeckt den Dieselgeruch. Dann zieht der Skandinavier einen Lappen aus der Hosentasche und wischt das Metall blank. „Das ist meiner“, sagt er. Und das ist nicht zu übersehen. An der Fahrertür und über der Frontscheibe prangt der Name des Dänen.

Trucks wie seinen sieht man überhaupt selten in Olzheim – die glänzenden Chromfelgen, die weiß-blaue Lackierung. Es ist kein Wunder, dass sein Gefährt oft Gesprächsthema unter den Brummi-Fahrern ist. Das heißt: Wenn es überhaupt zum Gespräch kommt. Dann erzählt Rasmussen den Neugierigen stolz von seiner Sonderanfertigung, für die er in einer Werkstatt rund 6500 Euro gezahlt hat.

Wie viel Komfort ist dafür zu bekommen? Wie viel Individualität passt auf die wenigen Quadratmeter einer Kabine, die zugleich sein Wohn- Schlaf- und Arbeitszimmer ist? Eine ganze Menge: Das Innere des Führerhauses ist mit Stoff in Rasmussens Lieblingsfarbe bespannt: blau. Über dem Bett sind die Namen seiner drei Kinder eingestickt.

Er hat zwei Töchter und einen Sohn. Die Mädchen interessieren sich nicht für den Job des Vaters. Nur der Junge ist ein paar Mal mitgefahren. Ob der Däne will, dass er in seine Fußstapfen tritt? „Auf keinen Fall. Heute würde ich nie mehr Lastwagenfahrer werden.“ Jahrelang habe er zwar die „Freiheit“ auf Rädern genossen. Aber es sei nicht mehr weit her mit dieser Freiheit. „Der Druck ist viel höher“, sagt er. Früher habe man Pausen machen dürfen, während die Anhänger be- und entladen wurden. Inzwischen müssten die Fahrer das selbst machen und dabei die Uhr im Blick behalten. Wer nicht schnell genug ist, verliert Zeit und damit Geld. Jede Sekunde zähle für die Chefs der Speditionen. Rasmussen habe Glück, sagt er, dass er mittlerweile sein eigener Boss sei.

Viel länger will er den Job trotzdem nicht machen: „In zwei Jahren bin ich fünfzig. Dann höre ich auf.“ Er plant, eine Stelle im Büro bei irgendeiner Spedition zu suchen: „Das wäre ein kleiner Traum.“ Und jetzt ist es auch Zeit zum Träumen. Der Skandinavier will ins Bett. Um vier Uhr morgens  geht es Richtung Köln.

Die Pionierin Ein paar LKW weiter sind noch mehrere wach. Zwei Männer unterhalten sich mit einer Frau. Mit ihrer zierlichen Figur fällt sie zwischen den stämmigen Männern auf. Die Französin Huguette Durand ist heute die einzige Dame, die auf dem Olzheimer Rastplatz schläft. 1978 war die Mittsechzigerin die einzige LKW-Fahrerin in ihrer Heimatstadt Grenoble. Gelernt habe sie den Beruf vor allem wegen des Fahrgefühls: „Ich stelle mir immer vor, dass der Anhänger ein Eigenleben hat und dass ich ihm meinen Willen aufzwingen muss.“

Mit dieser Faszination für schwere Wagen stand sie beim weiblichen Geschlecht  einmal ziemlich alleine da. Und gerade deshalb hatte ihr früherer Chef sie eingestellt. Im Vorstellungsgespräch habe er zu ihr gesagt: „Weil du eine Frau bist, wird jeder ein Auge auf dich haben, und auf meinen Truck!“

Welche Schattenseiten diese Aufmerksamkeit haben konnte, hatte die junge Durand nicht geahnt. Die Blicke der Fahrer wanderten an Stellen, an die sie nicht hingehörten. Die Männer auf den Rasthöfen rissen anzügliche Witze, machten unmoralische Angebote: „Sie behandelten mich wie eine Prostituierte.“ Irgendwann habe sie sich nicht mehr in die Rasthöfe getraut, aß alleine in ihrer Kabine. Jahrelang lebte sie mit der Angst, dass jemand handgreiflich werden könnte. Nachts schlief sie stets in der Nähe der Service-Stationen, mied die dunklen Ecken der Parkplätze.  Passiert sei nie etwas.

Inzwischen fühle sie sich sicherer im Führerhaus: „Die Zeiten haben sich geändert.“ Sie werde anders angesehen. Vielleicht hänge das mit dem Alter zusammen. Vielleicht aber auch damit, dass die Fahrer sich an den Anblick von Frauen auf den Rasthöfen gewöhnt haben. Es gebe zwar immer noch zu wenige „Ladys“ hinterm Brummi-Steuer. Ganz alleine stehe sie aber nicht mehr da. Das ist auch ihr Verdienst.

Sie zeigt auf ein Schild, das an ihrer Frontscheibe hängt: „La Route Au Feminin“, übersetzt auf Deutsch etwa: „die weibliche Straße“ Es zeigt den Körper einer Frau. Die Linien, die ihre Kurven beschreiben, sind gestrichelt wie Straßen auf einer Karte. Das Logo ist das Symbol einer Organisation, die Durand zusammen mit Freundinnen ins Leben gerufen hat: einer Verbindung von Truckerinnen, die sich zu Dinners treffen. Bei diesen Essen gehe es dann um die Kinder, aber auch um Motoren, sagt die Französin.

„Ich bin eine Feministin“, gibt Durand zu, die wie Rasmussen keinem Herrn in Krawatte mehr gehorchen muss. Das heiße aber nicht, dass sie Männer nicht möge. Auch die meisten LKW-Fahrer seien nett. Und damit meine sie auch die Osteuropäer, die nicht so schlecht seien wie ihr Ruf: „Sie sind nur frustriert, weil sie auf dem Gehaltsscheck eine 0 weniger haben. Aber wer wäre das nicht?“

Der Nomade Polen, Rumänen und Bulgaren sind die größten Gruppen auf dem Rasthof. Es ist ein Spiegelbild des europäischen Güterverkehrs, der heute mehr denn je auf günstige Arbeitskräfte aus dem Osten setzt. Fast die Hälfte der Lastzüge auf deutschen Straßen stammt aus dem Ausland. Das sieht man an den Nummernschildern der 40-Tonner in Olzheim – aber nicht unbedingt auf dem Parkplatz. Denn kaum ein Osteuropäer verlässt in dieser Nacht seinen Truck.

Hier und da sieht man hinter den Scheiben der LKW aber Handy-Displays leuchten. Darin sitzen dann Männer mit Kopfhörern in den Ohren, die aussehen, als würden sie mit sich selbst sprechen. Sie telefonieren mit ihren Familien. Über Online-Dienste ist sogar eine Videoübertragung ins meilenweit entfernte Wohnzimmer möglich.

Vitaliy Shmagailo hat seine Kopfhörer gerade aus den Ohren gezogen. Der Bildschirm des Handys ist schwarz, dort, wo gerade noch seine Frau und seine Kinder zu sehen waren. Die leben in der Ukraine, etwa 25 Autostunden von Olzheim entfernt. Die Videotelefonate sind die einzige Möglichkeit, mit ihnen Kontakt aufzunehmen. „Ich versuche, jede freie Minute mit meiner Familie zu verbringen“, sagt der 29-Jährige. Zeit dafür bleibe ihm nur in den sonst recht ereignislosen Nächten.

Bald gehe es zum Glück nach Hause. Was man so Zuhause nennt. Denn Shmagailo verbringt inzwischen mehr Stunden im LKW als bei seinen Liebsten. Er ist ein Arbeitsnomade, immer unterwegs, ohne jemals anzukommen. Nach einem Monat auf der Straße darf er für zwei Wochen zurück – so ist der Rhythmus. „Das Vermissen ist das Schlimmste“, sagt er.

Ob er seinen Job mag? Er stöhnt: „Der ist ziemlich einschläfernd.“ Trotzdem sei es der beste, den er je hatte. In der Heimat gebe es kaum gut bezahlte Stellen. Als LKW-Fahrer verdiene er zumindest genug, um die Familie durchzubringen. Und inzwischen seien die Arbeitsbedingungen in Ordnung. Das war nicht immer so.

Die Firma, bei der er zuvor angestellt war, habe ihn ausgebeutet, sagt er: „Ich bin zum Teil 15 Stunden durchgefahren – ohne Pause. Weil ich nur Geld verdient habe, wenn ich unterwegs war.“ Seit etwa zweieinhalb Jahren bekomme er einen Stundenlohn. Doch noch immer ließen sich LKW-Fahrer ausbeuten, weil sie keine andere Wahl hätten.

Obwohl Shmagailo besser dran ist, reicht sein Lohn nicht für die Raststätten. Dort esse er nur, wenn das Parken Geld kostet. Denn dann bekommt er einen Verzehr-Gutschein zum Ticket. In Olzheim darf er kostenlos stehen. Deshalb nimmt er mit Butterbroten vorlieb. Er habe auch gar keine Zeit, sich in Restaurants aufzuhalten. Den Rest der Nacht brauche er zum Schlafen. Um 4 Uhr geht es nach Frankreich. Was er dort abliefern soll, weiß er nicht: „Irgendwas in Holzkisten.“ Für ihn spiele das keine Rolle. Jede Woche sei etwas anderes im Anhänger: Heute kann es Stahl sein, morgen Obst.

Rasthof in Olzheim Lastwagen. Foto: TV/Christian Altmayer
Rasthof in Olzheim Lastwagen. Foto: TV/Christian Altmayer
Die drei von der Tankstelle: Stigg Rasmussen (oben), Huguette Durand und Vitaliy Shmagailo am Steuer ihrer LKW. . Foto: TV/Christian Altmayer
Rasthof in Olzheim Lastwagen. Foto: TV/Christian Altmayer
Lastwagen Olzheim. Foto: TV/Christian Altmayer
Durchgehend Betrieb: Der Rasthof Schneifel an der Bundesstraße 51 bei Olzheim. Foto: Fritz-Peter Linden

Was der Alte auf dem Parkplatz transportiert, wann und wohin es für ihn weitergeht – wer weiß? Der Gartenstuhl ist jedenfalls verwaist. Es ist überhaupt niemand mehr zu sehen auf dem Rasthof. Laut ist es trotzdem. Der Motor eines LKW rattert. Es liegt eine Ruhe im Röhren. Eine Ruhe für die vielen, die nur nachts ein bisschen zur Ruhe kommen.

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