"Unauffällig, ruhig und erstaunlich aufgeräumt"

"Unauffällig, ruhig und erstaunlich aufgeräumt"

Geistig umnachtet oder zurechnungsfähig? Im Totschlag-Prozess gegen einen 54-jährigen Eifeler hat das Landgericht Trier weitere Zeugen angehört. Eine Ärztin räumte ein, dass aktuell wenig auf eine Psychose schließen lasse.

Trier/Büdesheim/Gerolstein. Genau zuhören, exakt kombinieren, geschickt nachfragen - auch am dritten Verhandlungstag wird von allen Beteiligten im Prozess gegen einen 54-jährigen Eifeler volle Konzentration gefordert. Dem Mann wird vorgeworfen, im Februar nach einem Streit mit seiner Exfreundin auf einen Bekannten geschossen zu haben. Der Verwundete wollte die Frau anscheinend schützen. Drei Monate nach dem Schuss starb der 38-Jährige an den Folgen seiner Verletzung (der TV berichtete).
Zwar räumte der Beschuldigte die Tat bereits ein, zu klären ist aber nicht allein der Hergang. Die Vorsitzende Richterin Petra Schmitz muss gemeinsam mit zwei Kollegen und zwei Schöffen auch untersuchen, ob der Beschuldigte, wie von der Staatsanwaltschaft beantragt, dauerhaft in einem psychiatrischen Krankenhaus untergebracht werden muss. Sie geht davon aus, dass er unter Wahnvorstellungen leidet.
Krankheit noch nicht bestätigt



Der dritte Verhandlungstag bringt dazu eine kleine Überraschung. In der psychiatrischen Klinik, in die er kurz nach der Tat eingewiesen worden sei, zeige der Mann nämlich kaum Symptome, die auf eine Krankheit aus dem breiten Feld der Psychosen schließen ließe, merkt eine 41-jährige Ärztin an, die den Eifeler derzeit betreut.
"Wir sehen davon gerade nichts", sagt sie. Seit seiner Einweisung in die Klinik sei er im Alltag eher unauffällig, ruhig und wirke erstaunlich aufgeräumt: "Insgesamt ist er deutlich strukturierter als alle unsere anderen Patienten." Geschichten rund um das Zuhältermilieu habe er nur auf Nachfragen erzählt, sagt sie.
Dies steht allerdings vielen vorangegangenen Zeugenbefragungen entgegen. Fast jede Aussage kommt früher oder später zum Punkt, dass der Mann vor dem Schuss oft über die bedrohliche Lage gesprochen habe, in der sich seine ehemalige Lebenspartnerin befunden habe.
So wurde wiederholt angegeben, dass der Mann häufig davon gesprochen habe, dass die 21-Jährige zur Prostitution gezwungen werde.
Auch gegenüber den Vernehmungsbeamten kam er laut Befragungen stets zum Punkt, an dem er behauptete, dass man die Frau zwinge, Drogen zu nehmen, es in der Vulkaneifel organisierten Menschenhandel gebe, der0 sogar von Ärzten und Landeskriminalbeamten geschützt werde. "Er sagte, er müsse sie davor schützen. Das Thema kam, seitdem sie zusammen waren, immer wieder auf", sagt am dritten Prozesstag auch ein entfernter Bekannter aus.
Befund bleibt noch unsicher


Gegenüber seinen aktuell behandelnden Ärzten sei er allerdings zurückhaltender: "Er äußerte bisher nichts, das in Richtung eines Realitätsverlusts deutet. Für uns wäre im Augenblick ein Befund in Richtung Psychose nicht sicher", sagt die Ärztin. Sie habe sich mit dem Mann im Wochenrhythmus unterhalten. "Auffällig ist aber der äußerst geringe Kontakt zu anderen Menschen." Näheres würden aber sicher weitere Untersuchungen zeigen.
Der Prozess wird am Mittwoch, 5. Oktober, fortgesetzt. aff

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