Und ewig lockt die Natur

Bitburg/Prüm/Wittlich · Stromschnellen, Eismeer, Wüste, Dschungel: Werner Jondral hat sich 44-mal auf die Suche nach den schönsten Plätzen der Erde gemacht. Eine Ausstellung in der Bitburger Filiale der Kreissparkasse Bitburg-Prüm zeigt bis Mittwoch, 26. Juni, Aufnahmen seiner vielen Abenteuerreisen. Der 78-Jährige hat auch direkt vor der Haustür Lieblingsplätze entdeckt. Wo? Das erzählt er dem TV.

 1982 bereist Werner Jondral auf einer Expedition Kanada. Um über das offene wilde Land zur Beringstraße zu gelangen, müssen er und sein Partner mit Kajaks den Fluss Kobuk befahren. TV-Foto: Archiv

1982 bereist Werner Jondral auf einer Expedition Kanada. Um über das offene wilde Land zur Beringstraße zu gelangen, müssen er und sein Partner mit Kajaks den Fluss Kobuk befahren. TV-Foto: Archiv

Bitburg/Prüm/Wittlich. Werner Jondrals Kindheit war, wie er dem TV bekennt, "ein Märchen". Aufgewachsen ist er in Ostpreußen, umgeben von kristallklaren Seen und dunklen Wäldern. Sein Vater kannte jede Vogelstimme, die Name aller heimischen Gräser waren ihm vertraut. Der Vater war sein Lehrmeister in der Natur. Werner Jondral kann sich gut an Schlittenfahrten durch kniehohen Schnee und an kilometerlange Fahrten auf dem Lenker des väterlichen Fahrrads über Sandwege durch die frische Luft erinnern. Der zerstörerische Krieg beendete jäh dieses Idyll. Werner Jondral war gerade mal zehn Jahre alt, als seine Familie fliehen musste.
Ein gutbürgerliches Leben


So kam er vor rund 50 Jahren nach Wittlich, wo er "ein gutbürgerliches Leben führte: Frau, vier Kinder - Bettina, Annette, Carmen und Werner junior". Er war Pächter dreier Autobahnraststätten, Chef von 60 Mitarbeitern, zweiter Vorsitzender des Sportvereins Salmrohr, kurzfristig Discobetreiber, Pilot.
Trotz seines ausgefüllten Lebens flammte immer wieder Fernweh auf. 1956 konnte Jondral seine Abenteuerlust nicht mehr zügeln: Er traf einen Gleichgesinnten, der nach British Columbia in Kanada ausgewandert war und ihm von dem riesigen Land, seinen unendlichen Wäldern und endlosen Weiten erzählte. Rund ein halbes Jahr später schlug sich Jondral in einer Gruppe weiterer Abenteurer mit Kajak und Kanu über Wildflüsse durch den kanadischen Busch. Es war der unwiderrufliche Beginn einer großen Leidenschaft. Heute blickt Werner Jondral auf 44 Expeditionen und 34 000 Dias zurück. In seinem Filmstudio in Wittlich zeugen etliche Zeitungs- und Filmberichte von seinen Extremreisen. Zig Streifen hat er selbst gedreht.
Im Fernsehen war Ende der 1980er Jahre eine Reportage mit dem Titel " …und ewig lockt die Wildnis" über sein Leben zu sehen. Jondral bekennt: "Ich fand während all der Touren nicht die Weisheit eines Platon oder Aristoteles, auch vom großen Rembrandt war da draußen keine Spur. Es waren andere Weisheiten, die ich kennenlernte: herbe und eisige, und nicht für jedermann bekömmliche. Ob umgeben von der Totenstille der Arktis oder in den brüllenden Stromschnellen des Colorado River im Grand Canyon, die Erde flüsterte mir zu: Ich war schon lange hier, ehe du, flüchtiger Fremder, kamst. Frostwind überbrachte mir eine Botschaft aus der Eiszeit, mit Ureinwohnern durfte ich leben."
Fasziniert von den Schönheiten des Planeten und der Naturgewalten überwand Jondral "die Angst, die bei jeder schwierigen Situation mit im Kanu saß". Jondral berichtet: "Zwei Mal blickten wir dem Tod ins Auge. Es war wie ein Sechser im Lotto, als ein Team der Zeitschrift National Geographic in Madagaskar auf uns Gestrandete traf. Fünf lange Tage hatten wir zu diesem Zeitpunkt bereits ums Überleben gekämpft. Die Reporter wollten das Kalben der Gletscher filmen - und fanden uns." "Glück und Kondition half Kajakfahrer zu überleben" titelte der Journalist damals in englischer Sprache.
Vor acht Jahren ist Werner Jondral das letzte Mal zu einer Expedition aufgebrochen. Die Vernunft habe die Leidenschaft bezwungen, sagt er. Man müsse seine Grenzen kennen - aber die Sehnsucht sei geblieben. Das "Globetrotter-Gen" hat Jondral wohl seiner Tochter Annette weitervererbt: Sie hat eine einjährige Weltreise gemacht - versehen mit Tipps ihres stolzen Vaters.
Schöne Flecken zu Hause


Der hat nach all seinen Erlebnissen und Begegnungen auch zu Hause schöne Flecken entdeckt. So hat er bei Schneeschmelze immer wieder auf der Lieser das Kajakfahren geübt. Werner Jondral mag die Region - etwa den Hunsrück, die Schneifel, die Maare - und kann von sich behaupten, dass er die Natur vor Ort wie seine Westentasche kennt und liebt.
Jondral: "Geblieben ist bis heute das Wissen, das ich schon als Junge in mir trug: Die Natur ist nach wie vor das Kostbarste, das ein Mensch auf dieser Welt hat. Und diese gilt es zu erhalten!"
Als Ü-70er hat sich Jondral nochmals intensiv mit seinen Wurzeln beschäftigt und ein Buch geschrieben: "Das alte Haus am Omulef", einen autobiografischen Roman. Es ist nicht nur ein Zeitzeugenbericht, sondern auch die Anklage gegen den Wahnsinn des Krieges und gegen das Vergessen.Jondral: "Ich habe für das Abenteuer auf den Flüssen dieser Erde gelebt, und in dem Buch kehre ich zurück an den Fluss meiner Kindheit. Heute lebe ich mit meiner Frau Beate in einem Blockhaus an der Kyll in Hüttingen - ein wunderschöner Ort. Wir sind viel mit dem Fahrrad und als Wanderer unterwegs. Ich habe viele Lieblingsplätze, alle sind unter freiem Himmel. Ewig lockt die Natur."

Extra

 Werner Jondral in seinem Haus in Hüttingen an der Kyll. TV-Foto: Frank Auffenberg

Werner Jondral in seinem Haus in Hüttingen an der Kyll. TV-Foto: Frank Auffenberg

Mehr als 40 Jahre war der Wittlicher Werner Jondral in der Wildnis, im Urwald und im Eis unterwegs. 126 seiner schönsten Fotos präsentiert die Kunstausstellung "Abenteuerliche Welt erlebt, gefilmt und fotografiert" in der Kreissparkasse Bitburg-Prüm bis Mittwoch, 26. Juni. aff

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