Unermüdlicher Kniefall vor dem Grundgesetz: ehemaliger Bundespräsident zu Gast in Prüm

Kostenpflichtiger Inhalt: Christian Wulff hat im Konvikt einen Vortrag gehalten : Unermüdlicher Kniefall vor dem Grundgesetz: ehemaliger Bundespräsident zu Gast in Prüm

 Vor 70 Jahren war die Geburtsstunde der Bundesrepublik, zehn Jahre später die von Christian Wulff. Für die Gnade dieser späten Geburt ist der ehemalige Bundespräsident sehr dankbar, wie er am Sonntag bei einer Veranstaltung in Prüm deutlich machte.

„Ich empfehle Ihnen einen Blick für alle Begriffe mit dem Anfangsbuchstaben Z“, sagt Christian Wulff gegen Ende seines Vortrags und geht dann auf einige dieser Begriffe näher ein: Z wie Zukunft,  wie Zusammenhalt, Zuwendung oder Zivilcourage. Oder aber Z wie Zuversicht.

Ohne Zuversicht wäre die Entstehung der Bundesrepublik kaum denkbar gewesen, sagt Wulff. Heute hingegen löse ein Satz der Zuversicht, wie der von Bundeskanzlerin Merkel im Sommer 2015 geäußerte „Wir schaffen das!“, in den sozialen Netzwerken einen Shitstorm aus. „Wenn Konrad Adenauer 1949 stattdessen gesagt hätte: Wir lassen das, dann sähe unsere Zukunft heute anders aus“, meint der Gast aus Niedersachsen.

Auf Einladung des Geschichtsvereins Prümer Land ist er in die Kapelle des Prümer Konvikts gekommen, um dort anlässlich des 70-jährigen Bestehens der Bundesrepublik zu sprechen. Einige dieser Jahre hat Wulff politisch mitgeprägt. 2010 wurde er zum zehnten Bundespräsidenten ernannt. Keine zwei Jahre später trat er dann in Folge der sogenannten Wulff-Krise zurück. Von den damals gegen ihn erhobenen Vorwürfen der Vorteilsnahme wurde der CDU-Politiker 2014 freigesprochen.

Geblieben ist die bislang kürzeste Amtszeit eines deutschen Staatsoberhauptes und die Aussage „Der Islam gehört inzwischen auch zu Deutschland“ aus Wulffs Rede vom 3. Oktober 2010.Und die dem heute 60-Jährigen nach wie vor genauso anhaftet wie der Kanzlerin ihre Äußerung zur Bewältigung der Flüchtlingskrise.

Es ist wahrscheinlich sein bekanntester Satz, einer seiner beliebtesten ist aber ein anderer. Und der stammt auch nicht aus seiner damaligen Rede zum 20-jährigen Bestehen der Deutschen Einheit, sondern aus dem Grundgesetz.

„Die Würde des Menschen ist unantastbar – das ist für mich einer der schönsten Sätze überhaupt“, sagt Wulff, der 70 Jahre danach, noch immer „vor der Präambel des Grundgesetzes auf die Knie fallen“ könne. Was der Parlamentarische Rat mit der Verfassung des Grundgesetzes geleistet habe, sei eine Errungenschaft, um die Deutschland in der ganzen Welt beneidet werde, so der gelernte Jurist. Und man müsse den Anhängern der Pegida-Demonstrationen unterstellen, dass sie das Grundgesetz nicht kennen. Denn das, was auf Plakaten und in Parolen mitunter geäußert werde, sei mit Artikel eins, Absatz eins nicht vereinbar.

 „Wenn dieses Grundgesetz nicht verteidigt, nicht verstanden wird, werden wir wieder zurückfallen“, ist der ehemalige Bundespräsident überzeugt. „Mich schaudert es, wie geschichtsvergessen viele Menschen unterwegs sind“, sagt Wulff und bezieht sich dabei unter anderem auf die Mordserie des rechtsextremen NSU, von deren Aufarbeitung er sich mehr gesellschaftliche Veränderungen erhofft habe, oder aber auf die Anschläge der Synagoge in Halle vor wenigen Wochen. „Ich hätte es mir nicht vorstellen können, dass unsere jüdischen Mitbürger ihre Gottesdienste unter Polizeischutz abhalten müssen“, sagt Wulff. „Das ist so erbärmlich.“

Deutschland sei immer ein Land gewesen, das seine Stärke der Vielfalt verdanke, betont der Redner und nennt als Beispiele die Zuwanderung der Hugenotten, der polnischen Arbeitskräfte im 18. und 19. Jahrhundert und der Gastarbeiter in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. „Objektiv gesehen ging es uns noch nie so gut wie jetzt“, sagt er. Trotzdem sei die Stimmung schlecht.

Das letzteres vor allem auf Menschen in Ostdeutschland zutrifft, hängt nach Auffassung von Wulff mit Fehlern im Umgang mit den neuen Bundesländern nach der Wiedervereinigung zusammen. Während sich der Westen wenig angepasst habe, sei es im Osten zu Brüchen in den Biographien gekommen.

„Wir waren da ein bisschen arrogant“, räumt der Niedersachse im Anschluss an seinen gut einstündigen (und honorarfreien) Vortrag in einer kleinen Gesprächsrunde mit Volker Blindert, dem Vorsitzenden des Geschichtsvereins, ein.  Es sei ein Fehler gewesen, dass sich der Westen zu wenig auf die Menschen im Osten zubewegt habe.

Was seine durchaus kontrovers diskutierte Äußerung zum Islam betrifft, so steht der ehemalige Bundespräsident auch neun Jahr später noch zu dieser Feststellung. „Wenn ich nicht will, dass der Islam zu Deutschland gehört, dann darf ich mich nicht darüber wundern, wenn die Einflüsse aus dem Ausland kommen“, erklärt er. Zudem habe er in der Rede seinerzeit auch deutlich gemacht, dass das Grundgesetz über dem Islam stehe. Was im Übrigen ja auch nicht nur für den Islam gelte: „Ich bin mir sicher: In 50 oder 60 Jahren wird diese Diskussion kaum einer mehr verstehen.“