Unwillige, schöne Braut

Die vom Innenministerium gewünschte Fusion Speichers mit einer anderen Verbandsgemeinde stößt bei den verantwortlichen Lokalpolitikern auf wenig Gegenliebe. Auf die Barrikaden gehen will man deshalb dennoch nicht.

Speicher. Normalerweise können Brautleute den Tag ihrer Hochzeit kaum erwarten. "Heiraten" Kommunen, scheint die Lage anders zu sein, denn in Speicher freut sich niemand über die Aussicht, mit einer benachbarten Verbandsgemeinde (VG) zu fusionieren. Doch um Geld zu sparen, soll genau dies dem Wunsch des Innenministeriums gemäß bis Mitte 2012 geschehen.

"Ich bin in zweierlei Hinsicht enttäuscht", sagte Bürgermeister Rudolf Becker in der VG-Ratssitzung am Dienstagabend. Zum einen habe er erwartet, dass auch die kommunalen Aufgaben neu verteilt würden -, dass man die Treppe von oben nach unten kehre. Zum anderen hatte er nicht damit gerechnet, dass seine VG auf der Liste des Innenministeriums stehen würde, da sie mit den Amerikanern auf die geforderten 12 000 Einwohner komme. Vor diesem Hintergrund verstehe er nicht, warum VGen wie Traben-Trarbach oder Kell am See, die beide unter 10 000 Einwohnern haben, nicht zu den Fusionskandidaten gehörte.

Beckers Sicht wird über die Fraktionsgrenzen hinweg geteilt. "Ich sehe bei uns keinen Fusionsbedarf", sagte Wolfgang Faber (CDU). Wirtschaftlich stehe die VG gut da, der landsmannschaftliche Zusammenhalt sei gegeben, die Fläche relativ dicht besiedelt. "Was wir hier haben, würde ich als den Idealfall bezeichnen." Kämen noch einige der angrenzenden Gemeinden aus Trier-, Wittlich- oder Bitburg-Land hinzu, könne die VG ein "echtes Schmuckstück" werden. Ähnlicher Meinung ist Gerhard Schneider (SPD). Die VG habe eine gesunde Kasse, und auf die Qualität, die man den Bürgern zu einem guten Preis verkaufe, könne man stolz sein, ebenso wie auf die große Bürgernähe. Man habe Handel, Geschäfte und in Zukunft, wenn alles gut gehe, auch eine integrierte Gesamtschule. "Wir sind eine Muster-VG", sagte Schneider - "wir sind die schöne Braut!" Er plädierte dafür, wie bei den Kooperationen, die bereits bestehen, weiterhin über die Kreisgrenzen hinauszuschauen. Früher sei es üblich gewesen, dass die Braut in den Ort ihres Gatten ziehe. "Wir wollen natürlich, dass sie in Speicher bleibt", sagte Faber. Dafür auf die Barrikaden gehen will Bürgermeister Becker nicht. "Das hat keinen Zweck", sagt er. Anders als andere VGen, die bereits jetzt davon sprächen, sich mit allen Mitteln zu wehren, werde er zunächst das Gespräch mit Innenminister Karl Peter Bruch suchen. Und dann weitersehen.

Meinung

Noch nichts ausschließen!

Noch ist auf dem "Heiratsmarkt" der Verbandsgemeinden nichts entschieden und nichts kategorisch ausgeschlossen. Deshalb sollte sich Speicher die Freiheit nehmen, über alle Varianten ernsthaft nachzudenken: über eine Fusion mit Kyllburg ebenso wie über eine mit Bitburg-, Wittlich- oder Trier-Land. Über eine Erweiterung der VG ebenso wie über ihre Zerschlagung. Nur rechnen muss es sich. k.hammermann@volksfreund.de