Vergissmeinnicht: Die Geschichte eines wenig beachteten Mordes

Vor 75 Jahren in Preist : Vergissmeinnicht – Die Geschichte eines wenig beachteten Mordes

Im August 1944 haben drei Männer aus Preist einen amerikanischen Piloten getötet. Dafür wurden sie zum Tode verurteilt. Die Verhandlung gegen die Täter ging als erster Fliegerprozess in die Geschichte ein. Trotzdem will sich heute niemand erinnern.

Am 15. August 1944 fliegt ein amerikanischer Bomber über die Eifel. Er wird nicht beschossen und doch fängt er Feuer. Ob ein technischer Defekt die Ursache für den Absturz ist, kann nie geklärt werden. Die Maschine zerschellt in einem Feld. Die drei Männer an Bord können rechtzeitig die Reißleine ziehen – im wahrsten Sinne des Wortes: denn sie segeln mit Fallschirmen zu Boden. Zwei von ihnen schaffen es danach zu flüchten. Der Dritte landet – und das wird sein Verhängnis sein – nahe Preist (VG Speicher) in einem Baum. Mit seinem Schicksal befasst sich das Buch „Historische Kriminalfälle in der Eifel“ von Hans-Peter Pracht, auf dem Teile dieses Artikels beruhen.

Die Geschichte spielt in der Endphase des Zweiten Weltkriegs. Die grenznahe Eifel, im Westen des Deutschen Reiches, ist zum Kampfgebiet geworden. Nach Niederlagen gegen die Alliierten in Frankreich zieht sich die Wehrmacht an den Westwall zurück. Die Luftherrschaft über Deutschland haben Amerikaner und Engländer bereits seit März 1944. Das Heulen der Sirenen gehört zum Alltag. Im Mai wird der Bahnhof in Trier-Ehrang von Liberator-Maschinen beschossen. Bombern wie derjenige, der im August über Preist runtergeht.

Zunächst helfen deutschen Soldaten dem Piloten aus dem Geäst, in dem sich sein Schirm verfangen hat. Doch bald stürmt eine Gruppe Männer auf den Baum zu. Angeführt werden die Preister von einem Motorradfahrer. Es ist ein kleiner, hinkender Mann. Doch nicht nur deshalb wird ihm später eine Ähnlichkeit mit Reichspropagandaleiter Joseph Goebbels nachgesagt.

Peter B. ist der Führer der Nationalsozialisten im Dorf. Als er auf das Weizenfeld tritt, sagt er: „Es wird viel zu viel verlangt von uns, dass wir nach der deutschen Polizei rufen, um diese Mörder von dem Schicksal, das sie verdienen, zu schützen.“

Es ist Nazi-Propaganda, die aus ihm spricht. Goebbels gelten US-Flieger als „Lufthunnen“ und „Freudes-Mörder“. Von Hitler heißt es seit 1942, „Sabotagetrupps“ der Alliierten sollten „bis auf den letzten Mann niedergemacht“ werden. Heinrich Himmler,  Reichsführer der Schutzstaffel (SS), bekräftigt den Führer ein Jahr später, dass es „nicht Aufgabe der Polizei“ sei, „sich in Auseinandersetzungen zwischen Volksgenossen und abgesprungenen englischen und amerikanischen Terrorfliegern einzumischen“. Ab 1944 steht „falsches Mitleid“ mit dem Feind unter Strafe. Wer abgestürzten Amerikanern oder Engländern hilft, muss mit Schutzhaft oder Zwangsarbeit im Konzentrationslager rechnen. Lynchmorde durch „Volksgenossen“ hingegen werden im Dritten Reich nicht verfolgt.

Foto: DPA

Auch Presse und Rundfunk, infiltriert und überwacht von der NSDAP, bringen Hass unters Volk. Bei den Westfälischen Nachrichten klingt das nach einem Luftangriff auf Bielefeld so: „Es genügte nur ein flüchtiger Blick auf das Werk der amerikanischen Lufthunnen, um zu erkennen: nackter Terror, nichts als brutalste Form sinnloser Zerstörung und Menschenquälerei.“ Es sind solche giftigen Worte, die irgendwann zu Taten führen – wie die am 15. August in Preist.

B. zieht eine Pistole und feuert auf den Amerikaner. Als der aufsteht, schießt er erneut. Doch der US-Soldat will nicht liegenbleiben. Also prügelt ein anderer, ein 32-jähriger Preister, auf ihn ein. Später kommt ein Dritter hinzu. Der 37-Jährige schlägt dem Mann mit einem Steinhammer ins Gesicht. Danach erhebt der Amerikaner sich nicht mehr. Später findet ihn dort im Weizenfeld ein Veteran aus dem Ersten Weltkrieg.

Der frühere Soldat spricht den Naziführer auf den Mord an, der in seinen Augen ein Kriegsverbrechen an einem Gefangenen war. Doch der spottet nur: „Du kannst ihn ja beerdigen und Vergissmeinnicht auf sein Grab pflanzen.“

Das Verbrechen ist kein Einzelfall. Die Zahl der Fliegermorde am Ende des Zweiten Weltkriegs wird auf etwa 350 geschätzt, 225 sind nachgewiesen. Die meisten der Taten werden in Hessen und im Ruhrgebiet verübt, meist von Funktionären der Nationalsozialisten. Der Fall Preist ist trotzdem bemerkenswert. Denn die Eifeler Täter sind am 25. Juni 1945 die ersten Lynchmörder, denen der Prozess gemacht wird. Am 1. Juni fassen die Amerikaner drei der Männer, die an der Ermordung des US-Piloten beteiligt waren. Es sind die beiden Preister, die auf den angeschossenen Amerikaner eingeprügelt hatten. Sie verhaften einen weiteren Mann, der den Mord beobachtete, ohne einzugreifen. Nach dem Anstifter Peter B. fahnden die Besatzer fünf Tage und schnappen ihn schließlich. Alle vier müssen sich in Ahrweiler dem Prozess vor einer US-Komission  stellen.

Der Verhandlungssaal liegt im alten Kreishaus, damals das Hauptquartier der amerikanischen Besatzungszone. Licht fällt durch bleiverglaste Fenster, an den Wänden hängen US-Flaggen und auf einem Tisch liegen die Habseligkeiten des toten Piloten: Uniform, Erkennungsmarke, Fliegerstiefel.

Dann werden die Mörder hineingeführt, die Anklage verlesen. Vorgeworfen werden den Männern „Vergehen gegen die zehn Gebote, die Gesetze des Anstandes und die Gesetze und Sitten des Krieges“. Verbrechen also, die, wie es ein Kriegsberichterstatter ausdrückt, „in der widernatürlichen Welt der Nazis ungestraft blieben“. Die zu erwartende Strafe? Der Tod.

Mit der Kapitulation der Wehrmacht im Mai 1945 beginnt eine Reihe von Strafverfahren an amerikanischen Militärgerichten. Mit die ersten Verhandlungen sind die Fliegerprozesse. Und die von den Besatzern eingesetzten Komissionen gehen nicht zimperlich mit deutschen Kriegsverbrechern um: Mehr als 150 Angeklagte werden hingerichtet.

Währenddessen beginnt in der Region der Wiederaufbau. Und es gibt viel zu tun: Bitburg gilt nach einem Bombenangriff 1944 als „tote Stadt“ und auch Wittlich und Trier liegen in Trümmern. Das Ausmaß der humanitären Katastrophe ist gigantisch. Hunderttausende Soldaten und Zivlisten lassen in der Eifel ihr Leben.

Verteidiger Franz Mehn will vor Gericht erwirken, dass nicht noch mehr Blut vergossen wird. So argumentiert der Heidelberger Anwalt, zwei seiner Mandanten seien psychisch krank und damit nur vermindert schuldfähig. Doch das Militärgericht folgt der Erklärung nicht. Die Beweislage ist eindeutig, auch weil neun Preister gegen die Männer aussagen.

Foto: TV/Christian Altmayer

Der Beschluss der Kommission: Der Mann, der die Mörder nicht aufhielt, soll lebenslänglich in Haft. Die drei anderen Männer werden zum Tode verurteilt. Ihre letzten Stunden auf Erden verbringen sie mit Beten, schreibt ein Gerichtsreporter der US-Militärzeitschrift „Yank“ am Tag der Hinrichtung.

Es ist ein grauer Morgen. Die Sonne geht gegen 5 Uhr auf, schafft es aber nicht, durch die Wolkendecke zu brechen. Als erster auf den Gefängnishof in Rheinbach wird der 32-Jährige geführt, der auf den US-Piloten eingeprügelt hat. Er bittet Gott um Verzeihung, und darum, die amerikanische Armee möge seine Familie in Frieden lassen. Dann steigt er die 13 Stufen zum Galgen empor.

Danach wird der 37-Jährige zum Henker geführt, der den Soldaten mit einem Steinhammer traktiert hatte. Vor der Hinrichtung bittet er darum, seiner Frau zwei Briefe übergeben zu dürfen. Dann stülpt der Henker ihm die schwarze Kapuze über.

Als letzter ist Peter B. an der Reihe. Kurz vor der Falltür fragt er, ob nach seinem Ableben noch seine Familie zur Rechenschaft gezogen werden wird. Ein Offizier antwortet mit nur einem Wort: „Nein“. Das beruhigt den Naziführer. Bevor er mit dem Strick um den Hals auf die Falltür tritt, ruft er seine letzten Worte: „Jesus, nimm mich.“

Kurz nach sieben Uhr ist das Urteil vollstreckt, der Lynchmord gesühnt. Der Henker wischt sich Tränen aus den Augen.

Die US-Zeitschrift Yank wird schreiben: „Die Hand der amerikanischen Justiz traf deutsche Zivilisten das erste Mal am 29. Juni, als drei deutsche Mörder durch eine Galgen-Falltür im Rheinbacher Gefängnis fallengelassen wurden.“

75 Jahre ist das her. Heute erinnert in Preist nichts mehr an das Verbrechen. Unter welchem Baum das Blut des Amerikaner ins Feld gesickert ist, ist unmöglich zu sagen. Zu viele Riesen schlagen ihre Wurzeln auf den Äckern rund um das Dorf.  Und zu wenige Menschen, die im August 1944 auf der Welt waren, leben noch. Ob überhaupt Zeitzeugen übrig sind? Ortsbürgermeister Edgar Haubrich weiß es nicht, sagt er. Vielleicht aber gibt es auch niemanden, der sich erinnern will.

In der Dorfmitte steht ein Denkmal. Dort sind die Eckdaten der Gemeinde zu lesen, aber nichts über jenen Tag im August 1944. An der Kapelle prangt eine Tafel mit den Namen der Gefallenen aus dem Zweiten Weltkrieg. Ein namenloser Amerikaner ist nicht darunter. Ein Mahnmal für den gelynchten US-Piloten sucht man vergebens. Und Dorfchef Haubrich hat auch nicht vor, daran etwas zu ändern – „aus Rücksicht auf lebende Nachfahren der Täter von damals“.

Das ist keine Ausnahme. Deutschlandweit gibt es nur wenige Mahnmale, die an die Fliegermorde erinnern – auf der Nordseeinsel Borkum etwa und in der hessischen Stadt Rüsselsheim. In den meisten anderen Orten scheint man sich nicht gerne an die Verbrechen erinnern zu wollen. Es ist ein später Sieg der Nazis: Taten und Opfer bleiben auch mehr als 70 Jahre nach den Verbrechen unbeachtet.

 Wo der in Preist ermordete Amerikaner beerdigt ist, ist nicht überliefert. Auch nicht, ob dort heute Vergissmeinnicht blühen.

Foto: TV/Christian Altmayer

Zur Recherche hat unser Reporter das TV-Archiv, Texte aus anderen Zeitungen und Informationen der Kreisverwaltung Ahrweiler genutzt. Seine wichtigste Quelle aber war das  Buch „Historische Kriminalfälle aus der Eifel“ von Hans-Peter Pracht. Ein Kapitel des Werks widmet sich dem Fliegermord von Preist, andere behandeln Verbrechen bei Gerolstein, Andernach oder Aachen. Erschienen ist der 160-Seite-starke Band im Regionalia-Verlag, wo er derzeit aber nicht mehr vertrieben wird. Bei Online-Versandhäusern ist das Buch noch zu haben.