Verwicklungen beim Windelwechsel

Bitburg/Prüm · Arne Gericke, einziger Europa-Abgeordneter der deutschen Familien-Partei, hat Joachim Streit, dem Landrat des Eifelkreises Bitburg-Prüm, einen zornigen Brief geschrieben: Das Verbot von Wickeltischen in den drei dm-Drogeriemärkten im Kreis sei familien- und mittelstandsfeindlich.

Bitburg/Prüm. Arne Gericke, der Abgeordnete der Familien-Partei im Europäischen Parlament, glaubt, einem Skandal auf der Spur zu sein: "Deutschlandweit, nur nicht im Eifelkreis", gebe es Wickeltische in den Drogeriemärkten der dm-Kette, schreibt er in einer Pressemitteilung. Was woanders kein Problem sei, werde in der Eifel "per behördlicher Anweisung" und aus hygienischen Gründen untersagt."Übereifrige Oberbürokraten"


"Irritierte Eltern" hätten sich über Facebook an ihn gewendet, und er habe, betont er, "prompt reagiert": Gericke verfasste ein schneidiges Schreiben an Landrat Joachim Streit. Zitat: "Ich gehe mal davon aus, dass Sie als Landrat eine solch unnötige, bürokratische und letztlich familienfeindliche Vorgabe nicht gut heißen können und bislang schlicht nicht über die Entscheidung Ihrer untergeordneten Dienststellen informiert waren." Es könne nicht sein, schreibt Gericke weiter, "dass Dinge, die in ganz Deutschland problemlos funktionieren, in der Eifel an übereifrigen Oberbürokraten scheitern".
Nur in der Eifel? Tatsächlich gab es vor ein paar Jahren ein solches Verbot zumindest zeitweise im Landkreis Fürstenfeldbruck. Der Münchner Merkur berichtete darüber: Eine Kundin hatte sich beschwert, weil in einem Drogeriemarkt Windel-Eimer überquollen und es keine Waschmöglichkeit gab. Und sie hatte gesehen, dass eine Mutter ihr Kind gewickelt und dann Waren berührt hatte. Das Landratsamt verlangte daraufhin den Abbau der Tische, sofern kein Waschbecken unmittelbar beim Wickeltisch angebracht sei. Das ist auch das Problem in den drei dm-Märkten im Eifelkreis (zweimal Bitburg, einmal Prüm): Es gibt nur eine Waschgelegenheit auf der Kundentoilette, nicht direkt an den Tischen.
Markus Otto, der Gebietsverantwortliche von dm, bestätigt das im Gespräch mit dem TV. Die Anweisung zum Abbau der Tische sei im Januar von der Lebensmittelüberwachung gekommen. Allerdings seien nicht nur die Märkte in der Eifel mit dem Wickeltisch-Bann belegt: Auch in Konz und Schweich (Kreis Trier-Saarburg) seien die Tische von den Behörden untersagt worden. Man habe, sagt der Trier-Saarburger Pressesprecher Thomas Müller, dem Unternehmen empfohlen, die Tische in separaten Räumen aufzubauen. In den acht Trierer Märkten habe es keine Beanstandung gegeben.
Landrat Streit war wegen einer Erkrankung nicht zu sprechen, gibt aber schriftlich kurz durch, der Tonfall des Gericke-Schreibens entspreche "dem Standard der Beschwerdebriefe, die ich erhalte". Die Verwaltung hat aber inzwischen auf die TV-Anfrage zu den Gründen für das Verbot geantwortet und bestätigt, dass man das Aufstellen der Tische "in unmittelbarer Nähe von verpackten Lebensmitteln" untersagt habe, darunter "Babynahrung, Schwangerschafts- und Stilltees" und Säfte für Kinder. "Ebenso ist die Wahrscheinlichkeit sehr groß, dass durch die Nutzung der Wickeltische (…) die Betriebsbereiche, in denen mit Lebensmitteln umgegangen wird, durch Fäkalkeime kontaminiert werden", heißt es weiter. Man habe daher den Betreibern angeraten, den Tisch "in den Bereich der Kundentoilette zu verlagern, wie dies auch in anderen Märkten praktiziert wird".
Für Arne Gericke sind das "offensichtlich unnötige, familien- und mittelstandsfeindliche Bürokratieauswüchse, die der Landrat eines "kinderfreundlichen Eifelkreises Bitburg-Prüm" korrigieren müsse.
Wie geht es nun weiter? Die Drogeriekette, sagt Markus Otto, arbeite an einem Konzept, das die geforderte Hygiene gewährleisten soll. Allerdings gehe das nicht mit Waschbecken an den Tischen, die könne man nicht überall einbauen. Trotzdem soll es an den Tischen eine Waschmöglichkeit geben. Ob die Kreisverwaltung dann damit einverstanden sein wird, ist noch offen.Meinung

Kanonen auf Kinderköttel
Schön, wenn ein Markt seiner Kundschaft die Möglichkeit bietet, das Kindlein frisch zu machen. Und es wirkt schon recht schroff, das zu verbieten, nur weil Mama oder Papa anschließend drei Meter zum Waschbecken laufen müssen. Andererseits: Wer garantiert dafür, dass nicht irgendein Schmuddelmensch den Wickeltisch schon vorher mit seinen Bakterien beschmutzt hat? Wie will man das verhindern? Es geht insgesamt um gerade einmal fünf dieser Tische in zwei Kreisen. Das Schreiben des Europa-Solisten von der Familienpartei wirkt deshalb in seinem hochfahrend-geharnischten Ton wie der Versuch, unbedingt Aufmerksamkeit zu heischen. fp.linden@volksfreund.deExtra

Die Familien-Partei Deutschlands, 1981 gegründet, ist weder im Bundestag noch in den Landtagen vertreten. Laut Bundeszentrale für politische Bildung positioniert sie sich in der Mitte und fordert den Schutz der Familie, darunter verstehe sie "jegliche Lebensgemeinschaft von Eltern mit ihren Kindern". Sie hat ein Mandat im Europaparlament und sich dort der Fraktion der "Europäischen Konservativen und Reformisten" angeschlossen, wie auch die Alternative für Deutschland (AfD). fpl