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Verzogen nach "unbekannt" - Als die Juden aus der Region um Kyllburg vertrieben wurden

Verzogen nach "unbekannt" - Als die Juden aus der Region um Kyllburg vertrieben wurden

Vor 1933 war die Region um Kyllburg eines der Zentren jüdischen Lebens in der Westeifel. Heute vor 75 Jahren, am 25. Juli 1942, wurden die letzten Juden dort vertrieben. Ihr Schicksal war besiegelt.

Kyllburg/Malberg Die Geschichte der Juden in der Region ist relativ jung: Erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ließen sich die ersten Juden in Malberg nieder. Sie gehörten zur Familie Nussbaum und stammten alle aus Butzweiler, einem Dorf zwölf Kilometer nördlich von Trier. 1895 lebten bereits 40 Juden in Malberg und Kyllburg. Sie überflügelten damit in dem ansonsten katholisch geprägten Umfeld sogar die kleine, 15 Köpfe zählende protestantische Gemeinde.

Die Familie Nussbaum: Einer der Zugewanderten war der 1866 in Butzweiler geborene Hermann Nussbaum, der sich um 1893 in Malberg niederließ. Aus diesem Jahr stammt ein Eintrag im Gewerberegister. Hermann Nussbaum war ein vielseitiger Geschäftsmann. Für die nächsten Jahrzehnte finden sich Nachweise, dass er hauptsächlich im Textil- und Viehhandel tätig war. Eine Zeitlang betrieb er aber auch eine Metzgerei und eine Fleischhandlung.
1898 heiratete Hermann Nussbaum Helena Michel aus Niedaltdorf, einem Dorf in der Nähe von Merzig. Das frischvermählte Paar ließ sich in Kyllburg nieder, wo sie in der Bahnhofstraße 210 (heute Bahnhofstraße 5) gemeinsam ein Haus kauften. In diesem Haus wurden zwischen 1899 und 1906 auch ihre vier Kinder geboren: Joseph Alfred, Salomon, Heinrich und Rebecka.
Der "Handelsmann" Hermann Nussbaum war ein angesehenes Mitglied der jüdischen Gemeinde und gehörte damit auch zu den elf Männern, die als Eigentümer der Synagoge eingetragen waren, die 1912 in friedlicher Nachbarschaft zur katholischen St. Maxim- und zur evangelischen Kirche eingeweiht worden war.
Hermann Nussbaum engagierte sich aber auch in der Zivilgemeinde seines neuen Heimatortes. So findet sich ein Protokoll von 1906, das ihn als Mitglied der Feuerwehr Kyllburg ausweist.

Der Erste Weltkrieg: 1866 geboren, war Hermann Nussbaum zu alt, um in den Ersten Weltkrieg zu ziehen. Nicht so sein ältester Sohn Joseph Alfred, der 1917 mit 18 Jahren als Landsturmmann eingezogen wurde. Als er Ende 1918 aus dem verlorenen Krieg nach Hause zurückkehrte, fand er nicht nur seinen Geburtsort Kyllburg von den feindlichen amerikanischen Truppen besetzt.
Zwei Wochen zuvor war seine Mutter Helena an Lungenentzündung gestorben - eine am Ende des ersten Weltkrieges sehr verbreitete Todesursache in der unter Entbehrung leidenden Zivilbevölkerung. Der Grabstein von Helena Nussbaum ist heutzutage einer von noch sechs zumindest teilweise erhaltenen auf dem jüdischen Friedhof in Malberg. Der wurde während der Nazizeit mehrfach geschändet.
Zwischen den Weltkriegen: Nach dem Ersten Weltkrieg betrieb Hermann Nussbaum seinen Viehhandel weiter, jetzt unterstützt von seinen drei Söhnen, die auch als koschere Metzger arbeiteten. 1920 heiratete Hermann Nussbaum die 36jährige Witwe Sara Levy, die aus Illingen in der Nähe von Saarbrücken stammte. Zusammen entwickelte das Ehepaar eine neue Geschäftsidee: Zwar verfügte Kyllburg in seinen besten Zeiten über mehr als 350 Hotelbetten. Was aber fehlte, war ein Angebot, dass speziell auf orthodoxe jüdische Gäste zugeschnitten war. So verlegten die Nussbaums in den Sommermonaten kurzerhand ihre Schlafstätten auf den Dachboden und konnten so sechs Betten samt koscherer Verpflegung für jüdische Kurgäste anbieten. Damit waren Sara und Hermann Nussbaum fast konkurrenzlos in Kyllburg. Außer ihnen gab es lediglich noch die jüdische Pension von Julius Nussbaum in der Malberger Straße 236.

Machtübernahme der Nationalsozialisten: Die Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 veränderte alles. Nicht schlagartig, aber nach und nach. An den Ortseingängen der Eifeldörfer tauchten Schilder auf mit Aufschriften wie "Juden unerwünscht!" oder "Zutritt für Juden auf eigene Gefahr!". Ab Mitte der 1930er Jahre kam der Viehhandel für die Nussbaums - wie für alle jüdischen Händler - praktisch zum Erliegen.
Und selbst die kleine Pension der Nussbaums musste schließen. Ende 1934 erließen die Nazis eine neue Verordnung, nach der auch alteingesessene Gastronomiebetriebe eine neue Konzession beantragen mussten. In Kyllburg lehnte der damalige Bürgermeister und Ortsgruppenleiter der NSDAP, Hans L., den Antrag der Nussbaums brüsk ab.

Die Flucht vieler Juden: Zu diesem Zeitpunkt wurde es auch vielen Juden klar, dass sie keine Zukunft in Deutschland hatten. Anfang Mai 1936 verließen die ersten Malberger und Kyllburger Juden ihre Heimat. Das Ziel der ersten Flüchtlinge war Südamerika, Länder wie Paraguay und Argentinien, später folgten die USA. Rebecka Nussbaum, die einzige Tochter von Hermann und Sara Nussbaum verließ Deutschland im Oktober 1938 Richtung New York. Sie arbeitete dort als Kindermädchen und schickte, als sie genug Geld gespart hatte, ihrem Bruder Joseph Alfred 400 Dollar für die Schiffspassage, damit er ihr 1941 folgen konnte. Die beiden anderen Söhne der Nussbaums, Salomon und Heinrich, hatten ihre Eifeler Heimat bereits vor 1933 Richtung Luxemburg verlassen.
Die letzten jüdischen Flüchtlinge aus der Region verließen Deutschland im Oktober 1941. Zu diesem Zeitpunkt hatten die Nationalsozialisten ihre Pläne für die europäischen Juden geändert: Nicht die Vertreibung der Juden war länger das Ziel, sondern ihre Vernichtung.

Die Deportation der Familie Nussbaum: Anfang 1942 lebten noch fünf Juden in Kyllburg und Malberg: Das waren einmal Hermann und Sara Nussbaum in der Kyllburger Bahnhofstraße. Hinzu kamen drei unverheiratete Geschwister von Hermann Nussbaum, die in der Malberger Schloßstraße 2 (heute Schlossstraße 43) lebten: Adelheid (geboren 1868), Johanna (1884) und Simon Nussbaum (1887). Über diese drei Menschen ist wenig bekannt, außer dass Simon Nussbaum, genannt "Juud Siim", eine Metzgerei betrieben hat und dabei von seinen beiden Schwestern unterstützt worden ist.
Das letzte Lebenszeichen von Simon Nussbaum ist ein nüchterner Eintrag im Melderegister von Kyllburg. Verzogen nach "unbekannt" heißt es dort unter dem Datum 23. April 1942. In Wirklichkeit wurde Simon Nussbaum per Zug von Trier nach Izbica, einem Ghetto im besetzten Polen, deportiert. Es ist nicht bekannt, wie viele der 441 Juden dieses Transportes in das Ghetto eingewiesen worden sind und wie viele in die Vernichtungslager Belzec und Sobibor weitertransportiert worden sind. Sicher ist nur, dass kein einziger der Menschen diesen Transport überlebt hat.
Hermann Nussbaum, seine Frau Sara und seine beiden Schwestern Adelheid und Johanna aus Malberg wurden am 25. Juli 1942 nach Trier gebracht, wo sie die beiden nächsten Tage im Korumhaus verbrachten, das zu einem Durchgangslager umfunktioniert worden war. Dort wurde den Kyllburger und Malberger Juden von einem Gerichtsvollzieher die gleichlautenden Beschlüsse des Trierer Regierungspräsidenten eröffnet. Demnach wurde ihnen als "Reichsfeinden" sämtliches Eigentum zugunsten des Staates entzogen.

Im Ghetto Theresienstadt: Am 27. Juli 1942 verließ der Zug mit 1171 Deportierten aus Luxemburg und Südwestdeutschland den Trierer Bahnhof und erreichte das Ghetto Theresienstadt nach einer 30stündigen entbehrungsreichen Fahrt. Die Umstände dort waren katastrophal. Zu dieser Zeit lebten etwa 43 000 Menschen in Gebäuden, die ursprünglich für 3000 Menschen geplant worden waren. Die Mehrzahl der Bewohner waren Alte und Gebrechliche. Von den etwa 155 000 Juden, die nach Theresienstadt gekommen sind, sind dort allein bereits mehr als 33 000 zugrunde gegangen.
Eines dieser Opfer war Adelheid Nussbaum. Die 76jährige Malbergerin starb am 2. August 1942. "Altersschwäche" und "Herzschwäche" heißt es zur Krankheit und Todesursache in der vorgefertigten Todesfallanzeige, die im Archiv von Theresienstadt erhalten geblieben ist.
"Todesfallanzeigen" - selbst dazu hat es für Johanna, Sara und Hermann Nussbaum nicht gereicht: Nach sieben Wochen unter den menschenverachtenden und tödlichen Bedingungen des Ghettos wurden Sara und Hermann Nussbaum mit dem Transport BO von Theresienstadt nach Treblinka im besetzten Polen deportiert. Eine Woche später, am 26. September 1942, folgte ihnen Johanna Nussbaum mit dem Transport BR. Die Registerkarten für den Transport sind das letzte Lebenszeichen von ihnen. Vermutlich sind alle drei unmittelbar nach ihrer Ankunft in den Gaskammern des Vernichtungslagers ermordet worden.

Das weitere Leben in Kyllburg und Malberg: In Kyllburg und Malberg ging das Leben in der Zwischenzeit seinen gewohnten Gang: In Briefen von Ende Juli und Mitte August 1942 mahnt der Kyllburger Amtsbürgermeister Dr. Wilhelm J. beim Finanzamt Bitburg an, angesichts der großen Wohnungsnot möglichst schnell über die enteigneten "Judenhäuser" in Malberg und Kyllburg zu entscheiden. Das Finanzamt verwaltete treuhänderisch die dem Deutschen Reich verfallenen Immobilien. Gleichzeitig teilte Dr. J. mit, dass "die dem Verderben ausgesetzten Gegenstände wie eingekochtes Gemüse, Obst" der NSV, der Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt, zur Verfügung gestellt worden seien. Die Verwertung der Obst- und Gemüsegärten der Nussbaums hatte man vorsorglich der Ortsfrauenschaftsleiterin übertragen. Einen Gedanken an die verschleppten jüdischen Mitbürger, die zu diesem Zeitpunkt schon tot waren oder ihrer Ermordung entgegensahen, verschwendete niemand.Extra: DIE STOLPERSTEIN-IDEE VON GUNTER DEMNIG

... und Adelheid. Fotos (6): privat. Foto: (e_eifel )


Die Idee, den Opfern des nationalsozialistischen Terrors sogenannte Stolpersteine zu setzen, stammt von dem Kölner Aktionskünstler Gunter Demnig. Für Demnig, der in diesem Jahr 70 Jahre alt wird, sind die Stolpersteine ein Projekt, "das die Erinnerung an die Vertreibung und Vernichtung der Juden, der Zigeuner, der politisch Verfolgten, der Homosexuellen, der Zeugen Jehovas und der Euthanasieopfer im Nationalsozialismus lebendig erhält". Demnig ist für sein Projekt über Deutschland hinaus mit viel Anerkennung bedacht worden. Es gibt allerdings auch Stimmen gegen seine Stolpersteine. Prominenteste Gegnerin ist die ehemalige Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland und jetzige Vorsitzende der jüdischen Gemeinde in München, Charlotte Knobloch. Sie befürchtet, dass "die Opfer von früher erneut mit Füßen getreten" werden. Gunter Demnig hat bisher (Stand April 2017) europaweit über 61 000 Stolpersteine verlegt. Inzwischen liegen sie in 1099 Orten Deutschlands und in 20 Ländern Europas.