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(Video) Die Zeit, endlich mal wieder leise zu werden - Pater Stephan vom Kloster Himmerod im Interview

(Video) Die Zeit, endlich mal wieder leise zu werden - Pater Stephan vom Kloster Himmerod im Interview

Er ist ein ebenso nachdenklicher wie lebensfroher Mensch, den eine klare Sprache auszeichnet. Aber zu beschreiben, was für ihn Weihnachten bedeutet, bringt auch Bruder Stephan an die Grenzen der Worte. Für den Mönch, der seit fast 60 Jahren im Kloster Himmerod lebt, geht es um die Erfahrung bedingungsloser Liebe. Versuch einer Annäherung.

Großlittgen. Er kommt in Sandalen. Mitten im Dezember. Seine alten Füße, die ihn schon so viele Jahre tragen, wollen irgendwie nicht so recht zu den leuchtenden Augen passen. Die 82 Jahre sieht man Bruder Stephan, der sich nicht gerne Pater nennt, nicht an. Er geht immer noch - Witterung hin oder her - jeden Tag in den Weiher beim Kloster schwimmen. Auch bei Schnee und Eis. "Man muss was für seine Gesundheit tun", sagt Bruder Stephan, der, obgleich er schon etliche Bücher geschrieben hat, die Tat weit mehr schätzt als das Wort.
Dieser Ort, das Kloster Himmerod, sei ihm sozusagen in den Blick gefallen". Und hat ihn dann nicht mehr losgelassen. Das war Mitte der 1950er Jahre. "Ich war mit einer Jugendgruppe auf einer Wanderung in der Eifel und dann hat ein Mönch zu mir gesagt: Da sind noch Zimmer frei." Zwei Wochen später kam der junge Mann aus Hannover zurück nach Himmerod getrampt - und blieb.Er kam, um zu bleiben


Heute, 58 Jahre später, ist Bruder Stephan aus dem Kloster nicht mehr wegzudenken. Viele Eifeler kennen ihn aus Jugendzeiten, von Einkehrtagen, persönlichen Gesprächen, seinen Lesungen oder Besuchen in der Abtei, die Messen, Meditationen, Gesprächsrunden wie auch Konzerten. Pater Stephan hat so viele Menschen auf ihrem Glaubensweg ein Stück begleitet, ihnen neue Impulse gegeben und sie unterstützt. Mit TV-Redakteurin Dagmar Schommer spricht er über Weihnachten.

Was ist für Sie das Besondere an Weihnachten?
Bruder Stephan: Für mich bedeutet es, leise zu werden und zu horchen - in mich, in die Welt, in die Stille. Um wieder etwas mitzubekommen. Das, worum es eigentlich geht. Denn wir können nicht Weihnachten machen mit Geschenken, Bäumen, Kugeln und all dem. Wir können uns nur vorbereiten. Das Eigentliche bekommen wir geschenkt.

Und das Eigentliche, wie Sie es nennen, worin besteht das?
Bruder Stephan: Jedenfalls sind es nicht die Geschenke, für die sich so viele in den Kaufhäusern rumtreiben, wo überall Lichter blinken. Diese ganze Hektik, der Lärm und die Hast sind nichts anderes als Ablenkung.

Aber worauf kommt es dann an? Weihnachten, ein Familienfest?
Bruder Stephan: Natürlich ist das schön, wenn die Familie zusammenkommt und man Zeit füreinander hat. Aber das Eigentliche sind auch nicht die ganzen Festessen und Familientreffen. Das Eigentliche ist, das ich mich an Weihnachten einstelle auf diese Botschaft, auf diesen Jesus, auf sein Ankommen.

Wer ist denn dieser Jesus?
Bruder Stephan: Das ist jemand, der ankommt in dieser Welt und dem wir entgegengehen können. Das ist ein Prozess. Und dieser jemand hat eine faszinierende Botschaft: dass Gott Mensch wird.

Was bedeutet dieses schwer Greifbare, Gott wird Mensch?
Bruder Stephan: Es bedeutet, dass Gott sich einlässt in meine Gegebenheiten, meine Welt, meine Art. Mich nicht allein lässt, bei mir ist, jeden Tag. Das ist doch schon unglaublich, das mich jemand mit all meinen Fehlern und Unzulänglichkeiten bedingungslos liebt. Das ist keine fromme Geschichte, das ist harte Realität.

Eine, vor der dann aber recht viele die Augen verschließen ...
Bruder Stephan: Es fällt vielen Menschen offenbar leichter, daran zu glauben, das Geld, Erfolg oder irgendwelche anderen Äußerlichkeiten glücklich machen, als im Blick auf Gott zu leben. Ich habe gerade kürzlich gelesen, dass mehr als die Hälfte der Menschen in Deutschland kein Interesse an Weihnachts-Gottesdiensten haben.

An Weihnachten aber sind die Kirchen meist gut gefüllt.
Bruder Stephan: Ja, das ist schön. Aber viele gehen nur dieses eine Mal im Jahr in die Kirche, und das dann auch vor allem, weil es dann so schön stimmungsvoll ist. Aber das Stimmungsvolle vergeht. Die Botschaft bleibt. Wenn ich dabei bleibe, mache ich eine viel tiefere Erfahrung.

Was bleibt denn von der Weihnachtsbotschaft noch nach Weihnachten übrig?
Bruder Stephan: Ich habe ein Gedicht geschrieben, das heißt "Nach Weihnachten": Nach Weihnachten ein Gedicht über Gott in den Schnee kratzen. Wenn es taut, weiß man, bleibt nichts, nichts außer dem Wunsch, später nach Weihnachten ein Gedicht über Gott in den Schnee zu kratzen. Die Sache mit Jesus fängt immer wieder von vorne an. Es ist ein nicht endender Prozess. Der beginnt Weihnachten und währt fort.

Und worum geht es inhaltlich bei diesem Prozess?
Bruder Stephan: Um die Frage, wie kann ich diese Offenheit, das Vertrauen, das Annehmen, diese bedingungslose Liebe zu anderen bringen.

Aber wie kann ich Weihnachten zu anderen bringen?
Bruder Stephan: Konkret könnte das etwa bedeuten, dass ich vielleicht anfange, einmal in der Woche Menschen in einem Altenheim zu besuchen. Oder ganz einfach Menschen anrufe, die ich schon lange nicht mehr gesprochen habe, um zu hören, wie es ihnen geht. Oder mich mit jemandem, mit dem ich schon lange im Streit bin, wieder versöhne. Und mich in der Gemeinde engagiere. Es bedeutet, offen zu sein für diesen Jesus und seine Botschaft.

Wie erkennt man diesen Jesus?
Bruder Stephan: Indem man wie Zachäus, der Zöllner, Ausschau nach ihm hält. Er könnte der sein, der an meine Tür klopft. Lasse ich ihn ein? Habe ich Zeit? Augustinus meint: Wer sagt, ich habe keine Zeit, meint: Ich habe keine Lust, und dahinter steckt: Ich habe keine Liebe. Jesus aber bedeutet bedingungslose Liebe. "Was ihr einem meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan."

Ausschau halten, auf Bäume klettern. Es hängt viel an der Offenheit, die Sie beschreiben.
Bruder Stephan: Ja, man muss offen sein, leise werden, horchen, um mit Jesus ins Gespräch zu kommen. Sich mit diesem Gott, der Mensch wurde, zusammenzusetzen - nicht auseinandersetzen, das ist etwas ganz anderes. Ich nehme die Worte gerne wörtlich. Wir sollten uns mehr zusammensetzen, statt uns miteinander auseinanderzusetzen. Glaube bedeutet, sich zusammenzusetzen, zusammenzurücken.

Und die Botschaft, die Gläubige empfangen, würden Sie die als ein Gefühl beschreiben?
Bruder Stephan: Es ist auch ein Gefühl, ja, ein frohes, das Zuversicht und Hoffnung verbreitet. Es ist aber vor allem ein Prozess, auch ein gedanklicher. Es geht darum, immer wieder mit Jesus ins Gespräch zu kommen, sich immer wieder zu fragen, was er uns zu sagen hat. Das geht über ein Gefühl hinaus. Es bedeutet zu vertrauen. Das Vertrauen darauf, dass es Gott gibt und das Vertrauen darauf, dass er uns alle bedingungslos liebt. Das wird an Weihnachten sehr konkret.

Inwiefern?
Bruder Stephan: Es kommt einfach etwas zusammen, was unbeschreiblich ist. Dieses Miteinander und Aufeinanderzugehen sind schon irgendwie ein Stück Himmel auf Erden. Es wird Licht und wir tragen unser Licht in die Welt. Das kann wirklich jeder erleben, der dafür offen ist.

Es ist nicht immer leicht, zu vertrauen, dass es da einen Gott gibt.
BruderStephan: Ja, es gibt viel Leid. Und es ist unsere Aufgabe, uns dafür einzusetzen, Leid zu mindern und zu helfen, wo wir können. Es geht auch darum, sich zu fragen, wie man diesen Gott, der sich aufs Menschsein einlässt, auch jemanden begreifbar machen kann, der in Aleppo in einem Keller Zuflucht sucht, während die Stadt unter Beschuss steht. Oder den Menschen, die bei dem Anschlag in Berlin einen Angehörigen verloren haben. Wo können wir trösten, unterstützen, helfen? Denn dieser Gott, der sich aufs Menschsein einlässt, ist gerade auch ein Gott der Armen, Notleidenden, Geplagten und Bedrohten.

Es werden Kriege im Namen Gottes geführt. Da bringt der Glaube auch viel Leid.
BruderStephan: Ja, das ist schrecklich. Menschen, die glauben, werden verfolgt. Auch heute noch sterben etwa 100 000 Christen für ihren Glauben. Und ja, leider gibt es Glaubenskriege. Das ist ein Prozess, den die Christen vor ein paar Jahrhunderten durchgemacht haben und den viele Moslems jetzt noch vor sich haben. Das ist aber nicht Gottes Wille. Das ist Menschenwerk. Füreinander, für die um des Glaubens willen Verfolgten, beten und für sie eintreten: Auch das lehrt uns Weihnachten.
Wie können wir uns konkret für die Weihnachtsbotschaft öffnen?
BruderStephan: Es ist vor allem die kleinen Dinge tun. Eine brennende Kerze anschauen und weitergeben, leise Musik hören, im Evangelium lesen, in die Natur gehen. Die Dinge bewusst machen. Und andere mitnehmen, auch solche, die nicht zu unserem Umfeld gehören. Auch die Frage, wie kann ich jemanden beschenken. Nicht mit einem materiellen Gut, in Geschenkpapier eingewickelt. Sondern mit der Zeit, die ich mir nehme, zuzuhören, präsent zu sein, da zu sein, wenn jemand mich braucht - ob das nun die Nachbarin oder das Kind im Sudan ist oder jemand im Pflegeheim. scho
Einen persönlichen Weihnachtsgruß von Bruder Stephan gibt es als Video unter www.volksfreund.de/bitburgExtra

Wo er nur bleibt Wo er nur bleibt, der Adventsgott, namenlos und gespenstig zwischen Lametta und flimmernden Kerzengeleucht. Die Kirche Weihnachtsmarkt mit Geruch nach gebrannten Mandeln und Glühwein. Dazu: "Stille Nacht!" aus dem Lautsprecher. Jesus im Stau. Er blinzelt dem Fahrer zu. Bruder Stephan Reimund SengeExtra

Stephan Reimund Senge wurde 1934 in Hannover geboren. 1958 machte er in Wien Abitur und trat in die Zisterzienserabtei Himmerod ein. Er studierte Theologie und wurde 1964 zum Priester geweiht. 1997 gründete er die Initiative Sudan/Südsudan. Darauf kam er dank Schwester Emmanuel, der Mutter der Müllmenschen in Kairo. Die kam zu Lebzeiten nach Himmerod, berichtete von Christenverfolgung und Bürgerkrieg im Sudan, was für den damals 65-jährigen Bruder das Signal war: "Gott ruft Menschen." Er ist dem Ruf gefolgt. Seine rund 40 Bücher sind zum Teil im Verlag Himmerod-Drucke erschienen. Das neueste: "Abenteurer Zachäus". Er gehört der europäischen Autorenvereinigung Kogge an, die ihm den Ehrenring verliehen hat. scho