Von Bienchen, Blümchen und Bauern

Zum Weltbienentag : Von Bienchen, Blümchen und Bauern - Jedes siebte Volk hat nicht überlebt

Fast jedes siebte Bienenvolk in Rheinland-Pfalz hat den vergangenen Winter nicht überlebt. Auch vor der Eifel macht das Bienensterben nicht Halt. Woran das liegt  – darüber hat der TV zum Weltbienentag mit zwei ungleichen Imkern gesprochen.

Heiner Berendt hat keine Berührungsängste. Während Bienen seinen Kopf umschwirren, greift er in den Stock und zieht einen Rahmen heraus – mit bloßen Händen. Das Volk lässt ihn gewähren. Auch, weil Berendt sie mit Rauch beruhigt: „Die denken dann, es brennt, und schauen nach ihrem Nachwuchs“ – fast wie menschliche Mütter. Der Smoker, ein Blasebalg, in dem ein Feuer brennt, ist sein einziger Schutz. Handschuhe trägt er nicht. Sie behindern ihn, sagt er. Und durch einen Schleier sehe er nichts. Gestochen werde er trotzdem nur selten.

Als er vor sechs Jahren mit der Imkerei anfing, habe er noch Pusteln kassiert. Heute wisse er, wie er mit den Schützlingen umgehen müsse. Behutsam nämlich.

50 Kilometer entfernt steht Jürgen Krämer in voller Montur vor einem Baum. Das Gesicht des Brandscheiders liegt hinter einem schwarzen Netz, sein Oberkörper steckt in einem weißen Anzug. Warum der Schutz nötig  ist? Eines seiner Bienenvölker ist aus dem Stock geschwärmt und hat sich auf einem Ast niedergelassen. Mit einem Korb will er die bedrohlich brummende Insektentraube einfangen. Nicht ganz ungefährlich.

Auch Berendts Tiere schwärmen schon mal. Keine große Sache. Schlimmer ist es, wenn ein Volk stirbt. Vor zwei Jahren hat Berendt sechs Völker, also fast eine halbe Million Bienen, auf einen Schlag verloren. Acht seiner 45 Stöcke standen damals zwischen Oberweis und Bettingen (Bitburger Land). Die Tiere sammelten Nektar an den Obstbäumen, die dort wachsen. Und das wurde ihnen zum Verhängnis.

Als der Imker eines Tages zu den Völkern zurückkehrte, waren sie verstummt. Nur in zweien der acht Stöcke brummte es. In den anderen sechs lagen leblose, geringelte Leiber. Was sie umgebracht hat? „Die chemische Keule“, sagt Berendt. Die Bäume, an denen sich die Bienen labten, seien vom Eichenprozessionsspinner befallen gewesen. Also setzte der Eigentümer ein Insektizid ein und tötete damit nicht nur die gefährlichen Raupen, sondern auch Berendts Bienen.

Solche Erfahrungen hat Berendts  Brandscheider Kollege bislang nicht machen müssen. Hin und wieder fallen Bienen mal den Mähdreschern benachbarter Landwirte zum Opfer. „Doch da gibt es keine andere Lösung. Ich kann die Tiere nicht jedes Mal einsperren, wenn gemäht wird“, sagt Krämer. Dass seine Honigmacher Pestizide abbekommen hätten, habe er nie bemerkt. Vom Bienensterben blieben seine Stöcke weitestgehend verschont, sagt der 48-jährige Hobbyimker. Nur ein Volk sei ihm im Herbst eingegangen. Die anderen nun hätten den Winter überlebt.

Auch Berendt habe in jüngster Zeit „keine großen Verluste“ mehr gehabt, wie er sagt. Den vergangenen Winter hätten etwas mehr als 80 Prozent überlebt. „Eine normale Quote“, sagt er.

Mit der liegt er im rheinland-pfälzischen Durchschnitt. Laut Christoph Otten vom Fachzentrum Bienen und Imker in Mayen starben von 2018 auf 2019 rund 13 Prozent der Bienen in der Region Trier. Für den Eifelkreis ist es schwieriger, verlässliche Werte zu bekommen. Denn die Daten des Fachzentrums beruhen auf einer Umfrage, an der rund um Bitburg und Prüm nur 20 bis 30 von 87 Imkern teilgenommen haben – und damit nicht genug für eine solide Statistik. „Wir gehen aber davon aus, dass es sich in der Eifel ähnlich verhält wie im Rest des ehemaligen Regierungsbezirks Trier.“

Noch immer schwinden sie also, die Populationen. Hauptgrund für das Bienensterben ist nach Meinung vieler Experten die Varroamilbe. Ein vor Jahrzehnten aus Asien eingeschleppter Parasit, der sich in Bienenstöcken einnistet. Dort befällt er Insekten und saugt ihr Blut aus.

Ein „tödlicher Feind“, sagt Berendt. Er habe einmal mit bloßen Händen versucht, eine Milbe von einer Drohne abzuziehen. Vergeblich. Insgesamt habe er, „wie jeder gute Imker“, aber das Problem im Griff. Und zwar mithilfe von Ameisensäure.

Die wird in Bienenstöcken zum Verdampfen gebracht. „Den Bienen und ihrem Honig macht das nichts aus. Die Milben aber sterben“, sagt der Bettinger. Genauso handhabt es Krämer, der sagt: „Ich will keine Chemie einsetzen. Das ist sonst alles später in meinen Naturprodukten drin.“

Wilde, oft verborgene Nester aber können mit Ameisensäure nicht gerettet werden. Beide Imker sind sich daher einig: Wildbienen können gegen die Varroamilben nicht bestehen. „Ohne uns Imker haben die Bienen keine Chance“, sagt Krämer. „Wir sind die Schirmherren der Bienen“, sagt Berendt.

Ein größeres Problem als die Milbe seien aber Pestizide, meint der Bettinger. Viele Bienen fielen Mitteln zum Opfer, mit denen Landwirte ihre Felder besprühen. „Chemische Gifte töten nicht nur Unkraut und andere Schädlinge“, sagt Berendt, „sondern auch Bienen und nützliche Insekten wie Schmetterlinge oder Hummeln.“ Die Artenvielfalt leide. Dabei gebe es Alternativen: die Schlupfwespe zum Beispiel, die Ungeziefer frisst.

Wann immer Berendt einen Bauern mit Spritzmittel sieht, spricht er ihn deshalb an. In Grundschulen und Kindergärten ist er mit einem Schaukasten unterwegs, sensibilisiert für das Thema. Und die Resonanz sei groß. Inzwischen gebe es in Bettingen keine Landwirte mehr, die intensiv mit Pestiziden arbeiten. Auch in Rittersdorf, Leimbach und Hisel, sagt der Imker, könne er seine Bienen bedenkenlos herumschwirren lassen.

Auch Krämer hat einige seiner Stöcke bewusst aufgestellt, „wo es keine Landwirtschaft gibt“, nämlich im Wald zwischen Pronsfeld und Habscheid. Allerdings sieht er das Thema Pestizide nicht so kritisch wie sein Kollege. Vielleicht auch, weil in Krämers Brust, wie er sagt, mindestens drei Herzen schlagen. Der selbstständige Finanzdienstleister ist nämlich Hobbyimker, Hobbylandwirt und Vorsitzender der FDP im Eifeler Kreisverband.

Sein Bauernherz sagt: „Ohne Spritzmittel können wir kein Getreide anbauen, das der Kunde haben möchte.“ Landwirte, die auf chemische Unkrautvernichter verzichteten, seien auf dem internationalen Markt kaum konkurrenzfähig. „Die Bauern aus der Region stehen ja nicht im Wettbewerb mit kleinen Bauern aus Hessen, sondern mit großen Betrieben in den neuen Bundesländern und Osteuropa“, sagt der Liberale. Dort gebe es nicht nur bessere Böden, sondern auch günstigere Arbeitskräfte und „ganz andere Umweltauflagen“.

Dennoch hält Krämer Pestizide nicht für die Lösung des Problems, sondern eher für ein notwendiges Übel: „Wir müssen sie tolerieren, solange Heißwasserspritzen zur Unkrautvernichtung nicht ganz ausgereift sind.“ Derweil täten Landwirte alles, um größere Schäden durch Pestizide zu verhindern: „Kein Bauer hat ein Interesse daran, es mit dem Zeug zu übertreiben.“ Felder würden daher inzwischen mit Drohnen überflogen, um zu sehen, wo der Einsatz der Spritzmittel notwendig ist, und wo nicht.

Probleme sieht Krämer eher, wenn Privatleute versuchen, ihrem Garten mit Unkrautvernichter etwas Gutes zu tun: „Die schütten  eher mal mehr drauf, als gebraucht wird.“

Apropos Privatgärten: Auch die haben Umweltschützer im Blick. Steinbeete gelten manchem als „Gärten des Grauens“. Nicht nur wegen der Optik, sondern auch, weil sie Insekten, wie der Biene, keine Nahrung bieten.

Auch Berendt sind Kieselgärten ein Dorn im Auge. Der Bettinger wünscht sich mehr Wildwuchs: „Man muss doch nicht jede Wiese zum englischen Rasen trimmen. Nicht sofort den Freischneider zücken, sobald eine Blume ihren Kopf aus dem Gras steckt.“

Allmählich, sagt Berendt gebe es ein Umdenken. Ortschaften, wie der Bitburger Stadtteil Mötsch, legen Blühwiesen an. Er hoffe nur, sagt er, dass das neue Umweltbewusstsein nicht zu spät kommt, um die Bienen zu retten. Denn: „Am liebsten würde ich weitermachen, bis ich umfalle und mit dem Kopf in den Stock reinkrache.“

Auch Jürgen Krämer hält nichts von Steingärten. Noch weniger hält der Imker aber von Verboten. „Als Liberaler möchte ich den Menschen nicht vorschreiben, wie sie ihre Gärten zu gestalten haben“, sagt er. Ein Problem seien die Kieselbeete höchstens in Neubaugebieten. In gewachsenen Dörfern und Städten gebe es genug Vielfalt. Dass die Bienen heute vielerorts kaum Nahrung fänden, habe andere Gründe.

Zwei sehr unterschiedliche Männer, die eine Leidenschaft teilen: Bienen. Heiner Berendt (links) ist seit zwei Jahren Berufsimker, für Jürgen Krämer (rechts) ist die Imkerei ein Hobby. Foto: TV/Christian Altmayer
ARCHIV - 24.02.2019, USA, San Francisco: Das Unkrautvernichtungsmittel Roundup steht in einem Ladenregal zum Verkauf. (zu dpa «US-Umweltbehörde stuft Glyphosat weiter als nicht krebserregend ein» vom 01.05.2019) Foto: Haven Daley/AP/dpa +++ dpa-Bildfunk +++. Foto: dpa/Haven Daley
Vampire der Tierwelt: Varroamilben befallen die Drohnenbrut (links). Die Parasiten sind in Deutschland zum Feind der Bienen geworden. Aber auch Pestizide, wie das umstrittene Mittel „Roundup“ mit dem Wirkstoff Glyphosat, tragen nach Meinung mancher Experten zum Sterben der populären Insekten bei. . Foto: dpa/Uli Deck

Und jetzt nimmt Krämer doch die Landwirte in die Pflicht: Es werde, behauptet er, zu früh und zu oft im Jahr gemäht. „Damit gibt man den Pflanzen keine Chance“, sagt Krämer. Zudem würden durch die immer größer werdenden Felder und den Maisanbau Futterflächen für Insekten verschwinden. „Einen Vorwurf kann man den Landwirten deswegen aber nicht machen“, findet Krämer: „Der Strukturwandel war nötig, um zu Üüerleben.“ Die Bienen dürften nicht aus der Eifel verschwinden, die Bauern aber auch nicht.

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