Von Blindgängern und Falschparkern in Bitburg

Stadtgeschehen : Von Blindgängern und Falschparkern in Bitburg

Ein Fachmann hat die Straße „Am Markt“ in Bitburg nach Kampfmitteln abgesucht. Nicht nur deshalb herrschte Parkplatznot.

Etwas merkwürdig ist der Anblick schon: Ein junger Mann schiebt eine Art Rollator vor sich her. Einen orangen Rollator mit Antenne und Bildschirm, der ein kleines Konzert gibt. Abwechselnd klackt und pfeift das Gerät. Dazu gesellt sich ein Piepsen, das sich wie ein Tinnitus im Ohr festsetzt. „Wenn ein Ton fehlt, weiß ich, dass etwas nicht stimmt“, sagt der Herr, der das Gefährt an der Bitburger Konrad-Adenauer-Anlage vorbeirollt. Wenn ein Geräusch aussetzt, heißt das, dass entweder das Navigationsgerät oder der Scanner ausgefallen ist. Aber auch Veränderungen der Lautstärke oder Tonhöhe sagen etwas aus.

Plötzlich wird das Piepen schriller. Das heißt: Der Scanner, ein mobiler Metalldetektor, hat ausgeschlagen.  Das sogenannte TDEM-Gerät (“Time Domain Electro Magnetics“) speist ein elektromagnetisches Feld in den Untergrund ein. Darauf reagieren Metallteile im Boden. Auf diese Weise können Feuerwerker zum Beispiel Weltkriegsbomben in der Tiefe aufspüren. In diesem Fall war es aber kein Sprengstoff, sondern nur ein Kanaldeckel, der den Pfeifton ausgelöst hat.

Erschwert wird ihm die Arbeit von vielen Autofahrern, die sich nicht an das Parkverbot halten. Foto: TV/Christian Altmayer

Danach sucht der Mann, der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen will, natürlich nicht – sondern nach „Anomalien“, wie er sagt: „Das Wort Bombe nehmen wir heute nicht in den Mund.“

„Wir“, das ist die Firma Kampfmittelortung Welker aus Kirn im Hunsrück. Das Unternehmen ermittelt für Auftraggeber in Rheinland-Pfalz, im Saarland, in Hessen und Baden-Württemberg, ob sich auf einem Gelände Kampfmittel befinden.  Die Stadt hat die Fachleute beauftragt, „Am Markt“, „Am Römerquell“ und in der „Sauerstraße“ zu suchen. Damit die Werke beim geplanten Verlegen von Wasserleitungen nicht auf Überraschungen stoßen. Dass der Mann, der an diesem Freitag allein in der Stadt unterwegs ist, etwas finden wird, ist nicht unwahrscheinlich. „In Bitburg gab es schon einige Funde“, sagt Verwaltungssprecher Werner Krämer (siehe Info). An Weihnachten 1944 wurde die Stadt durch Luftangriffe zu 85 Prozent zerstört. Einige Blindgänger aus dem Zweiten Weltkrieg schlummern also wohl noch immer unter dem Asphalt.

Am Freitag wird der Feuerwerker aber nicht mehr herausbekommen, ob sich auch „Am Markt“ Sprengstoff verbirgt. Denn vor Ort ist nicht zu erkennen, warum der Scanner piepst. „Das kann alle möglichen Gründe haben“, sagt der Experte: „Es könnte zum Beispiel sein, dass jemand hier ein Metallteil vergraben hat oder, dass etwas aus Metall verbaut wurde.“ Um mehr über die Anomalien zu erfahren, muss der Kampfmittel-Experte die Daten im Büro auswerten. Ergebnisse gebe es in den nächsten Tagen – zumindest, wenn er es an diesem Freitag noch in alle drei Straßen schafft. Was ihm die Arbeit erschwert: Autofahrer, die sich nicht an die Verkehrsregeln halten. Die Stadt hat alle Parkplätze „Am Markt“ während der Untersuchung gesperrt. Mehrere rot-blaue Schilder rund um die Konrad-Adenauer-Anlage weisen darauf hin. Doch halten mag sich an die Vorschrift kaum jemand.

Rund um das Radler-Häuschen stehen Autos, in den Lücken in der Straße ebenfalls. „Eigentlich müsste man die alle abschleppen lassen“, sagt der Sprengstoff-Fachmann: „Aber ich bin ja kein Unmensch.“ Er verfolgt daher eine andere Taktik: Immer wenn ein Auto wegfährt, rollt er mit dem Gerät flott über den freigewordenen Parkplatz. Das dauert zwar länger, erspart aber Ärger.

Ein Wagen hält vor einem Restaurant. Eine Frau steigt aus und blickt sich um. „Darf ich hier parken?“, ruft sie dem Sprengstoff-Fachmann zu. „Eigentlich nicht“, antwortet der. „Aber wo soll ich hin?“, fragt die Dame und zeigt mit dem Finger auf einen Rollstuhl, den sie gerade aus dem Kofferraum gehievt hat: „Ich muss jemand zum Arzt bringen.“ „Wie lang brauchen Sie denn?“, fragt der Mann. „Weiß ich noch nicht. Aber Sie finden mich dann bei Doktor Jager, wenn der Wagen weg muss“, sagt sie und lässt ihr Auto zurück. Wenig später dreht eine andere Frau mit ihrem Fahrzeug eine Runde „Am Markt“. Als sie den Mann in der Warnweste sieht, kurbelt sie das Fenster runter: „Wo soll ich denn parken? Die ganze Stadt ist zu.“ Ganz unrecht hat sie nicht: Auf dem Beda-Platz ist an diesem Tag Krammarkt, am alten Gymnasium steht der Boden des Festzelts für den Beda-Markt bereit. Das schränkt die Suche nach Stellflächen ein. Weswegen wohl auch eine Kollegin die Gunst der falschen Stunde genutzt hat. Um die Mittagszeit geht in der Redaktion des Volksfreundes in Bitburg ein Anruf vom Ordnungsamt ein: „Können Sie Ihrer Redakteurin sagen, dass sie ihren Wagen wegfahren soll?“